Hirschkuh am Saum des Waldes

Ich lese weiter Herbstgedichte, dann habe ich das schon fertig. Nein, das war nicht ernstgemeint. Ich lese Herbstgedichte, weil sie schön sind. Lest mehr Lyrik! Etwas fremder als sonst sind sie mir allerdings auch in diesem Jahr, im Jahr II des Home-Offices. Morgens nicht rausgehen, am Mittag nicht rausgehen, da fehlt der Bezug zum Draußen über eine zu weite Strecke des Tages, merke ich. Ich gehe deswegen seit einiger Zeit morgens doch einmal kurz raus, ich gehe zum Bäcker, ich gehe zum Markt, ich gehe zum Briefkasten oder zum Geldautomaten. Ich stelle fest, das reicht nicht. Ich müsste mindestens bis zur Arbeit gehen, das ist ein Weg von etwas mehr als 20 Minuten. Erst dann bin ich voll im Wetter und also auch in der Jahreszeit. Durchgefroren oder erhitzt, nass oder was auch immer, das empfindet man alles nicht nebenbei, nicht einmal das empfindet man nebenbei, man muss sich dem schon widmen. Im Home-Office gibt es keine Jahreszeiten, im Home-Office gibt es nur irgendwann Lebkuchen.

Ich lese Trakl, da erstarrt am Saum des Waldes der Schrei der Hirschkuh . Wie fremd ist das denn, bitte? Ich gucke vom Notebook hoch, es regnet auf das Dachfenster. Das ist hier die Natur, querlaufende Tropfen, dezentes Getrommel, asphaltgraue Wolken über der ganzen Stadt. Ich mag das. Ich finde es sogar dermaßen gemütlich, ich könnte Menschen kontaktieren, nur um ihnen zu sagen, wie schön das ist. So sehr mag ich das, aber ich reiße mich natürlich zusammen. Contenance! Ein endlos grauer Himmel, Regenschlieren, Sturzbäche. Und dabei dann arbeiten, lesen oder schreiben, das ist seelische Heimat. Leise Musik dazu. Kaffee. Franzbrötchen. Perfekt.

Der Regen hört auf, ich gehe zum Fenster, ich mache es weit auf. Drei Wespen kommen herein und wollen mit mir über Essen reden. Es ist nicht so leicht, sie abzuwimmeln, sie reden durcheinander und haben Argumente. Auf dem Dach gegenüber sitzt eine nasse Stadttaube und sieht verstimmt aus.

In der Dachrinne liegen wieder Dönerreste, die werden da von Möwen oder Krähen hindrapiert. Die holen sie unten aus den Mülleimern an der Kreuzung und essen sie dann in aller Ruhe bei mir hier oben. Die Hirschkuh am Saum des Waldes wäre vielleicht auch schön, aber man muss nehmen, was man kriegen kann.

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4 Kommentare

  1. Zuletzt habe ich im Wald ein Reh getroffen, das fand ich sehr poetisch. Ich hab es vorsichtig angesprochen, und da ist es weggesprungen, nicht ohne einen Blick über die Schulter zu mir.

  2. Zum Thema Reh und Lyrik fiel mir dieses Gedicht ein.

    Im Park

    Ein ganz kleines Reh stand am ganz kleinen Baum
    still und verklärt wie im Traum.
    Das war des Nachts elf Uhr zwei.
    Und dann kam ich um vier
    Morgens wieder vorbei.
    Und da träumte noch immer das Tier.
    Nun schlich ich mich leise – ich atmete kaum –
    gegen den Wind an den Baum,
    und gab dem Reh einen ganz kleinen Stips.
    Und da war es aus Gips.

    Joachim Ringelnatz.

    „(Das „Original-Reh“ steht angeblich in einem Park in Hamburg-Blankenese :-)“

    https://www.unix-ag.uni-kl.de/~conrad/lyrics/impark.html

  3. Unter Umständen ein ganz klein wenig weniger poetisch, aber das folgende Reh mag auch in die Sammlung:

    Das Reh springt hoch, das Reh springt weit,
    Warum auch nicht,
    es hat ja Zeit!

    Heinz Erhardt

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