Die Demo löst sich auf, es ist kurz alles gut

Sonnabend. In den Schaufenstern sehe ich jetzt vermehrt die Peace-Zeichen, die Soli-Fahnen. An den Wänden und Stromkästen sehe ich weiterhin noch nichts, immerhin fällt mir noch ein neuer Schriftzug auf dem Fußweg auf.

Sprühschrift auf dem Fußweg: Putin fuck you

Ich gehe einkaufen. Ich sehe an einem Menschen, der vor mir hergeht, eine ukrainische Flagge, die hat er sich hinten an den Rucksack gesteckt. So ein selbstgebasteltes Exemplar, Filzstift auf Papier. Seine Begleiterin hat ein blaues Halstuch um und eine gelbe Mütze auf, ihr Kind trägt ein ebenfalls gebasteltes Peace-Zeichen, Pappe und Edding, das hält es stolz hoch. Und da, die beiden da vorne haben auch Symbole in dieser Art dabei und der da ein Schild, das sich gegen Putin richtet und der dort eines für den Frieden und ich brauche wirklich bemerkenswert lange, um zu realisieren, dass das alles Demo-TeilnehmerInnen sind.

Ein Demo-Pappschild: Stop the war now, blaugelber Hintergrund

Eine weitere Demo von beträchtlicher Größe hat sich in der Nähe gerade aufgelöst, Unmengen von Menschen kommen aus der Richtung des ukrainischen Konsulats und gehen jetzt zum Bahnhof oder weiter in die Innenstadt. Die Straße wird immer voller, die Fußwege werden zu eng, das kleine Bahnhofsviertel ist für einen Moment komplett überfüllt, Trauben von Menschen überall, vor jedem Laden, vor jedem Restaurant, vor den Bushaltestellen und Kioskeingängen, man kommt kaum noch durch.

Die Sonne scheint, die Temperaturen sind gerade erträglich, die Menschen sind gut gelaunt. Weil sie so viele sind, denke ich. Manchmal ist es auch gut, wenn es viele sind. Und natürlich wegen des Wetters. Und weil sie etwas Sinnvolles gemacht haben, das sicher auch, weil sie sich jetzt gerade alle so einig sind. Und weil es da vorne einen Kaffee to go gibt und da ein Eis, einen Döner, einen Crêpe und ein Bier, einen Wein und hier, da kann man sich sogar einmal in die Sonne setzen, Aperolgefunkel im Glas.

All die Leute haben die gleiche Richtung wie ich. Ich ziehe mit ihnen meine vertrauten Wege entlang, langsamer als sonst. Sie halten ihre Pappschilder noch hoch, man schleift das dann ja nach der Demo nicht hinter sich her oder entsorgt es gleich. So demonstriere ich also ein paar hundert Meter mit, und ich dachte doch am Morgen, ich hätte heute einmal keine Zeit dafür. Das finde ich gut und richtig so, eine willkommene Gelegenheit, ich gehe da gerne mit.

Es ist viel gute Stimmung um mich herum, sogar sehr viel, und irgendwas ist da noch, was ist das eigentlich. Irgendwas ist anders.

Es ist Anfang März, der Februar ist noch in Erinnerung, dieser allzu graue Monat, der düstere Sturmmonat, der Novembruar. Die tiefhängende Bleidecke der Wolken, die überall greifbare furchtbar schlechte Stimmung, die dann, als man schon dachte, viel übler gelaunt können wir alle aber nun wirklich nicht mehr werden, durch den Krieg gegen allgemeines Entsetzen durchgetauscht wurde.

Aber das jetzt hier … es findet auf einmal wieder Leben im Stadtteil statt, und wie. Buntes Leben, pralles Leben, all die Farben, das Blau, das Gelb, hier und da auch schon die Frühjahrsmode, es leuchtet an so vielen Menschen. Viele, die meisten sogar tragen Masken, aber sie drängen sich auch dicht an dicht, vor den Läden, in den Läden, durch die Außengastro. Lachende Menschen in Warteschlangen, ein Kaffee, ein Kaffee, endlich ein Kaffee. Gruppen, die sich freuen, einen freien Tisch gefunden zu haben, fröhliche „Hier!“-Rufe und Winken. Eiswaffeln in Kinderhänden, Menschen, die mit neuen Schuhen aus Läden kommen und diese den draußen Wartenden zeigen, Sneaker mit neonfarbenen Streifen. Drei Teenie-Mädchen, die lachend im Gleichschritt gehen. Kellner, die Tafeln mit den Tagesangeboten herumzeigen und routinierte Späße machen. Ein Rudel Kinder um ein Tablet geschart, auf dem ein Video läuft, Hunde, die sich so begeistert begegnen, dass die Leinen sich verknäueln. Alles draußen, alles farbig und friedlich und es ist, als sei nach dem Elendsfebruar das Leben erst jetzt wieder angeschaltet worden, der Trubel, das Miteinander auch, eine Gesellschaft findet wieder statt.

Sprühkunst: Zwei sich küssende Strichmännchen mit Herzchen

Die Demo löst sich auf, und in der Auflösung manifestiert sich, wofür sie war. Frieden, Freiheit, Alltag, Leben. Eis in Kinderhänden, neue Schuhe und ein Glas Wein in der Sonne. Freunde und Familie und Wochenende und Spaß und mit den anderen darüber reden, wie es ist und wie man alles findet. Pläne machen können. An einer Ecke Rumpel-Reggae aus einer tragbaren Box, drei, vier Menschen aus drei, vier Ländern wippen im Takt, schöne Stunden im Vorfrühling, nichts ist selbstverständlich.

Oder wie die Söhne sagen würden: Peace, Digger. Chill mal.

Ich ziehe meinen Einkaufsroller durch die erstaunlich vergnügte Menge. Es ist kurz alles gut, zumindest bis ich die nächsten Nachrichten lese und wieder sehe, wogegen diese Demo war.

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