Mittwoch, Wallungen

Ein Frühlingstag, fast ist es schon ein Sommertag, es geht alles etwas schnell und hopplahopp. Die Kastanie ein paar Häuser weiter ist auf einmal üppig ergrünt, und ich könnte schwören, das war sie doch gestern noch nicht. Dieses Grün wirkt wie angeknipst, das kann sich unmöglich langsam entfaltet haben. Reichlich Deko ist da auf einmal über Nacht, mach das mal alles sommerlich da, hat die Natur gesagt. Das unübersichtliche Menschengewimmel in der Außengastro, Gesichter in der Sonne, es werden noch mehr und noch mehr Stühle rausgetragen. Neue Mode trägt man unübersehbar, der ganze Stadtteil sieht frisch eingekleidet und ausgestattet aus. All diese Sachen, die heute zum ersten Mal getragen werden, alles sieht so gebügelt, faltenfrei, leuchtend und farbfrisch aus, und wie sie alle im Vorbeigehen ihr Spiegelbild in den Schaufenstern prüfen, das Wippen der neuen Sachen und der Frisur. Sehr junge Männer mit sehr lauter Musik in Cabrios, das auch wieder.

Am Straßenrand jetzt hier und da der blühende Löwenzahn, ein gelbes Leuchten aus Steinritzen, summer in the city. Spatzen mit Nistmaterial in den Schnäbeln fliegen herum, dermaßen schwer beschäftigt, da kommt kein Workaholic gegen an.

Vor dem Bürohaus, in dem die besonders strammen Consultingmenschen arbeiten, in deren Offices auch nachts und am Wochenende immer noch Licht brennt, steht eine junge Frau und dreht den Nacken und hält ihn in die Sonne, ach, diese Verspannungen! Die Sechzigstundenwoche macht sich doch bemerkbar. Und ihr Kollege fragt, ob er nicht einmal, und dann sagt sie tatsächlich ja und er drückt beflissen seine Zigarette aus und massiert. Sie rollt die Augen und schnurrt, und er erklärt, was er da Tolles kann, so eine spezielle Massagetechnik, die hat er mal gelernt, sagt er, und sein Kollege neben ihm guckt etwas sparsam, der hätte sicher auch gerne einmal.

Auf dem Spielplatz sehe ich am frühen Abend das erste Liebespaar der Saison, sie treten schon dermaßen innig knutschend auf, dass sie dabei kaum geradeaus gehen können. Stolpern da kichernd durch den Sand und dann bleiben sie vor dem Spielhäuschen stehen. So ein Spielhaus für kleine Menschen, etwa für Dreijährige. Zwei von denen passen da rein und können dann Haus spielen, also rausgucken und andere nicht reinlassen und aus dem Fensterchen winken zum Beispiel. Er zeigt auf das Haus und sie lacht auf, sie bückt sich, sie sieht rein, sie lacht wieder. Dann schüttelt sie aber den Kopf, ist sie ein Schlangenmensch oder was. Er beugt sich da testweise rein, ob man nicht doch, es würde einen ja immerhin keiner sehen, da drinnen. Er zieht probehalber von halb drinnen an ihrem Arm und sie zeigt ihm einen Vogel, und dann küssen sie sich wieder vor dem winzigen Häuschen, dass es eine Art hat, und sie drücken sich die Luft ab, so sieht es jedenfalls aus. Verschmelzungsküsse, und die Körper der beiden wollen so unübersehbar zueinander, aber wo, aber wo denn bloß. Unter der Rutsche geht es auch nicht, und die Büsche ringsum sind doch noch nicht belaubt genug. Sie gehen sich küssend weiter, sie bleiben alle paar Meter stehen und umschlingen sich neu, und ich hoffe für sie, dass sie etwas finden, denn es ist einigermaßen dringend, das sieht man.

Auf meinem Balkon prügeln sich währenddessen zwei Spatzen um einen langen Halm, der gut in ein Nest passen könnte. Den hat der eine zuerst gesehen, was der andere allerdings nicht glaubt, denn er war doch vorher da, und er hat ihm deswegen gleich angeboten, dass er auch ein paar auf den Schnabel bekommen könnte, und das klären sie jetzt aber mal gründlich, dass die Federn nur so fliegen, und es werden dabei Beleidigungen getschilpt, dass die Ringeltauben im Holunder gegenüber indignierter gucken denn je.

Die beiden Liebenden auf dem Spielplatz gehen ab und ein Mann tritt auf, der einen so schlurfenden Gang hat, dass man gleich sieht, der ist stimmungsmäßig nicht unproblematisch. Er wirkt nicht betrunken, das nicht, aber doch irgendwie reichlich angeschlagen, und wenn man sich einen todtraurigen Gang vorstellen kann, dann geht er so. Er hat ein Gerät dabei, das ich von oben nicht sehen kann, aber es macht jedenfalls laut Musik, das kann ich hören, er beschallt den ganzen Platz. Er geht langsam, er geht mit gebeugtem Rücken und hängendem Kopf, er geht enorm belastet durch diesen so sommerlichen Abend und er hört „Woman“ von John Lennon, das Lied ist mir seit Ewigkeiten nicht mehr begegnet.

„Woman, I know you understand the little child inside the man. Please remember, my life is in your hands.“

Und wenn sein Leben in ihrer Hand ist, dann gibt es da, soweit man es als Außenstehender und nur von oben und vom Balkon Betrachtender annehmen kann, ein kleines Problem.

Vielleicht sollte er auch mal eine spezielle Massagetechnik lernen. Oder so.

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1 Kommentar

  1. Hamburg, eine Riesenstadt mit viel Lärm. So stellt man sich das als Nichthamburger vor. Und dann stellen Sie sich an Ihre Strassenecke oder ans Dachfenster und finden genau die kleinen intimen Einblicke, die die meisten wahrscheinlich im Vorübereilen übersehen würden. Ganz großes Kino in Ihrem kleinen Viertel. Danke dafür!

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