Was schön war

Gestern war noch nicht Vollmond, aber es sah doch schon so aus. Der Vollmond im Dezember heißt kalter Mond oder Julmond, las ich, und heute ist es auch wieder ein Supermond, so steht es hier, wobei Supermond kein allzu schöner Begriff ist. Supermond, Superbenzin, Superformel, es klingt nach Werbung. Aber Julmond, das klingt doch eindeutig wie etwas, zu dem es bestimmte alkoholhaltige Getränke geben müsste, die man bei seinem Anblick aus Tradition zu sich nimmt, womöglich in netter Gesellschaft und zu später Stunde. Julmondeinladungen. Haben Sie Julmondeinladungspostkarten? Ich finde, das klingt überaus plausibel, das müsste es doch geben, so dermaßen naheliegend klingt das. Hast Du zum Julmond schon etwas vor? Und ja, früher wurde da eh irgendwas gefeiert, schon klar, im Dezember ging ja alles Heidnische, Christliche und Weltliche seit quasi immer schon wild durcheinander. Julmond. Julmond ist auch als französischer Vorname geeignet, non?

Es ist etwa neun Uhr am Mittwochabend, als ich aus dem Küchenfenster sehe, und der angehende Julmond da links neben dem fast schwarzdunklen Kirchturm hängt, der in diesem Jahr aus Energiespargründen nicht angestrahlt wird, ich erwähnte es bereits, in dem es aber immerhin einen blassen, weihnachtlichen Funkelstern im Turmfenster gibt, was in dieser reduzierten Version ohnehin viel traulicher und besinnlicher wirkt, das sollte man unbedingt so beibehalten.

Gleich neben dem Mond der Mars in selten gesehener Pracht, mit schicken Lichteffekten, weil zartschleierige Wolken gerade äußerst malerisch davor drapiert werden. Feinste Spitze, wie sie in Romanen aus dem neunzehnten Jahrhundert noch vorkam.

Unwirklich sieht es aus, und wenn der Blick nach rechts geht, dann kommen von dort auch noch Lichtsignale vom Jupiter, ebenfalls in seltener Intensität, also zumindest für unsere urbanen Verhältnisse, wir haben hier ja sonst nichts, in unserer bitteren Großstadtsternenarmut.

Es ist kalt und die Luft ist bemerkenswert klar, nur das dezente Wolkengespinst da oben um den Mars, ganz feine Pinsel müsste man nehmen, wollte man das malen, haardünn müssten sie sein. Die Nachbarn ringsum haben in diesem Jahr viel weniger Weihnachtsglimmer und Wintergeblinke an den Balkonen und Fensterrahmen, der ganze Platz ist mit den Vorjahren nicht zu vergleichen. Die Beleuchtung ist um ein paar Jahrzehnte zurückgefallen, und gut sieht es aus, oder sieht es eben nicht aus, denn man erkennt es ja nur in der Verneinung: Was wir nicht sehen, das ist gut. Ein schmaler Lichtschein unten aus der nur angelehnten Tür des dubiosen Thai-Massage-Salons im Souterrain des Hauses aus der Gründerzeit. Eine der Frauen, die dort arbeiten, steht in einem übergeworfenen roten Frottee-Bademantel vor der Tür, rauchend. Auch sie sieht zum Mond hinauf, wie ich.

Ein obligatorischer Mann mit Hund geht an ihr vorbei. Weiter oben, in zweiten und dritten Etagen, zwei, drei Silhouetten in den erleuchteten Fenstern der Häuser neben uns. Abendliche Verrichtungen, Teller werden getragen, das erkenne ich. Ein Licht geht an, ein Licht geht aus. Wie abgestimmt sieht das aus, aber es liegen doch drei Häuser dazwischen.

Kein Verkehr, kein Lärm. Nicht einmal diese im Hintergrund brummende Großstadtunruhe, die wir sonst immer hören. Keine Außengastro auf dem nächsten Platz. Keine Stimmen, keine Rollkoffer, keine zerschellenden Flaschen, kein Streit. Keine auf laut gestellten Smartphonetelefonate über Weihnachtsbesuche und Geschenke und den Charakter von Klaus. Ich habe gerade neulich erst viel über Klaus erfahren, auch über seine Kinder, die er Weihnachten alle mitbringen wird, was übrigens schlimm ist, man macht sich ja keinen Begriff. Aber das nur am Rande, es stellen immer mehr telefonierende Menschen ihre Gesprächspartner laut, ich finde das überaus verstörend. Den theaterhaft alles verstärkenden Soundeffekt, den es auf dem kleinen Platz vor unserem Haus gibt, den kennen die Leute natürlich nicht, den kann nur ich genießen, aus meiner Loge hier. Ich verstehe oft sogar die tröstenden Worte der Mütter auf dem Spielplatz, wenn die Kinder hingefallen sind oder oben auf der Rutsche stehen und Angst vor der wilden Abfahrt haben, denn es ist ein Spielplatz für sehr kleine Kinder, da wird viel geweint. Aber jetzt gerade, jetzt ist es still. Die Kinder weinen zuhause.

Keine tutenden Schiffe aus dem Hafen. Keine quietschend bremsenden Züge aus dem Hauptbahnhof, keine herübergewehten dumpfen Bahnsteigdurchsagen. Keine Hubschrauber der Polizei oder vom ADAC über dem Haus. Keine rasenden Taxis in der Zone 30.

Nur der Mond, der Mars, der Jupiter und der blasse Stern im Kirchturm, die Frau im Bademantel, der Mann mit Hund, und ich hier oben am Fenster, in der unaufgeräumten Küche, mitschreibend.

So war das gestern. Und schön war das.

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2 Kommentare

  1. So eins zu sein mit sich und der Welt, das sind kleine Kostbarkeiten, indeed! Die kommen ins gedachte Marmeladenglas …

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