Währenddessen in den Blogs, Ausgabe 1.1.2023

Draußen wird immer noch vereinzelt geböllert, es ist 08:34 am Neujahrsmorgen. Es wurde reichlich verfeuert in der Nacht, hörte ich. Viel mehr als früher, so schien mir, früher begann es und nach wie vor knallt es hier und da. Mein Eindruck, dass diesmal auch hier enorm viel Raketen und Böller gekauft wurden, er war wohl richtig. Feuerwerksmüll weht am Morgen durch die Straßen, „in exponierten Lagen bis Beaufort 8“, so heißt es im Wetterbericht, ich lese es in meiner exponierten Lage am Dachfenster. Die Kohlmeisen im geschützten Gebüsch am Spielplatzrand jubilieren in frühlingshafter Luft, in irritierend warmer Luft. 15 Grad, es fühlt sich alles nicht richtig an, da draußen ist es April.

Langsam anfangen. Die anderen noch schlafen lassen. Nur leise Musik, nur leises Tippen. Etwas herumzögern, etwas vage bleiben, alles noch unbestimmt lassen. Das Jahr steht noch für nichts und das ist gut so. Einmal wieder ein Jahr, das man sich am Ende nicht merken wird, vielleicht sollte man sich das wünschen. Die Jahre, die man sich merkt, die sind in der Regel problembehaftet, 2015, 2020. In zwanzig Jahren irgendwas mühsam nachrechnen und dann langsam darauf kommen, das muss 2023 gewesen sein. Ach, okay, guck an, aber die Jahreszahl sagt einem dann weiter nichts, das war nur irgendein Jahr. Das wäre vielleicht erholsam, wäre es nicht?

Ich habe gestern noch etwas mit ChatGPT herumgespielt und festgestellt, dass das Programm gerne betont korrekte Antworten gibt, die unverfänglich sind, sauber und korrekt. Man könnte auch sagen, dass sie spießig sind, langweilig und politikersprechmäßig. Vorsichtig auch. Wenn man ChatGPT später fragen wird, was 2023 war, könnte es daher mit der unbedingt sicheren Feststellung beginnen: „2023 war das Jahr nach 2022.“ Damit hat es dann schon einmal etwas gesagt, und falsch war es nicht. Es macht textlich Strecke ohne die geringste Substanz, wer kennt es nicht.

Egal. Erst einmal nur so aus dem Fenster sehen. Wie andere zum Bahnhof gehen oder mit den Hunden, deren Angst allmählich wieder geringer wird. Es ist so warm, die Frau aus dem Thai-Massagesalon trägt nicht einmal den roten Frotteebademantel wie sonst, während sie rauchend vor der Tür steht, sie trägt nur etwas, das sehr kurz und knapp ist, sie trägt fast nichts und so fängt das Jahr also an. Warm und langsam.


Ich lege Ihnen hier noch etwas zum Lesen hin.

Etwa das Medienmenü 2022 von Nicola.

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Und neue Fundstücke aus den Literaturblogs

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Herr Rau hat eine dreiteilige und detailreiche Reihe über seine Mutter als Programmiererin geschrieben: Teil 1, Teil 2, Teil 3.

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Und dann gab es noch Horizonterweiterungen im Landlebenblog.

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3 Kommentare

  1. Ooohhh!!! Wie wundervoll!
    Das ist der frischeste Text, den ich bisher von Ihnen gelesen habe. Juhuu!
    Der perfekte Start ins neue Jahr.
    Das weiße Blatt hat einen ersten Anstrich bekommen.
    Dankeschön für die behutsame und rücksichtsvolle Ankündigung.
    Haben Sie ein ruhiges, nicht stark einprägsames neues Jahr, wie Sie es sich wünschen. (Ich hab da so eine Ahnung, dass das gut wird.)
    Liebe Grüße aus dem Räuberinnenwald ins Auge der Innenstadt.

  2. Wie schön. Ich glaube, 2022 war wohl das Jahr, in dem ich wieder mehr Blogs gelesen habe – angefangen bei diesem. Es könnten demnächst noch mehr werden, schätze ich.
    Ansonsten war die Nacht hier in Amman ruhig (falls geböllert wurde, muss das in anderen Stadtteilen gewesen sein), dafür ist heute der Himmel ausnahmsweise mal richtig grau und wie schon die letzten beiden Tage weht ein recht kalter, heftiger Wind, so heftig, dass mein Mann eben die letzten Orangen vom Baum nahm, damit sie nicht herunterfallen.

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