Es ist Musiksonntag, den ich heute passend zum Monat bespielen möchte. Zum November abzüglich der Weihnachtsmarktaufbaubemühungen, also zum puren, tristen, grauen November. Wie er gehört und sich für manche, etwa für mich, auch gut und passend anfühlt. Dazu gehören dann selbstverständlich Songs mit deutlichen Nostalgie-Eintrübungen, mit mehr oder weniger schmerzhaften Rückblicken, wehmütigen oder bitteren Erinnerungen und überhaupt mit gesungenem Bedauern aller Art. Ach, hätte ich doch, ach, hätten wir doch. Aber man hat ja nicht, wir haben ja nicht, Nun ist es eben, wie es ist, so etwas kommt von so etwas, im November fällt es besonders auf. Und die Haare werden dabei auch schon großstadtnebelgrau.
Solche Lieder meine ich. Mal etwas gnädiger und milder, mal etwas verzweifelter und verlorener ausfallend.
Was ich aus meiner Sammlung in diese Schublade stecken kann, das ist allerdings recht viel. Die Liste umfasst bereits fast 50 Songs, und dabei wird sie noch weiterwachsen. Ich scheine also eine ausgeprägte Neigung zu diesem Untergenre zu haben. Die hatte ich allerdings immer schon, nicht erst nach dem Ablauf von ein paar Jahrzehnten, Misserfolgen, Beziehungen etc.
Direkter Link zur Playlist „Nostalgia“ hier, nachfolgend eingebettet.
Ich muss früh wohl schon gemütsalt gewesen sein, zumindest geschmacklich. Es sind oft Ton- und Satzfolgen für mich, die sich seelenheimatlich anfühlen.
Obwohl Klassiker des Genres gerade die Mehrheit stellen, oft mit den mir genehmsten Coverversionen daneben, sind vielleicht auch noch Entdeckungen für Sie dabei. Etwa Andrew Bird mit „Cathedral in the Dell“ oder Brett Anderson mit „A different place“:
“I thought I’d write you a letter,
about all of the things that have changed
Since the days when we were king and queen,
Of all of we surveyed.
Went in all the coolest places, wore the future in our skin,
And we stood outside on winter nights
And smoked ourselves thin.
And we were clever and cynical and fashionably bored,
We were walking and talking, time out in New York.
But, honey, all that’s gone,
Baby, all that’s gone.“
Zu entdecken sind auch Chris Staples mit „Always on my mind“ oder Bill Fay mit dem schlichten „Arnold is a simple man”.
Oder aber der Mann, der die Kernbotschaft dieses Schubladeninhalts in einer einzigen Zeile zusammenfasst, nämlich Daniel Norgren: „Everything you know melts away like snow.“
Wenn Sie ab und zu mal wieder auf diese Playlist sehen, in einigen Wochen vielleicht, dann wird es dort sicher noch mehr geben. Oder auch einige Lieder schon nicht mehr, denn Playlists führen bei mir ein Eigenleben und passen sich fortwährend an.
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Währenddessen nimmt aber, November hin oder her, die Verholzhüttung der Innenstadt stark zu und der Dezember drängt wie immer mit Vehemenz in den Monat vor ihm ein und wird auch den nach ihm noch schwer belasten, wir kennen das. Eine übergriffige Angelegenheit ist dieser herandrohende Dezember und als Monat ohne Weihnachten kaum zu greifen. Wie überhaupt der „Winter ohne Weihnacht“, es ergibt sich fast von selbst, noch vor Ablauf der Jahreszeit eine eigene Playlist wert ist. Mit gar nicht so vielen Fundstücken, nehme ich an.
Die Holzhütten stehen mir im Weg, buchstäblich auf meinen Spazierstrecken stehen sie. Wie in jedem Jahr nehme ich es indigniert zur Kenntnis. In Kürze stehen da auch die zuverlässig angetrunkenen Stadttouristenmassen und dazu dann noch die vielen, vielen Terrorsperren aus Betonklötzen. Es sind wieder mehr als im letzten Jahr und sie stehen auch an neuen Stellen, es sind noch mehr in meinem Weg.


Als ginge es neben der Terrorabwehr auch darum, die glühweinselige Gesellschaft vor meiner grinchmäßigen Laune zu schützen. Aber ich sickere durch, denke ich mir, als ich zwischen den Klötzen durchschreite.
Auf dem Weihnachtsmarkt um die Ecke immerhin, ich lese es doch gerne, sind laut Beschilderung Fremdenfeindlichkeit, Queerfeindlichkeit und Hass verboten. Ich gucke da auch etwas freundlicher, wenn ich vorbeigehe. Sicher ist sicher.
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Freundlich gucken ist etwas, was ich mir immer wieder sehr bewusst vornehmen muss. Das ist eine ständige hohe Herausforderung und je älter ich werde, desto mehr bedauere ich, dass ich nicht mit mehr Lächeln ausgestattet bin.
Wohlwissend, dass es für manche Frauen ein Fluch ist, den sie nur mühsam in wieder loswerden.
Vor lauter Volkstümelei ist wahrscheinlich noch nie jemandem die Idee gekommen, zu prüfen, ob es überhaupt den Auflagen des Denkmalschutzes entspricht, sorgsam restaurierte historische Marktplätze für geschlagene fünf Wochen mit billigen Sperrholzverschlägen zu möblieren, die landauf, landab identisch sind, …
Wer gewohnt ist, seinen Geschmack nicht als gottgegebene Eigenschaft wie seine Augenfarbe zu betrachten, sondern als eine Größe, an der beständig gearbeitet werden muß, wird vielleicht Schwierigkeiten haben, an einem Weihnachtsmarkt etwas schön zu finden, aber diesen Einwand werden die Leute abschmettern und sagen: »Was ist schon schön?« …
Bretterbuden mit aufgetackertem Fichtengrün, vor denen man, gruppenweise stehend, auf die dümmste Art, die Menschen möglich ist, minderwertige Lebensmittel verzehren kann. Nur Leuten mit dem Weitblick eines Nostradamus würde ich es abnehmen, wenn sie nun sagten, sie kennten noch dümmere Arten, Golden-Delicious-Äpfel aus Drei-Kilo-Plastiksäcken zur Verköstigung zu bringen, als sie auf meist morsche Stäbe gespießt in rot gefärbten Zuckerlack zu tauchen. Dümmer wäre nämlich lediglich, wenn man mit dem Paradiesspieß versehentlich an seinen Schal käme — auch noch voll Schalfusseln, das rote Gruselding. Man könnte nun noch fortfahren und aufwendig den Brauch kritisieren, die Mandelernte vom vorvorigen Jahr durch Karamellisierung zu entsorgen, wobei man hinzufügen müßte, daß man denjenigen, die das essen, wohl auch kandierte Zigarettenstummel vorsetzen könnte, aber das würde ohne Zweifel überhaupt nichts nützen. Viel lieber sage ich folgendes: Wenn ich nun einen schlechten Rotwein hätte, eine Alkoholzufuhr aber für dringend sachdienlich hielte, würde ich den Wein so weit wie möglich runterkühlen. Man weiß ja von Coca-Cola und manchem Milchspeiseeis, daß eklige Dinge halbwegs tolerabel schmecken, wenn man sie stark kühlt. Ich würde den schlechten Wein jedenfalls nicht zur drastischeren Offenlegung seiner minderen Qualität auch noch erwärmen!
… Wir wollen also gar nicht erst damit anfangen, leise tickende Taschen auf Weihnachtsmärkten abzustellen, sondern gehen kühl lächelnd, geführt von ruhigem, friedlichem Desinteresse, seitlich an ihnen vorbei – und dank der guten baupolizeilichen Bestimmungen in Deutschland ist es ja möglich, seitlich an so ziemlich allem, was häßlich ist, vorbeizugehen!
Max Goldt »Der Zauber des seitlich dran Vorbeigehens«
…die Verholzhüttung der Innenstadt… grandios, Respekt, Herr Buddenbohm!