Der erste Schnee in diesem Land, den ich diesmal in meinen Timelines mitbekam, fiel in München. Dort hat die zuständige Bloggerin ihn gemäß heiliger Chronistinnenpflicht auch prompt akribisch notiert. Winter is coming, murmelt man da nach alter Regel, und man geht kurz darauf im Geiste sicherheitshalber kurz durch, ob und wo genau Mützen, Schals, Handschuhe und dergleichen bereitliegen.
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In der Innenstadt füllt es sich nun erwartungsgemäß schnell. Es wird deutlich enger auf meinen frühabendlichen Wegen. Gerade Linien kann ich kaum noch gehen, ganz ohne eigenen Alkoholkonsum. Aber apropos Alkohol, die ersten Glühweingrüppchen schwankten gestern schon an der Strecke, klirrendes Anstoßen mit Teambuilding-Gelächter nach Büroschluss. Passend zum ersten Schnee sah und hörte ich dazu noch erste Straßenmusikanten mit den obligatorischen Weihnachtskrachern. Auch schüchtern singende Pfadfindermädchen darunter, kaum zu hören eigentlich. Aber Geld gab es doch für sie, wie ich sah. Schon das bloße Hinstellen wurde da von den Passanten honoriert.
Der Kanzler hätte deutlich mehr Leistung verlangt, dachte ich im Vorbeigehen, und warum soll er nicht auch einmal recht haben. Auch wenn es vermutlich eine Premiere wäre.

Die ersten Menschen mit Geschenken unter den Armen liefen ebenfalls an mir vorbei. Bunte Verpackungen mit weihnachtlichen Motiven darauf, gedruckte Tannenbäumchen und Weihnachtsmännchen. Geschenkschachteln, die so seltsam gut sichtbar aus den Taschen oder Mänteln ragten, wie man es sich auch in einer New-York-Weihnachts-RomCom vorstellt. Wenn in der ersten Einstellung gleich klar werden muss, zu welcher Zeit im Jahr das Ganze spielt. Dann Schnitt und im nächsten Bild irgendwas mit Schnee, jemand schippt oder wirft einen Ball, aber den Schnee hatten wir hier noch nicht im Setting.

Seltsam gutaussehend waren sie jeweils, diese Geschenke. Und auch diejenigen, welche sie trugen. Beim ersten Menschen in dieser Besetzung dachte ich noch, guck mal, sieht aus wie in einem Prospekt. Beim zweiten Menschen dieser Art staunte ich, beim dritten Fall wurde ich dann doch misstrauisch. Das war eine junge Frau mit blonden Haaren, die beim kunstvollen Verwehen doch arg nach KI aussahen. Man muss jetzt sehr wachsam sein, wie wir alle längst gelernt haben. Mehr und mehr Skepsis ist überall angebracht, ist geradezu Bürgerinnenpflicht.

Kommen Sie, wir verschwören mit, wir können das doch auch. Denn seien wir ehrlich (so muss man dabei unbedingt immer anfangen): Gecastet werden sie doch gewesen sein, diese Menschen mit den so auffällig gut sichtbaren Geschenken. Bestellt und orchestriert werden sie gewesen sein! Von wem auch immer. Sagen wir einfach, und wir sagen es leise, fast flüsternd, raunend: „Von denen.“ Dann kleine Kunstpause.

Das wird schon so passen. Wir gucken außerdem geheimwissend dabei und zwinkern sicherheitshalber noch etwas. Unsere Stimmung sollen sie nämlich heben, diese Weihnachtssondereinsatztruppen. In der Stadt und im Land sollen sie Gemütlichkeit und Frohsinn verbreiten. Abgekartet und arrangiert ist das alles, gewiss auch in Ihrem Wohnort. Achten Sie einmal darauf: Dekorative Menschen mit einem etwas zu breiten, zu zahnweißen Lächeln, mit zu gutsitzenden Haaren und in zu neuer Wintermode, mit etwas zu schönen, viel zu demonstrativ getragenen Geschenken unter den Armen.

Künstlich versüßen sollen Sie uns diese Vorweihnachtszeit selbstverständlich. Denn die Stimmung im Land, sie dreht trotz aller Bemühungen einfach noch nicht bei. Da wird jetzt massiv nachgeholfen, man dreht daran herum, man manipuliert.
Aber nicht mit mir! Haha, nein, nicht mit mir. Ich bin und bleibe durchgehend so schlecht gelaunt, wie ich möchte. Wissense Bescheid.

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Ah! So erklären sich auch die Menschen, die mit den riesigen hässlichen Plüschtieren aus der Los- oder Schießbude über die Kirmes spazieren.