Extra blankets for the cold

Volker Weber schrieb über ein zutiefst hoffnungsloses Thema: Digitale Prozesse in Deutschland. Wobei ich allerdings das etwas unheimliche Gefühl habe, dass wir kollektiv gerade dazu neigen, sämtliche Prozesse einer beschleunigten und dabei auch seltsam umfassenden Enshittification zu unterziehen. Keineswegs nur die digitalen. Es gibt mittlerweile eine kaum noch zu übersehende Neigung, Dinge zu verklemmen, zu verbiegen und aus der jeweiligen Konsumentensicht unnötig zu verwirren.

Als hätten wir allesamt da etwas verlernt. Oder als wären wir kollektiv überfordert von der Welt. Ähnlich wie ein Praktikant in der ersten Woche am Arbeitsplatz heillos lost ist. Vielleicht auch, als hätten wir irgendeinen entscheidenden Punkt überschritten. Oder was weiß ich, es übersteigt bisher in der Gesamtschau mein Deutungsvermögen, ich maße mir daher keine tiefere Erkenntnis an.

Aber auf eine gewisse Art scheinen wir jedenfalls seit ein paar Jahren, Verschwörungstheoretiker aller Art würden sicher zu „ab 2020“ neigen, als Gesellschaft weniger zu können, zu wollen und umzusetzen. Ich muss dieses Thema aber einigermaßen dringend beenden, bevor ich noch in bewährter Boomer-Manier auf das Römische Reich komme.

Besser ist das.

Kreideschrift auf dem Pflaster: Zivilisationsfette abbauen

***

Etwas Erfreulicheres, immer nach Möglichkeit für Ausgleich sorgen: Falls Sie so wie ich zum Herumspielen mit Playlists und zu eskalierenden Versionsvergleichen bei Songs neigen: Auf der Seite Secondhandsongs finden Sie Coverversionen. Viele, sehr viele Coverversionen. Ein wunderbares Kaninchenloch ist es, tief, vielfach verzweigt und herrlich ausweglos.

***

Es ist ansonsten wieder Musiksonntag bei mir. Es muss heute, gerade noch rechtzeitig, die Playlist „Winter ohne Weihnacht“ geben, bevor wir alle wieder unter dem Hauptthema der Saison verschüttet werden, bevor auch in Hamburg am Abend programmgemäß die ersten Flocken fallen werden, wie zumindest der NDR behauptet.

28 Songs habe ich diesmal zusammengestellt. Songs, in denen es schneit oder friert, in denen November oder Dezember erwähnt werden, aber nicht – oder doch fast nicht, ganz ohne kommt man kaum durch – das Weihnachtsfest und sein assoziativer Anhang.

Angefangen bei dem Klassiker, der mir sofort einfiel, siehe auch der Titel dieses Posts. Janis Ian mit dem fortgeschritten traurigen Trennungs- und Vermiss-Lied: „In the winter“, in welchem sie den Kern kunstvoll auf zwei Zeilen reduziert:

“And in the winter extra blankets for the cold
Fix the heater, getting old”

Das Alleinsein, die Kälte, die Vergänglichkeit. Ganz ohne verbrauchte Bilder, das muss man auch anerkennen.

Bei „I am a rock” und „Hazy shade of winter“ kann man Simon & Garfunkel in der sehr jungen Version sehen. Neulich erst wurde Art Garfunkel 84 Jahre alt.

„Hazy shade of winter“ braucht es dann für mich auch in der Bangles-Version. Wobei mir auffällt, dass mir nicht besonders viel aus den Achtzigern geblieben ist, was ich heute noch gut finde.

Herman Dune kann ich gerade pausenlos hören, Mazzy Star und Laura Marling steuern Songs bei, die schon Klassiker geworden sind. Bei Phoebe Bridgers wird es in ihrer Merle-Haggard-Adaption noch einmal besonders traurig, und bei Vashti Bunyan hört man die Kälte, sieht man das winterliche Blau im Licht.

Ausblick von der Strandhöftspitze Richtung Elbphilharmonie, baluwinterliches Licht, eine Frau, von hinten gesehen, auf einer Bank

Das Duett von Mitchell & Cash war mir als Fundstück erfreulich neu, und neu waren mir auch Smith & Burrows. Zu Leonard Cohens „Winter Lady“ legte ich die Version des Avalanche Quartet, die übrigens eine ganze Reihe respektabler Cohen-Cover eingespielt haben. Wie auch die Cover von Ane Brun zu den gut Hörbaren gehören.

Der Gegensatz zwischen Tori Amos und Colter Wall ist dann schon satiremäßig ausgeprägt, einerseits der Liedanfang bei ihr:

“Snow can wait, I forgot my mittens
Wipe my nose, get my new boots on
I get a little warm in my heart when I think of winter
I put my hand in my father’s glove.”

Andererseits der herbe Start bei ihm:

“It was a cold and cruel evenin‘ sneaking up on Speedy Creek
I found myself sleepin‘ in the snow
For one or two odd reasons I ain’t too proud to repeat
For now we’ll say I had no place to go.“

Na, auch diese Liste wächst sicher noch weiter.

***

Sie können hier Geld in die virtuelle Version des Hutes werfen, herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch. Die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel.

Ein Kommentar

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert