Einige Anmerkungen zur Datenlage

Am 4. Dezember beendet die erste Kollegin den Call über verschiedene Standorte hinweg mit „Ja, dann: Frohes Fest!“ Womit wir plangemäß die nächste Eskalationsstufe erreichen und rechts und links die Menschen aus den Büros und Home-Offices wahlweise in saisonale Krankheiten oder Resturlaube wegbrechen, alternativ aber auch unter der Restarbeit zusammen. History repeating.

Die damit zusammenhängende und allfällige Jahresenderschöpfung führt erwartungsgemäß wieder zu den im Dezember typischen, stark abweichenden Zeitwahrnehmungen. So war es etwa am Dienstagabend in dieser Woche um 19 Uhr 30, wie ich an diesem Tag notierte, gefühlt äußerst überzeugend bereits Donnerstag, und zwar etwa 23:45.

Es ist dann jeweils etwas mühsam, sich geistig wieder auf die Tatsache zurückzukalibrieren, dass in Wahrheit noch mehr Arbeit, noch mehr Termine und noch mehr Komplikationen vor einem liegen, als man gerade wahrhaben möchte oder meint, noch ertragen zu können. Aber wie immer gilt, dies ist selbstverständlich Jammern auf hohem Niveau. Ich muss nur aus dem Fenster sehen, um die ersten obdachlosen Menschen im Stadtteil zu sehen, die sämtlich etwas ernstere Probleme haben als ich.

Und ich sehe oft aus dem Fenster.

Wie auch immer, the end is near, wie man es auch dreht und wendet. Also zumindest das Ende dieses Jahres. Wohlwissend, dass dieses Jahresende nur eine vollkommen beliebige, ausgedachte, eher unwirkliche Einteilung des ebenfalls nur ausgedachten, rein fiktiven Spielfeldes des Lebens und des Kalenders ist. Es wird vermutlich dennoch sinnvoll sein, sich auf diese gamifizierten Einteilungen einzulassen. Und zumindest so zu tun, als könnte man über die kommenden Festtage hinweg irgendwie anders Luft holen als sonst. Als würde man „zwischen den Jahren“ wesentlich gründlicher als an gewöhnlichen Wochenenden oder Feiertagen resettet. Als würde man geblitzdingst oder auf sonst irgendeine Art geheimnisvoll generalüberholt. Und danach dann hoffentlich erneut für den Verkehr aller Art zugelassen.

So dass uns dann im Ergebnis, *hexhex*, ab dem 1. Januar auf einmal neue, ungeahnte Reserven zur Verfügung stehen werden. Und man sich im besten Fall sowohl selbst als auch anderen die Sache mit dem neuen Schwung zumindest kurz auch abnehmen könnte. Etwa eine Woche lang, was dann auch ein Fall von einem tröstlichen Immerhin ist.

In den letzten Tagen fragte ich mich, während ich diese und ähnliche Gedankengänge hatte, ob es eigentlich eine Frage des Alters sein könnte, dass niemand in meinem Umfeld mit Begeisterung, Vorfreude, Hoffnung oder sonst einem positiv zu wertenden, ausdrücklich bejahenden Gedanken auf das kommende Jahr blickt. Was ich seit dem Jahr 2020 bereits so feststelle, regelmäßig wiederkehrend, in diesem Fall weiß ich das Startdatum. Es ist auch einigermaßen naheliegend.

Aber kaum hatte ich mir im Geiste diese Frage gestellt, sah ich eine Art Meme auf Instagram, in dem genau diese Frage, nämlich wieso denn niemand freudig voraussehen würde, von jungen und sogar sehr jungen Menschen gestellt wurde. Von Menschen, die aus mehreren Ländern kamen, allerdings mit dem bei uns allen üblichen WEIRD-Bias in der Wahrnehmung.

Kennen Sie diesen Bias? Mit dem haben wir es dauernd zu tun, wenn wir über unsere Kultur, unsere Erfahrungen und Werte, auch über unseren Medien- und Internetkonsum reden. Die Abkürzung meint: „Western, educated, industrialized, rich, democratic.“ Dieser Teil der Welt nämlich, sozusagen unser Teil der Welt. In anderen Teilen der Welt verhält sich selbstverständlich vieles recht anders. Wenn nicht sogar fast alles.

Der Begriff WEIRD-Bias kommt aus der Psychologie, hier die Wikipedia dazu. Er ist aber prima in alle möglichen Richtungen übertragbar und unbedingt smalltalk-tauglich bei vielen Gelegenheiten.

Was ich eigentlich nur sagen wollte: Es ist der 6. Dezember. Aber gefühlt, mit Time-Chill-Faktor sozusagen, ist es etwa der 12. Dezember, wenn nicht der 18.

Ein Adventskalender, bunt bedruckte Papiertüten

Ein Adventskalender, alt, selbstgenäht, bunt bedruckte Stoffherzen

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5 Kommentare

  1. „Als würde man „zwischen den Jahren“ wesentlich gründlicher als an gewöhnlichen Wochenenden oder Feiertagen resettet.“

    Das ist m.E. nicht nur eine schöne Vorstellung, sondern gründet im bei vielen – nicht allen! – berechtigten Gefühl, dass „niemand in diesen Tagen etwas (berufliches) von mir wollen kann“ – und zwar mehrere Tage am Stück, also mehr als an gewöhnlichen Wochenenden.

  2. Mal etwas provokant gefragt:
    Ist das Koketterie das Sie so beschäftigt sind oder einfach nur schlechte Planung?

    Die Weihnachtszeit und das Jahresende läuft jedes Jahr quasi gleich und ist somit sehr gut planbar. Und mit 50+ hat man auch genug Erfahrung.

    Alles wird immer leichter durch Hilfsmittel und neue Services. Arbeit, Essen kochen, Geschenke kaufen…

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