Was der Stadtneurotiker hier über das tägliche Ausweichen schreibt, über den veränderten Nachrichtenkonsum, das könnte ich größtenteils unterschreiben. Und ich halte es auch für einen allgemeineren Trend. Ich könnte das aus meinem Umfeld heraus auch mit zahlreichen Beispielen im Bekanntenkreis belegen, was aber ein weiterer Stichprobenfehler von vielen sein könnte.
Aktuelle Zahlen, Studien etc. zu dem Thema kenne ich nicht. Ich bin aber doch recht sicher, mit meiner Vermutung richtig zu liegen.
Das durchdachtere, informationsverdichtende Einsteigen in News-Themen geschieht bei mir fast noch über Podcasts. Und die höre ich dann gerne auf Expertenebene, nicht im allgemeinen Plauderbereich. Und zwar auch dann nicht, wenn das Geplauder gefällig meine politische Richtung bedient.
Ich höre diese Podcasts außerdem fast nie tagesaktuell, sondern eher in einer Taktung und auf einem Niveau, das man früher, in dem heute so selig gepriesenen analogen Damals, noch in Wochenzeitungen oder Monatszeitschriften gefunden hat. Von denen ich eine noch in der Printversion abonniert habe, wie so ein Steinzeitmensch, nämlich die Blätter für deutsche und internationale Politik. Die sind bei mir das Relikt einer vergangenen Epoche.
Meine Haltung zu den meist grässlichen Themen in den News hat sich nicht verändert, seitdem ich nicht mehr pausenlos an ihnen klebe wie ein Putzerfisch an der Scheibe des Aquariums. Mein Wahlverhalten hat sich schon gar nicht verändert. Auf die üblichen Demos würde ich ebenfalls weiterhin gehen und in Gesprächen genau wie früher ggf. mit Protest oder Zustimmung reagieren etc. Ich bin auch nicht noch fatalistischer geworden, denke ich. Und ich fühle mich bisher nicht überzeugend biedermeierlich, eine geistige Verstifterung fand meines Wissens nicht statt (ich neige mehr dem von Felix beschriebenen Kleist-Update zu). Vielleicht noch nicht.
Es kann da auch ein Selbstbild/Fremdbild-Problem geben, schon klar. Sie wissen ja, dieses Selbstbild/Fremdbild-Ding ist eine der Sollbruchstellen unserer vermeintlichen Intelligenz. Daran scheitern wir alle mit schöner Regelmäßigkeit.
Aber noch vor zwei Jahren etwa hätte ich jedenfalls bei der aktuellen Nachrichtenlage mit Venezuela etc. die internationalen Newsstreams pausenlos verfolgt. Dazu noch die sozialen Medien, eh klar. Heute nehme ich vielleicht zwanzig Prozent der damaligen Nachrichtenüberdosis zur Kenntnis, nehme ich an. Was mir allerdings weiterhin nicht die Gnade der Uninformiertheit gewährt. Der Stein ist noch lange nicht groß genug, um unter ihm zu leben.
Unterm Strich habe ich sicher weder der Welt noch mir selbst ruhmreich dadurch gedient, dass ich zeitweise alle hektischen Ticker-Meldungen zu jeder globalen Aufregung mitbekommen habe und einiges mit mehr oder weniger gelungenen Pointen in den Timelines kommentiert habe. Ich habe mir aber oft genug dadurch Stunden genommen, die ich in besserer, entspannterer Stimmung hätte verbringen können. Ohne dass die Welt deswegen noch schneller den Bach heruntergegangen wäre, kann ich wohl annehmen. Es war also irgendwann eine einladende Option, das Verhalten zu ändern.
Na, es ist alles nur eine Phase.

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Guten Morgen, ich muss sagen, mir geht es genauso. Mein Mann verfolgt alles ganz genau und ich will es nicht wissen. Ich versuche mich anderen Dingen zu widmen. Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Tag. Gruß Katrin
Ach, die Weltverdrossenheit breitet sich aus…. hoffentlich nicht mit dem verhängnisvollen „Rückzug ins Private“ wie im Biedermeier…. und trotzdem auch hier nur noch zusammengefasstes Überfliegen der Ereignisse, schwierig, das rechte Medium dafür zu finden. Danke für den Hinweis auf das Magazin, Papier ist etwas schönes. Alles Gute für 2026!