Währenddessen dachten die Menschen in dieser Stadt tagelang kollektiv über die Vergangenheit nach. In erstaunlich schnell ritualisiert wirkenden Smalltalkversatzstücken taten sie das, welche sich sämtlich auf das Wetter bezogen. Denn es ist nach wie vor erstaunlich weiß hier, und es wird auch noch mehr Schnee geben. Viel davon wird noch fallen, sagen diejenigen, die es wissen müssen. Wir stehen also unverhofft vor einer stabilen Winterkulisse. Wann aber gab es das zuletzt?

Wann hat es das letzte Mal so geschneit, wann konnte man wo nicht mehr mit dem Auto oder mit dem Rad entlangfahren oder nicht einmal mehr gehen, wann konnte man wo rodeln oder sogar skilanglaufen? Wann war die Außenalster zugefroren, so dick, dass wir über sie gehen konnten, wann haben wir denn noch einmal so erbärmlich gefroren und wann die Schneebälle geworfen, mit den Kindern die Schneemänner oder -frauen gebaut, die Sonnenbrillen wegen der Wintersonne in der gleißenden Schneelandschaft aufgesetzt?
Das weiß man spontan gar nicht mehr genau. Da muss man erst einmal nachrechnen, muss die Jahre an den Fingern nachzählen, längst vage gewordene Erinnerungsmarker anpeilen und halbvergessene Ereignisse neu durchsortieren. „Das war jedenfalls, als die Kinder noch klein waren.“ Und dabei zeigt man etwa in Hüfthöhe, wie klein sie damals waren, und dann lächelt man kurz versonnen. Oder es war zu jener Zeit, als der Hund noch lebte, als die Großmutter noch in ihrer Wohnung lebte oder als das Büro noch in dem anderen Stadtteil war. Als wir aus Australien zurückkamen und im Flugzeug nur T-Shirts anhatten. Weißt du noch. Weißt du nicht?
Eine ganze Stadt denkt zurück und räumt ihre Wetter-Erinnerungen auf. Aber einig wird man sich dabei nicht unbedingt. So ist das nämlich mit den Zeugenaussagen, wie wir längst wissen, es ist ein unzuverlässiges Glücksspiel. Und es hilft nicht einmal weiter, dass die lokalen Medien hilfreich einspringen und uns die Jahre mit dem Schnee und dem Alstereis usw. genau benennen. Denn man weiß es doch besser! Also zumindest teilweise, und da dann aber ganz sicher. Echt jetzt. Weil!
Und dann folgt eine ellenlange Ableitung, die zunächst so klingt, als könnte sie auch vor Gericht mit Eifer wiederholt werden. Aber unter Eid – eine gefährliche Sache.
Wenn man sich jedenfalls für das Thema Erinnerungen und Wahrheit, Zeugen und Wirklichkeit interessiert, dann sind diese Tage ein wahres Fest. Man kann lachend an zig Smalltalksituationen vorbeigehen und miterleben, wie die vermeintlich klar gelagerte Vergangenheit zu einer höchst ungewissen Angelegenheit wird. In der es entweder in jedem oder aber in gar keinem Jahr geschneit und gefroren hat – man muss nur die jeweils passenden Zeugenaussagen chronologisch nach den benannten Ereignissen sortieren und zusammenfügen.
Und bei allem behalten wir selbstverständlich im Sinn, dass da draußen gerade analoger Schnee zum Anfassen fällt. Mit dem man also analogen Spaß haben kann, der in diesem Jahr des globalen Offline-Trends sicher doppelt zählen wird. Jeder mit klammen Fingern geformte Schneeball stellt uns nun eine entschlossene Abkehr von einer vermeintlich sinnlosen Smartphoneminute dar. So wird es sicher gesehen und dann auch online inszeniert werden. Die Filmchen dazu werden zweifellos trenden.

Wir Älteren denken aber bei all dem bitte auch kurz an die Zeiten zurück, wie lange sind die denn eigentlich her, in denen es auf einmal modern war, es auf den Seiten im Internet zur Weihnachtszeit digital schneien zu lassen. Und es war für kurze Zeit tatsächlich ein „Oh, guck mal!“-Effekt, wissen Sie es noch?
Was haben wir schon alles mitgemacht, wir Digitalveteranen Aber ob jenes Jahr, in dem es für uns zum ersten Mal digital geschneit hat, auch ein Jahr war, in dem es zusätzlich analog geschneit hat … das wäre auch erst noch länger zu durchgrübeln.
Aber wie auch immer. Der olle Degenhardt schrieb:
„Dann wollen wir uns wälzen
Nach einem heißen Bad
Im Schnee, und der wird schmelzen
Weil er zu schmelzen hat.
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Ist man Ganzjahresradfahrer, so weiß man, dass es derlei stabiles Winterwetter oft gab. Zuletzt vor fünf Jahren auch genau um die Zeit.
Ich erzähle Neuberliner*innen, die übers Wetter klagen, ja gerne von dem Winter 2011, als der Schnee im März schmolz und darunter die Silvesterknaller zum Vorschein kamen. Ob das Jahr stimmt, weiß ich nach diesem Text jetzt nicht mehr. Hmpf.
Im Schnee liegen, mit Sohn, Engel oder nicht.
Die Luft riecht dunkel und sauber.
Den Straßenlärm frisst der Schnee, wie schön.
Dann gehen die Engel wieder ins Warme…