Belastungen und Besonderheiten

Ich sehe online den Begriff „Admin-Nights“, den kannte ich noch nicht. Falls Sie ihn auch nicht kannten, ist es vielleicht schon wieder ein neuer Fall für unser kleines Trendforschungslabor. Wir sehen uns das also etwas genauer an. Aus den USA kommt das, wo früher alle großartigen Trends herkamen, die etwas auf sich hielten. Aber das ist eine Weile her, es gilt gerade nicht mehr zwingend als cool, von dort zu kommen.

Wie auch immer, man trifft sich jedenfalls bei den Admin-Nights „with a couple of friends and maybe a bottle of wine“. Was einem gleich dezent geschönt vorkommt. Denn es werden wohl meist auch „a couple of bottles“ sein, nicht wahr. Man meint doch, die Menschen und ihr Suchtverhalten so weit zu kennen. Dann macht man gemeinsam in freundschaftlicher Runde Admin-Zeug und arbeitet mitgebrachte Ungeheuerlichkeiten, Ballast und Zumutungen aller Art ab.

Von der Kündigung alter Abos über die liegengebliebene Buchhaltung und die so sehr drängende Steuererklärung bis zu zwingend notwendigen An- und Abmeldungen aller Art und zu allgemeinen Ablagen und Auseinandersortierungen. All das Aufgeschobene bringt man also dorthin mit. Man jammert und wehklagt ein wenig gemeinsam, stelle ich mir vor, man löst dabei aber nach Möglichkeit auch und arbeitet mehr oder weniger stetig ab. Man hilft sich wohl außerdem gegenseitig. Dabei arbeitet man, so nehme ich an, in einer Geschwindigkeit, die möglichst viele abgehakte To-Dos noch vor der ersten geleerten Bottle ermöglicht. Denn es wird danach bekanntlich irgendwann schwieriger, wie hoch auch immer die Anfangsmotivation sein mag.

Tröstlich kann man es auf eine Art vielleicht finden, dass es solche Admin-Nights gibt. Beweist es doch immerhin, dass auch andere Menschen die Admin-Lasten aller Art als stark herausfordernd empfinden. Als permanent im Hintergrund lauernde Überforderung, die hier und da längst zu amtlichen Akten gerann, als schier endlose Plage und Mühsal der Ebene. Man ist auch bei diesem Thema in keiner so speziellen Lage, wie man oft denkt. Man meint nur, auf eine markante Art besonders zu sein, obwohl auch hier selbstverständlich wieder die goldene Lebensregel gilt, die man nicht oft genug wiederholen kann:

Alle Fragen, die mit „Bin ich eigentlich die Einzige, die …“ beginnen, können kategorisch verneint werden. Die männliche Form ist mitgemeint.

Es ist eine Regel, die sich in meinem Leben oft bestätigt hat. Man kann sich bei den Admin-Nights also heiter und in trauter Gemeinsamkeit und Ähnlichkeit um die diversen Bottles gruppieren, stelle ich mir vor, und niemand ragt dabei auffällig durch Besonderheiten heraus.

Für mich wären Admin-Nights allerdings nichts, ich lege zu großen Wert darauf, nachts zu schlafen. Ich wäre eher für Admin-Early-Evenings, aber das klingt irgendwie uncool. Das wird kein Trend werden, ich sehe es sofort ein.

Eine Frage, die mir bleibt, ist eine, deren Antwort ich nicht genau weiß, an der ich aber interessiert wäre: Ist nämlich meine Annahme richtig, dass die Admin-Belastung des Durchschnittsmenschen heute größer ist, als sie es noch vor zwanzig, dreißig Jahren war? Erheblich größer?

Weil doch z. B. all das Digitale in unserem modernen Alltag in this best of all possible worlds in aller Regel keineswegs nur Erleichterung und Simplification, sondern im Gegenteil oft genug Complications und gesteigerten Verwaltungswahnsinn mit sich bringt. Weil auch sonst zumindest gefühlt alles immer schwieriger und keineswegs geschmeidiger wird. Als abgesicherte Expertenmeinung ist mir das allerdings bisher noch nicht begegnet.

Dass aber unsere vorhergehenden Generationen in einer Zeit noch weit vor den Anglizismen und vor all dem Digitalen, damals im analogen Zeitalter also, so etwas wie „Verwaltungsnächte in geselliger Runde“ als Trend erfunden hätten – es kommt mir nicht eben wahrscheinlich vor. Ich stelle mir meine Großmutter, die Onkels und Tanten dabei vor … nein, nein.

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2 Kommentare

  1. Dass die Admin-Belastung des Durchschnittsmenschen heute größer ist, als sie es noch vor zwanzig, dreißig Jahren war, glaube ich nicht. Es gab damals Menschen, die ihren Papierkram nicht auf die Reihe bekommen haben, und es gibt sie heute eben so – unabhängig davon, ob es Papierkram oder digitale Ablage ist.

    Das einzige, was mehr wird, ist der Admin-Müll. Alte Ordner nehmen sichtbaren Platz ein und wurden eher mal entsorgt, als dass Leute freiwillig ihre Festplatte aufräumen.

    Für die Steuererklärung brauche ich jedes Jahr weniger Zeit als im Jahr zuvor und die mache ich seit 22 Jahren mit der gleichen Software.

    Wünsche einen adminarmen Schneetag!

  2. Diese Frage stellte ich mir such neulich, während ich 3/4 des Tages damit verbrachte, ein gut 70 Seiten starkes Schriftstück mit umfassenden Anlagen auf digitalem, neuen Weg sicher zu übermitteln. Aber mit „einfach ausdrucken, eintüten und per Post versenden“ hätte es mindestens genauso lang gedauert, allein das Sortieren der dann erforderlichen Mehrfachausdrucke oder Kopien (1 f. Gericht, 1 f. Mandant, 1 f. Akte, 2 je Gegenpartei), das Abheften in Aktenordnern, Weg zur Post, frankieren.. Dafür haben wir früher 1,5 Personentage eingerechnet.
    Mehr Arbeit hat man aber wegen der großen Auswahl von Anbietern, früher gab es Strom und Telefon eben nur von einem, jetzt könnte man jederzeit wechseln. Und ein Smartphonewechsel ist deutlich aufwendiger als den papierhaften Filofax (Telefonbuch/Kalender) abzuschreiben….

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