Beinharte Wirklichkeit

Das letzte hier liegende Buch von Michael Maar habe ich durchgelesen, den Band über die Tagebücher: „Heute bedeckt und kühl“ (Verlagslink). Jetzt geht es herber weiter, ich lese „Verlust – Ein Grundproblem der Moderne“ von Andreas Reckwitz, hier die Perlentaucherseite dazu. Die Rezensenten äußern sich dort überwiegend positiv.

Kein leichtes, kein schönes Thema, eher beinharte Wirklichkeit und Analyse der Gegenwart. Aber ich sehe auch gerade weit und breit keinen Urlaub in meinem Kalender. Da wird man so eine Lektüre wohl abarbeiten können, wenn sie einen doch weiterbildet.

Der Titelzusatz „Ein Grundproblem der Moderne“, so scheint mir, wäre auch als Aufkleber nett und brauchbar. Den man gleich hier und da anpappen könnte, etwa an unaufgeräumte Teenagerzimmer. Oder auch an überbordende Pfandflaschensammlungen, an ungeleerte Mülleimer, an Ordner mit Behördenbriefen (siehe dazu mein Text von gestern) oder auch an den Badezimmerspiegel und dergleichen. Als lapidare Standardantwort in Outlook, die man sich bequem auf einen Shortcut legen könnte, ist die Formulierung sicher ebenfalls geeignet. Wenn eine Kollegin sich elaboriert über etwas beschwert, bei dem man eher nicht tätig werden möchte, reicht dieser Satz vielleicht als verständnisvoll bestätigende, dabei aber keinerlei Lösung aufzeigende Reply: „Ein Grundproblem der Moderne!“

Und damit hat sich das Thema vielleicht erledigt. Das mal so versuchen.

Das Buch "Verlust" von Andreas Reckwitz

Recht früh im Buch kommt Andreas Reckwitz auf ein hier aktuelles Blogthema, es geht bei ihm nämlich auch um die im Trend liegende Freude am Analogen. Ich zitiere etwas umfänglicher, mit der Bitte, besonders den letzten Satz zu beachten:

„Vinylplatten haben ein überraschendes Revival erlebt. Einst hoffnungslos antiquiert und erst durch CDs, dann Streamingdienste verdrängt, punkten sie nun mit der Authentizität ihres Hörerlebnisses. „Wie früher“ – ein „Früher“, das man selbst möglicherweise nie erlebt hat – hält man die aufwändig gestalteten Plattencover in den Händen und lauscht dem Knistern, wenn die Nadel über die Rillen der Schallplatte gleitet. Zeitgleich sind im Städtetourismus die lost places zum Geheimtipp geworden: heruntergekommene, häufig am Stadtrand gelegene Gebäude etwa aus der Blütezeit der industriellen Moderne, in denen sich eine spezielle Ruinenästhetik entdecken lässt. Aber auch sorgfältig restaurierte Bauwerke wie das Tacheles in Berlin oder die Bourses de Commerce in Paris beschwören die Faszination einer jüngeren Vergangenheit.

Dies alles sind Beispiele einer spätmodernen Nostalgieökonomie und einer nostalgischen Ästhetisierung, die in den Dingen und Orten einen bestimmten, häufig idealisierten Ausschnitt der Vergangenheit präsent zu halten versuchen. Wenn die Zukunft nicht mehr viel verspricht, ist die Bewahrung der Kultur der Vergangenheit vor dem vollständigen Verlust – als Heritage, Retro oder eben Nostalgie – offenbar zu einer charakteristischen Strategie der Gegenwartskultur geworden.“

Treppenstufen in einem Kirchturm, durch Buntglasfenster bei Nacht fotografiert

Diese Absage an die wenigversprechend erscheinende Zukunft und an die schnöde Gegenwart, sie ist der Schatten der so harmlos daherkommenden, nostalgiewarmen Analog-Verehrung. Sie ist der Teil, der eher nicht besprochen und erörtert wird. Weil man dann gedanklich aus dem lifestyligen, eher kuscheligen Argumentationsmuster in schmerzhafte Bereiche vordringen müsste.

Da mal drüber nachdenken! Vielleicht während die Platte dabei besonders schön knistert. Und während man, wenn es das Stück überhaupt auf Vinyl gibt, passend zum Wetter in dieser Stadt noch einmal Daniel Norgren hört. Wo man doch gerade bei Verlusten ist: „Everything you know melts away like snow …“

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Ein Kommentar

  1. Dann wieder: In der Zeit riesigen technischen Fortschritts Ende des 19. Jahrhunderts war der bevorzugte Baustil in unseren Breiten der Historismus. Innen Dampfmaschinen, Gas- und dann elektrisches Licht, außen Türmchen und Neogotisches. Vielleicht sind wir Menschen so?

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