05:30 Am Abend des Donnerstags, das ist erst noch nachzutragen, wurden hier tatsächlich Läden erstaunlich leergekauft. Ich war doch ein wenig überrascht, die Leute hamsterten ernsthaft wieder. Was sich wohl dadurch erklären lässt, dass nahezu sämtliche Institutionen und Politpersonen dieser Stadt vor einer Kamera standen und vor diesem Wochenende gewarnt haben. Überall erhobene Zeigefinger, ernste Blicke und die immer wieder angesagte Gefahr für Leib und Leben.
Die ich nicht kleinreden möchte, und wenn deswegen ein paar hektische Irre weniger mit dem Auto durch die Stadt und über die Schnee- und Eispisten fahren, hat man sicher viel erreicht. Aber die Dosis und Intensität der Warnungen und Mahnungen, sie war doch insgesamt ein wenig erstaunlich.

06:07 Am Freitagmorgen kommt programmgemäß etwas Wind auf und klingt auch prompt so, als könnte er in Kürze zum Sturm werden wollen. Wenn man aus diesen norddeutschen Gegenden hier kommt, dann meint man manchmal, es dem Wind bei den ersten Brisen schon anhören zu können, ob er ein solches Potenzial hat oder nicht. Und man murmelt dann gerne, wie ein gestandener Matrose ein paar Seemeilen vor Kap Hoorn, seine Wetter-Erkenntnisse fluchend vor sich hin, bevor man doch wieder trotzig La Paloma pfeift und sich erst einmal weiter um die üblichen Verrichtungen an Deck oder im Home-Office kümmert.
07:01 Ich gehe noch vor der Arbeit durch seltsam leere Straßen zum Supermarkt. Offensichtlich fahren sehr wenig Menschen mit dem Auto, verhalten sich also vernünftig, es ist ein wenig befremdlich. Das machen sie doch sonst nicht, was ist jetzt anders.
07:15 Ich kaufe im Supermarkt als Frühkunde nicht etwa das, was die hamsternden Massen kaufen wollen, nein, ich kaufe lediglich eine kleine Packung Zuckergusskonfetti. Welches die Herzdame für einen heute zu backenden Kuchen braucht, und zwar, so sagte sie, dringend. „As you wish“, antworte ich in solchen Fällen. Denn was soll man auch sonst antworten, und dann gehe ich los, quer durch all die Wetterwarnungen.
08:15 Vor unseren Dachfenstern wird tatsächlich Schneesturm aufgeführt. Der zwar vielleicht so schlimm nicht sein wird, denke ich mir, der aber jedenfalls überzeugend so aussieht. Weil große Mengen von pulverigem Schnee an den Scheiben vorbei verweht werden, weil sie dort wild und eindrucksvoll kreisen und dann in ungestümer Eile alsterwärts vorbeibrausen. Und weil dabei ein ansprechend pfeifendes, schräg heulendes Geräusch eingesetzt wird, welches man aus Western mit Blizzard-Szenen zu kennen meint. Ich arbeite im Brotberuf, stehe zwischendurch interessiert am Fenster und lobe den Sturm. Wie immer mit dem richtigen Borchert-Zitat dabei, Sie kennen es wohl schon von mir:
„Stell dich mitten in den Wind
Glaub an ihn und sei ein Kind
Lass den Sturm in dich hinein
Und versuche, gut zu sein.“
09:44 Die Bahn stellt den Fernverkehr ein. Jetzt kann ich nicht mehr, was weiß ich, mit dem Zug nach Hannover fahren, um ein vollkommen beliebiges Beispiel zu nennen. Keine Ahnung, warum mir Hannover einfällt, ich weiß gar nicht, was ich in Hannover tun sollte. Ich werfe beiläufig einen Blick auf Instagram, dort wird mir Werbung gezeigt für eine Tagesbar in … Hannover. Nette Bilder zum Thema Daydrinking. Seltsam, sonst sehe ich nie Werbung für irgendwas aus Hannover.
Ich glaube nicht an Verschwörungstheorien, aber die Zufälle sind doch eindeutig hinter mir her, so viel steht fest.
11.49: Es passiert sonst nix, was zu berichten wäre. Es weht nur immer weiter erstaunlich viel Schnee am Fenster vorbei. Im Bildausschnitt könnte auch ein Loop angespielt werden, ich würde es nicht merken. Der Blick nach draußen sieht manchmal ein wenig nach den Bildstörungen aus, die einige noch von früher kennen werden. Als es noch Fernseher mit Zimmerantennen gab und einer damit über die Möbel turnen musste, bis das Bild endlich komplett flimmerfrei war: „So bleiben!“
Der Live-Ticker vom NDR weiß auch nichts weiter zu berichten, nur dass Züge, Flüge etc. ausfallen und dass die Stadtreinigung die Stadt reinigt. Also vom Schnee. Okay.
12:10: Im Haus gegenüber macht eine junge Frau in pyjamamäßigem Outfit ein Fenster weit auf, vermutlich um sich die Pracht anzusehen. Woraufhin der schneegeladene Wind ihr dermaßen sturmstark eine langt, dass sie mit spitzem Schrei zurücktaumelt, das Fenster eilig wieder schließt und sich hüpfend Schnee aus dem Dekolleté schüttelt. Genug gelüftet für heute, nehme ich an.
12:25 Die Herzdame backt Kuchen. Wodurch es in der Wohnung äußerst gemütlich duftet, was sich mit dem Blizzard-Szenario vor den Fenstern hervorragend verbindet.
12:40: Mein Abend-Date fragt, ob wir eigentlich auch bei Sturm und Schnee daten. Aber sicher tun wir das, wir verlegen nur eben den Treffpunkt in die Bar, die für uns auf dem kürzesten Weg zu erreichen ist.
13:20: Mittagsschlaf bei hörspielmäßig inszenierten Sturmgeräuschen. Es ist mir ein wahres Fest.
14:35: Ich gehe einen Eimer kaufen. In unserem Eimer ist nämlich ein Loch, wie sich gerade beim Putzen gezeigt hat. Wozu man früher geradezu zwangsweise ein gewisses Lied hätte singen müssen, die Älteren erinnern sich. Ich aber singe keine Lieder und verkneife mir sogar das in diesem Moment notwendige Krückstockgefuchtel. Denn früher hätte ich in userem Stadtteil noch in mehreren Läden einen Eimer kaufen können, hätte also Auswahl gehabt. Früher! Als es hier noch richtige Geschäfte gab und nicht nur überteuerte Touristenbespaßungseinrichtungen. Knurrend strolche ich durch die Winterlandschaft, den blöden Eimer zu kaufen. Einzelne Läden haben heute tatsächlich geschlossen, sehe ich. Wegen des Wetters, so steht es auf Zetteln an Türen.

Der Rest der Stunden bis zum Abend-Date verstreicht dann bemerkenswert ereignislos. Drinnen wird einfach so herumgewohnt, draußen wird immer weiter herumgewettert. Aber allmählich doch etwas lustloser, dem Klang nach zu urteilen.
Mehr findet nicht statt, und das ist vermutlich auch gut so. Auch den Live-Tickern der Medien fällt nun beim besten Willen nichts mehr ein, nur noch: „Die Glätte bleibt.“
Diverse Wetter-Apps schicken schon einmal Entwarnungen, die Sturmgeräusche nehmen weiter ab, hören dann sang- und klanglos auf.

18:50: Ich gehe zu meinem Date und nehme den Hauptvorteil des Tages mit: Die Bar unserer Wahl ist an einem Freitagabend leer wie ein Saloon in einer gottverlassenen Stadt irgendwo im weiten Westen bei Schneesturm. Und nicht etwa gewohnt bumsvoll wie eine bekannte Szene-Bar auf der Ausgehmeile in der Millionenstadt.
Es sind etliche Plätze frei, ein merkwürdig ungewohnter Anblick. Obwohl wir beide schon oft in dieser Bar waren, können wir uns heute eine Ecke zum Sitzen aussuchen, in der wir noch nie waren, so leer ist es. Und sitzen dann dort wie vom Winde verweht.

Denn man muss so einem Sturm vielleicht auch die Chance geben, einen irgendwohin zu bewegen. Es ist am Ende nur fair, er hat sich immerhin sichtlich viel Mühe gegeben, und das sogar einen ganzen Tag lang.
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Leere Regale fielen mir am Donnerstag in zwei Geschäften auch auf. Allerdings brachte ich sie nicht in Zusammenhang mit der Wettervorhersage, die für unsere Region nicht so dramatisch war. Aber vielleicht war das auch nur meine Interpretation.
In Berlin waren gestern wirklich wenig Menschen – vor allem Autos – unterwegs. Das was sehr angenehm zu erleben.
Das macht auch Hoffnung, dass Menschen in diesen Tagen zuhören und Warnungen glauben.
Einst kaufte ich eine Plastikwanne bei 1000 Töpfe im kleinen Bahnhofsviertel. Lang , lang ist’s her…
Das Lied mit dem Eimer: ich kenne es tatsächlich nur in der Version vom Medium Terzett, dem lange Zeit einzigen Musikexport meiner Geburtsstadt (bis dann der Kunze kam). Und zwar, wie auch sonst, im Blauen Bock gesehen, bei dem sie über Jahre immer mit diesem einen Lied zu Gast waren (40mal!).
(Zum Blauen Bock: liebe Kinder, das war eine sehr beliebte Fernsehsendung der 50er und 60er und 70er Jahre.)