Im Rahmen meines bereits erwähnten Ausgeh-Revivals gehe ich mit der Herzdame wieder vermehrt aus, also jeweils im Sinne eines Dates. Auch einmal wieder an der eigenen Frau herumbaggern, so lautete mein Beschluss vor ein paar Wochen, und mit eindeutigsten Absichten wild drauflosflirten. Vermutlich würden es auch Paartherapeutinnen so empfehlen, nehme ich jedenfalls an. Man sollte als alternder Mensch vielleicht auch die beim Flirt notwendigen Fähigkeiten als erhaltenswert deklarieren, finde ich. Nicht nur die routinemäßig erwähnte Gelenkigkeit, das Merkvermögen bei Namen etc.
Wobei diese beiden Punkte in Verbindung mit Flirts auch ihre Berechtigung haben, fällt mir gerade auf. Aber ich schweife ab.
In dieser Reihe waren wir unter anderem in einem indischen Restaurant um die Ecke, von dem ich vorher im Vorbeigehen noch gar keine Notiz genommen hatte. Authentikka in der Lilienstraße, Innenstadt. Wo am Essen und am Service nichts auszusetzen war, das war alles bestens, sehr bemüht und außerordentlich freundlich. Wo wir nur etwas seltsam saßen. Nämlich auf Stühlen oder eher Sesselchen, die in Bezug auf den Tisch dazwischen etwas zu klein geraten waren. Also nur ein wenig zu klein, nur einige Zentimeter, nicht im drastisch auffälligen Bereich. Nur gerade so, dass es sich etwas seltsam anfühlte, etwas unpassend, irgendwie falsch und befremdlich. Vielleicht hatten auch die Herzdame und ich einfach die falsche Größe für dieses Arrangement, das mag sein.

Jedenfalls saß ich dort mit diesen merkwürdigen, auf einmal nur allzu gut abrufbaren Erinnerungen an Kindertische auf Familienfeiern in den 70ern. An denen man auch oft seltsam verbogen saß und die plötzlich in Foto- und Filmqualität vor meinem geistigen Auge verfügbar waren. Inklusive längst vergessen geglaubter Gesichter aus der Verwandtschaft um mich herum.
In einem Comicstrip über den Abend hätte ich an dieser Stelle vermutlich entgeistert die Erinnerungswolke angesehen, die da spontan aus meinem Hirn emporwölkte.
Was man nicht alles im Körpergedächtnis verwahrt! Auf einmal spürt man die Vergangenheit, als wäre sie jetzt, als sei sie also im Faulknerschen Sinne not even past. Und zwar spürte ich sie in diesem Fall genau in der Höhe, in der die Tischkante meinen Bauch berührte.
Weswegen ich einen nicht eben kurzen Moment lang gedanklich wieder vor Fanta und Frankfurter Kranz saß und auf die spätere Ausgabe von Erdnussflips in großen Mengen hoffte. Es war tatsächlich eine unerwartet plastische Erinnerung. Eine Art Hologramm-Effekt, ein Zeitloch, etwas in der Art, und es war in der Intensität durchaus etwas unheimlich.

Gleichzeitig – man ist eben doch zum Multitasking fähig! – war mir die ganze Zeit bewusst, dass diese Kombination von ausgeprägtem Flirtwillen und merkwürdig unpassender Körperhaltung eindeutig dem Loriot-Humor zuzurechnen war. Der aus kleinen Szenen dieser Art bekanntlich Klassiker gemacht hat, die wir heute noch verehren und teils aufsagen können. Also zumindest die Menschen aus meiner Generation, die sie damals oft genug im Fernsehen gesehen haben.
Wenn man jedenfalls, und das wollte ich nur eben sagen, bei einem Date einerseits plötzlich intensiv über sein Kindheits-Ich nachdenken und diesem hinterherspüren muss, man andererseits aber im Kopf dauernd Drehbuchskizzen für die Neuauflage der berühmten Sketche toter Humoristen entwirft – dann ist man eventuell beim eigentlich geplanten und auch dringend anstehenden Flirt nicht so intensiv bei der Sache, wie es vor Beginn des Abends angedacht war. Denn das Multitasking im Hirn ist zwar möglich, aber doch begrenzt.
Es erwies sich daher als gut und auch entspannend, mit der diesmal angebeteten Frau der Wahl ohnehin längst verheiratet zu sein. So dass ich auf dem Rückweg dennoch ihre per Geschenk lederbehandschuhte Hand wie frisch erobert nehmen und auch küssen konnte, so dass es möglich war, sie auf der seltsam menschenleeren Brücke vor dem Bahnhof im hellen Mondschein der Großstadtnacht einfach zu umarmen. So dass ich schließlich dennoch mit ihr im Bett landete. Wenn auch nur mangels anderer Auswahl in der Wohnung.
Wo sie dann zwar sofort einschlief, denn es war schon spät und am nächsten Tag stand wieder Alltag an, aber gut – es lief immerhin alles einigermaßen konzeptgemäß, cum grano salis. Dachte ich mir. In einer Paartherapie würde man sich da vielleicht Bestätigung für diesen Abend erbitten, nicht wahr. Oder Fleißpunkte und Lob für gemachte Hausaufgaben und umgesetzte Ideen vielleicht.
Oder was man da eben bekommen kann. Ich kenne mich gar nicht aus.
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Kopfkino, Kopfkino ohne Ende…
und das am frühen Morgen