Mit der Herzdame sah ich den Anfang von Twin Peaks, und auch das habe ich stets bemüht als Form von Date inszeniert. Wir sehen normalerweise abends keine Filme oder Serien, wir müssen uns dazu erst verabreden. Als die Serie zum ersten Mal ausgestrahlt wurde, sah ich sie an einem anderen Ort und mit einer anderen Ehefrau, dachte ich kurz beim Vorspann, als die Musik anfing. Selbst wenn man im Leben nicht groß herumkommt und ausdrücklich kein Abenteurer ist, ein wenig verschiebt sich doch über die Jahrzehnte. Wenn auch etwas langsamer als bei anderen.
Über das Twin-Peaks-Sehen schrieben ausführlich und recht verschieden z. B. schon Wibke und auch die Kaltmamsell (drüben verlinkt). Ich nehme an, die meisten Menschen, die grob in unserer Alterskohorte sind, könnten aus dem Stand ganze Essaybände über ihre Twin-Peaks-Erfahrungen, die damit verbundenen Assoziationen und die vielen Erinnerungen rund um die Serie schreiben. Und in nicht eben wenigen Fällen würden dabei wichtige, große Themen behandelt werden. Romantaugliche Strukturen würden mit einiger Sicherheit zutage treten.
Gäbe es eine Doku über unsere Rückblicke, womöglich auf arte, man würde in unsere gesprochenen Erinnerungen ab und zu kluge Zitate von Lynch hineinschneiden. Es würde sich alles fast wie von selbst ergeben, nehme ich an.
Diese Rückblenden wären dann immer untermalt mit den Melodien aus der Serie. Die bekanntlich so munter, heiter und lebensfroh nicht klingen. Der Soundtrack ist etwas abgründiger und verheißt uns kein Happy End, er verheißt uns im besten Fall ein Open End. Man weiß aber nicht so recht, ob man darauf lange hoffen darf oder ob ein Unhappy End nicht viel wahrscheinlicher wirkt und anklingt.
Nein, die Musik von Angelo Badalamenti verspricht am ehesten, dass die Wahrheit irgendwo da draußen sein könnte … Aber da kommen wir dann etwas vom Thema ab. Was soll aber auch für eine Kunst entstehen, wenn „lamenti“ Bestandteil des Komponistennachnamens ist. Er schrieb z. B. auch für Nina Simone, der Herr Badalamenti, das Lied „I hold no grudge“ etwa. Ich sah es gerade von ihrer Tochter gesungen, Lisa Simone:
Mir fiel nach ein, zwei Stunden des Wiedersehens dann auf, dass mir heute wie damals die Verwicklungen der Handlung mehrheitlich zu kompliziert und daher eher egal sind. Ich habe es nicht so mit dem Rätselraten und finde es nicht interessant, wenn mir eine Story zu viel Kryptik bietet. Ich bin aber auch ein schlichtes Gemüt und war immerhin für lange Zeit blond. Es wirkt womöglich noch nach.
Außerdem meine ich im Falle von Lynch zu wissen, dass man eh nicht wie bei Arthur Conan Doyle und Konsorten am Ende auf eine vollkommen logische, ableitbare Erklärung für alles hätte kommen müssen: „Kombiniere: Es war der Gärtner.“
Nein, so war diese Serie nie gemeint.

Zusätzlich fiel mir auf, wie gut ich mich an die Bilder erinnere. An die Looks, an die Farben. An das seltsam überbetonte, gefährlich wirkende Rot, besonders wenn es auf den Lippen der Darstellerinnen vorkommt. Sogar an die Möbel erinnere ich mich erstaunlich gut. An die Interieurs, an die Holzverkleidungen in diesen ebenfalls übermäßig satten Bernstein-Orange-Tönen. Viele der männlichen Darsteller, das war ebenfalls bemerkenswert, könnten auch heute noch so herumlaufen, wie sie damals angezogen waren. Es würde nicht oder doch erstaunlich wenig auffallen. Bei den Frauen sieht das anders aus und fängt schon bei den Frisuren an. Die so nicht mehr gehen, die aus der Zeit gefallen wirken.
Etwas unangenehm aber, weil es schon wieder auf mein Alter hinweist, fiel mir noch auf, dass ich alte Büroarbeitsplätze, wie sie in solchen Serien manchmal gezeigt werden, also noch komplett analoge Arbeitsplätze, auf eine besondere Art wahrnehme. I can feel dead devices. Ich habe dieses Gefühl von damals in der Hand, wenn jemand auf dem Bildschirm einen Locher benutzt. Wenn jemand fummelnd eine Büroklammer anbringt, etwas zusammenheftet oder auch nur ruhig Papiere wegsortiert.
Ich habe das Büro und die damit verbundenen Tätigkeiten in jener Zeit aber auch phasenweise sehr gemocht. Wenn nicht sogar geliebt, das ist heute auch etwas schwer zu erklären. Und es hat sich leider mit der Zeit etwas verloren, to say the least. Ich habe als Berufsanfänger vermutlich in einem fast schon snoopy-mäßigen Sinne lange Zeit Büro gespielt, und es war für einige Jahre ein verdammt gutes Büro, wie Agent Cooper sagen würde.
Anekdotenhalber noch kurz die Erwähnung, dass Sohn II, als er noch kindergartenklein war, gerne mit einem Stück Holz unter dem Arm herumgelaufen ist. Schon an der Anzahl der Menschen, die bei diesem Anblick die Log Lady erwähnten, konnte man ablesen, welche Breitenwirkung diese Serie damals gehabt hatte.
Und wo ich gerade eben den Wikipedia-Artikel zur Log Lady verlinkt habe – mit dem Nachlesen sämtlicher Artikel, die es dort zur Serie und sämtlichen damit verbundenen Themen und Verästelungen in der Kulturgeschichte gibt, kann man vermutlich mehrere lange Winterabende problemlos füllen.
Ich bin ein wenig in Versuchung, es auch zu tun.
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Danke für die zutreffende Behauptung, dass sicher jeder seine besonderen Erinnerungen an das damalige Schauen von Twin Peaks hat. Zu meinen gehört: „Wir haben im Oktober 1992 mit ein paar Freunden alle Folgen an einem Wochenende am Stück gesehen, in einer Wohnung, in der in jedem Zimmer ein TV mit Twin Peaks lief. Eine ähnlich surreale Situation wie die Serie selbst.“ https://textundblog.de/?p=4081#comment-230930
Ich bin im passenden Alter, aber an mir ist Twin Peaks damals komplett vorbeigegangen. Ich kann nicht mitreden und habe auch nicht den Wunsch das nachzuholen. Parallelwelten