Am Wochenende war ich dann doch nicht in der Kunsthalle, obwohl der Plan mir gut und sinnig vorkam. Ich kam aber am vorgesehenen Tag in für meine Verhältnisse ungewöhnlich zufriedener und sogar entspannter Spießigkeit durch banale Tätigkeiten wie etwa Wohnungspflege und Einkäufe, auch durch Bügeln, Aufräumen, Kochen und schließlich sogar durch das Putzen von Schuhen, was dem Sauwetter entsprechend etwas eskalierte, stundenlang und gerne von dem Gedanken ab.
Was mir recht war, denn ich habe dabei ein längeres Hörbuch komplett gehört. „Unwiederbringlich“ von Theodor Fontane. Das habe ich schon länger nicht mehr gemacht, mich und einen Tag einem Hörbuch gewissermaßen ganz hinzugeben. Ich fand es aber, wie soll ich sagen, am Ende gerade tagesausflugsschön. Auch wenn das Buch nicht eben der erheiternden Sorte zuzurechnen ist, von einigen Absätzen abgesehen.
Ein Roman über eine scheiternde Ehe ist es, und ein Happy End gibt es nicht. Einer seiner eher vergessenen Romane. Das ist schade, denn es ist ein gutes Buch, klug erzählt und konstruiert.
Und nicht nur bei Song-Lyrics gilt, wie neulich schon beschrieben (hier war das), dass man bei wechselnder Lebenssituation manches auf einmal mit anderen Augen, anderen Sinnen wahrnimmt, plötzlich neu und anders versteht und auf eine bisher ungewohnte Art auf sich beziehen kann. Bei anderen Kunstformen kommt das selbstverständlich auch hin.

Nur passagenweise kommt es allerdings hin, versteht sich, nicht in Gänze. Es fand bei mir schließlich kein Ehebruch in einem brennenden Schloss statt, so platt passend fallen Bezüge wohl selten aus. Obwohl es auch das durchaus geben wird, dass es nahezu perfekte Spiegelungen sind, die man in den Plots und Beziehungsmustern der Bücher findet. Die meisten Varianten von Paarproblemen werden immerhin mittlerweile längst und auch mehrfach, wenn nicht tausendfach, erzählt worden sein.
In Zeiten von KI könnte man nun, wenn man neugierig genug wäre, sein eigenes und zunächst wahnsinnig individuell wirkendes Modell des Kriselns oder des Scheiterns in einer Beziehung leicht abstrahiert einem LLM schildern und dieses dann nach gleichgestalteten Romanvarianten dazu suchen lassen. Denn bekanntlich kann man alle Fragen (ja, alle), die mit „Bin ich der oder die Einzige …“ beginnen, kategorisch verneinen. Aber inwieweit das dann weiterhelfen würde? Ist es ein verlockender Gedanke, sich in der Literatur derart wiederfinden zu können?
Ich weiß es noch nicht recht. Eine Weile denke ich noch darüber nach, aber ich könnte bei einer Zustimmung enden.

Bei Fontane habe ich jedenfalls noch einmal bewundert, wie modern anmutend er in einigen Absätzen eheliche Entfremdung dargestellt hat, immerhin im Jahr 1887. Der Ehemann schreibt der Frau etwa einen Brief, diese antwortet in einem leicht abweichenden Tonfall, mit dezent geringerer Herzlichkeit, also zumindest könnte man das als Empfänger so lesen … Mehr braucht es gar nicht, man versteht dann schon. Es wird heute in einem beliebigen Dialog in einer Serie auf Netflix etc. auch nicht anders dargestellt. Damals die Briefe, noch mit der Feder geschrieben, aber man könnte es sogar mit Emojis durchspielen. Ultimativ verkürzt, immer noch verständlich. Er schickt drei rote Herzen, sie nur ein rosafarbenes zurück, et voilà: Drama, Baby.
Alles habe ich jedenfalls an diesem Wochenendtag gemocht, den Fontane, die Stunden mit dem Hörbuch, mein friedliches Herumkramen dabei. Und zwischendurch gab es sogar ein, zwei Stunden Sonne über der Stadt und auf den Dachfenstern. Ein ungewohntes und willkommenes Bild, also abgesehen von dem dabei zwingend aufkommenden Gedanken an die notwendige Reinigung der Fenster.
Aber die werden, sagt der Wetterbericht, gleich eh wieder zugeschneit. Das mal gelassen abwarten.
Und dennoch demnächst mal wieder in die Kunsthalle gehen, versteht sich. Ich bleibe dran und habe daher auch schon einmal eine Jahreskarte erworben. Man muss sich selbst nur geschickt und subtil genug unter Druck setzen, nicht wahr.
Und dann wird es schon werden.

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