Eine kleine Notiz nur von einem meiner im Moment dummerweise häufigeren Arztbesuche. Ein Mann steht da hinter mir an, während ich am Empfangstresen gerade weitere Termine regele. Ich sortiere mir noch eben die für mich ausgedruckten Zettelchen zurecht, stecke meine Krankenkassenkarte weg und speichere die Termin-App-Einträge auf dem Smartphone, das wieder nicht genug Empfang hat, da beginnt schon das Gespräch der Frau am Empfang mit diesem Mann hinter mir. Es geht um irgendwelche Zusatzleistungen, ich höre es unfreiwillig. Er wird gefragt, wie er diese bezahlen möchte. Eine Routinefrage in einem Standard-Dialog, es hört sich zunächst an wie Phrasen aus einem Deutschkurs für Ausländer. Bis dahin.
Zehn, fünfzehn Jahre älter als ich wird dieser Mann sein. Im Vergleich zu mir schon deutlich gebeugter, schon vom Leben schon sichtlich demolierter. Eine längere Krankengeschichte als ich wird er vielleicht auch haben, fit sieht er nicht einmal ansatzweise aus. Nicht einmal neben mir, und ich war schon einmal in besserer Form.
Etwas fahrig wirken seine Hände, in unruhiger Bewegung sind sie unaufhörlich. Und er guckt wie erschreckt, als er diese für mich harmlos klingende Frage hört. Wie er zahlen möchte, es wird für ihn auch wiederholt, weil er so seltsam guckt, vielleicht hat er es nicht verstanden. Nicht unfreundlich, nur zur Sicherheit und etwas lauter wird die Frage wiederholt. Entgeistert guckt der Mann, das ist das passende Wort. Unglücklich auch. Seine Hände flattern ratlos auf und nieder. „Gleich hier mit Karte oder erst per Rechnung?“, so wird er weiter und mit Erläuterung gefragt, und ich höre auch, dass es dabei um eher geringen Betrag geht.
Der Mann legt die Hände auf den Tresen, wie um sich kurz festzuhalten, er überlegt. Aber er überlegt nicht wie jemand, der ruhig, sachlich und kurz eine Marginalie abwägt, eine Alltagsentscheidung. Eher überlegt er wie jemand, der gerade dabei ist, in einer mündlichen Prüfung desaströs zu versagen.
Schließlich fragt er: „Wie machen es denn die anderen so?“
Eine Unsicherheit, die ich so eher nicht hätte. Fast ein Pluspunkt also, da habe ich einmal ein Problem ausgelassen. Zwar bin ich in Bezug auf Ängste auch nicht unerfahren, wer wäre das schon noch in diesen Zeiten, aber ich bin bisher nicht einmal darauf gekommen, dass man diese Frage nach dem Bezahlmodus schwierig oder bedrohlich finden könnte.
Es klingt beim Zuhören allerdings etwas in mir an, das merke ich auch. Etwas Mitgefühl, das doch auf Verständnis beruht. Denn ich kann es mir immerhin vorstellen, was da womöglich in ihm vorgeht. Ich habe, so kommt es mir zumindest vor, Kenntnis dieses Gefühls, dass einen jede beliebige weitere Komplikation im Alltag, welche auch immer es sei, und sei sie noch so trivial und geringfügig in den Augen anderer, an das Ende aller Zusammenrissmöglichkeiten bringen könnte und sogar darüber hinaus. Bis hin zum hoffnungsvollen Gedanken: Wenn ich es einfach so wie alle anderen mache, ist es vielleicht kein weiteres Problem. Jetzt bloß noch hier durchkommen, diesen Meter noch schaffen oder diese Viertelstunde. Und dann geht es vielleicht wieder.
Das liegt in der Nähe der „Fawn“-Variante unter den Stress-Reaktionen, wir hatten das schon einmal. Nur zur Erinnerung die gesamte Liste nach aktuellem Stand: Flight, Fight, Freeze and Fawn, Faint, Flirt and Fiddle. Die Aufzählung ist auch von lyrischer Qualität, wie vielleicht auffällt. Und dummerweise sind es sieben Varianten, sonst hätte man sich einen Würfel basteln können, falls man bei Stress-Reaktionen einmal eine Entscheidungshilfe brauchen sollte.
Ich merke jedenfalls, was ich gerade neben mir erlebe, das ist für mich auch nur ein weiterer Fall von „been there, done that, got the t-shirt“. Auch wenn es bei mir schon erfreulich lange her ist, dass es einmal derart eskalierte. Das denke ich mir so, während wir da immer noch durch Zufall verbunden nebeneinanderstehen, der sich mühsam wieder fassende ältere Mann und ich. So wie ich dann auch die fast logische Fortsetzung dieser Erkenntnis denke: Mir geht’s ja noch gold.
Und verkehrt wird es nicht sein, das hin und wieder zu bemerken. Auch dann nicht, wenn man gerade noch Rekonvaleszent ist.

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