Sonne, Vögel, Außengastro, alles

Ansonsten hatte ich im Brotberuf Gäste in der Stadt, die aus den südlicheren Landesteilen kamen. Zur Mittagszeit fiel etwas gemeinsame Bewegung in attraktiver Hafenlage an, und die Stadt machte fast auf die Minute Folgendes. Ließ sich auf einmal erstaunlich großzügig und ausgesprochen frühlingshaft besonnen, ließ auch zum ersten Mal im Jahr Vögel singen. Die noch etwas ungestimmt wirkten, aber bemüht. Ließ Gastwirte hektisch herumwirbeln, dass die Außengastro nur so aus dem Boden wuchs. Bot auf einmal zahlreiche Plätze im fast maimäßigen Sonnenschein und in ganz wunderbar ausgeleuchteter Kulisse. Die Straßen und Promenaden füllten sich wie auf Zuruf mit gelassen schlendernden Menschen. Gerade so viel, dass es attraktiv belebt, aber doch nicht zu voll wirkte. Das Heer der Statisten meisterhaft choreografiert, es sah überzeugend echt und gerade richtig großstädtisch aus.

Die Möwen vom Dienst segelten währenddessen beflissen durch die allfälligen Panoramafotos. In der Ferne fuhr ein Schiff Richtung Nordsee, bewegten sich die langsamen Hafenkräne und sahen angemessen nach althergebrachter Arbeit und maritimer Tradition aus. Die Speicherstadt leuchtete ziegelrot, warm und so postkartenmäßig wie nur denkbar auf im Licht des frühen Nachmittages.

Speicherstadtfleet in Nachmittagssonne

Sankt Katharinen

Speicherstadtfleet im Nachmittagslicht

Tätscheln hätte ich diese Stadt mögen. So wie man einem braven Pferd nach einem besonders gelungenen Ausritt mit der klopfenden Hand an Hals und Schulter gerne etwas Anerkennung vermittelt. Aber wo fasst man da hin, wenn man eine Millionenstadt lobend tätscheln möchte? Das wusste ich nicht recht, und nickte daher nur anerkennend den einschlägigen Bauwerken der besonders fotogenen Art zu.

In der vagen Hoffnung, die ganze Szenerie noch etwas weiter zum Durchhalten motivieren zu können.

Der Massentourismus in dieser Stadt ist zwar ein Thema, das man unbedingt kritisch begleiten sollte; immerhin 16,5 Millionen Übernachtungen wurden im letzten Jahr bei uns gebucht. Das waren noch einmal unglaubliche 330.000 mehr als im Jahr davor. Ein erheblicher Anteil der Gäste schlief zudem in einem der Hotels bei mir um die Ecke. Stand mir also vermutlich auch im Weg herum, starrte mich interessiert als beispielhaften Einheimischen an und verdarb mir danach in den Cafés die Preise.

Das ist zweifellos richtig. Da muss man auch als Chronist fast pflichtgemäß beobachtend dranbleiben und darf die Nachteile sowie die begleitenden soziologischen Entwicklungen keinesfalls übersehen – aber Besuch ist Besuch.

Und Besuch soll es bitte schön haben.

Was wieder wunderbar die alte Regel beweist, dass stets nur die anderen Touristen sind. Tourist ist ein Begriff, der einfach keinen Ich-Bezug zulässt.

Es fasziniert mich immer wieder.

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