Klassiker, Kaffee und Katholiken

Im weiteren Verlauf des Mittwochs, ich falle wieder zurück, ging ich am Vormittag in einen Coffeeshop, um dort zur Unzeit Kaffee und Kuchen zu mir zu nehmen, noch bevor andere auch nur beim Frühstück angekommen waren. Wenn schon aus dem Alltag fallen, dann gleich richtig.

Auf dem Weg dorthin ging ich routinemäßig an den öffentlichen Bücherschränken um die Ecke vorbei. In denen man übrigens Aussortierwellen beobachten kann, die in einem faszinierenden Zusammenhang zu den vorhergehenden Bestsellerwellen stehen müssen.

Man kann es sich vielleicht als langsames, kaum noch sichtbares Auslaufen einer großen Verkaufswelle vorstellen, wenn die Werke, die einst in den Buchhandlungen auf hohen Sonderstapeln lagen, hier mit einer gewissen Häufigkeit anlanden. Und damit womöglich ein letztes Mal verräumt werden. Weil sie längst durchgelesen sind, weil sie vielleicht auch inhaltlich abgelaufen und tendenziell ungültig geworden sind.

Aber das muss gar nicht so sein. Vielleicht sind sie auch zu geschätzten, modernen Klassikern geworden. Aber wie es bei Klassikern so ist – nicht viele Menschen lesen Klassiker heute noch mehrfach. Dieses intensive Lesen, wie man es früher standardmäßig gemacht hat, als „man“ seinen Goethe und seinen Schiller, sogar seinen Klopstock oder Hölderlin noch teils auswendig kannte. Das ist passé.

Die meisten Menschen der Gegenwart lesen nichts oder nur wenig zweimal. Sie kommen ohnehin zu nichts, wie sollen sie da zweimal zu etwas kommen? Deswegen können diese Bücher im Zweifelsfalle weg, wie hoch auch immer die Literaturgeschichte mittlerweile ihren Rang einschätzt. Man hat sie gelesen, man kennt sie jetzt, und man braucht auch Platz für anderes.

Man kann es also im Einzelfall nicht wissen, wie diese Bücher dort hingelangen, ob mit einem Gefühl der bleibenden Hochachtung oder mit Geringschätzung. Die vielleicht erst Jahre nach der Lektüre entstanden ist, weil Geschmack, Sitten und Mode sich entscheidend geändert haben.

In diesem Sinne jedenfalls blicke ich im Bücherschrank gerade zunehmend oft auf die Romane von John Irving, mit dem man offensichtlich allgemein durch ist. Wie auch immer das zu werten ist. Und daneben, darauf kann man fast schon wetten, steht stets der Hundertjährige von Jonas Jonasson, der vor einigen Jahren aus den Buchhandlungen in jeden zweiten deutschen Haushalt gestiegen sein muss, um jetzt hier im letzten Ramsch zu verschwinden.

Dass man in diesen Bücherschränken auch erkennen kann, welche Jahrgänge gerade sterben und was in ihren Regalen stand, bevor die Erben alles entrümpelten, darüber habe ich früher schon einmal geschrieben, und das ist meiner Meinung nach kulturgeschichtlich auch interessant. Man könnte es noch einmal aufgreifen, noch genauer hinsehen.

Ein Latte Macchiato, ein Stück Honigkuchen und das Buch "Drei Tage im Juni"

Für mich fällt an diesem Tag jedenfalls ein schmaler, noch wie neu wirkender Band von Anne Tyler an. Eine Autorin aus Baltimore (Wikipedialink zu ihr), auf die ich alle paar Jahre zurückkomme, und immer gerne. Entdeckt habe ich sie damals irgendwann durch ihren Roman „Die Reisen des Mr. Leary“ („The accidental tourist“), bei dem mir auch die Verfilmung mit Geena Davis, Kathleen Turner und William Hurt besonders gut gefallen hat. Wie ich auch die Idee mochte, dass die Hauptfigur Reiseführer für Menschen schrieb, die nicht gerne reisen.

Ihre Familiendarstellungen sind oft hervorragend, auch in dem schmalen neuen Band, der mir da gerade zugelaufen ist. Deutsch von Michaela Grabinger. In dem ein längst geschiedenes Paar sich bei der Hochzeit der gemeinsamen Tochter erneut trifft und sich dabei unerwartet und eher unwillig wieder nahekommt, zu nahe. Hier die Perlentaucherseite dazu.

Ich fing im Coffeeshop mit der Lektüre an, war kurz darauf schon mittendrin und bald über Seite 50 hinaus. Und das ist dann auch ein Lob für die Autorin.

Das Buch "Drei Tage im Juni" von Anne Tyler

Neben mich setzte sich ein Mann, bei dem ich mir, ohne es aber recht erklären zu können, dachte, dass er zur Katholischen Kirche gehörte, die nicht weit von dort die Verwaltung ihres Bistums und der Gemeinden betreibt. Ich sah dann länger hin, denn ich konnte nicht belegen, worauf sich dieses Urteil stützte und wie ich überhaupt darauf kam. Weder hatte er vom Schnitt oder von der Farbe her eindeutige Kleidung an, noch trug er irgendwelche eindeutigen Symbole. Er verkörperte kein einziges mir bekanntes und gängiges Klischeemerkmal von Männern, die für die katholische Kirche arbeiten. Es ist auch keineswegs so, dass es in diesem Coffeeshop von Priestern, Nonnen, Bischöfen oder Kirchenbüromitarbeitern jederzeit nur so wimmeln würde.

Erst einige Stunden früher am Tag hatte ich „zufällig“ in einem Podcast gehört, wie Ferdinand von Schirach sagte, dass wir nicht genau wissen, wie wir das eigentlich machen, diese unfassbar schnellen Sekundeneinschätzungen von Menschen, denen wir zum ersten Mal begegnen. Ein Blick und wir haben eine Meinung, und meist eine feste. Er sagte da auch, dass wir damit erstaunlich oft richtig liegen. Und dass wir das spontane Urteil kaum revidieren können, dass wir dies meist auch nicht wollen.

Der mir kirchlich-katholisch vorkommende Mann setzte sich in meine Nähe und holte ein Buch aus seinem Rucksack. Ein gebundenes, älteres Buch. Dick war es und mit etlichen bunten Haftnotizen gespickt, die zwischen den Seiten stachelig hervorstanden. Es war eine Biografie über einen der vorigen Päpste, er winkte freundlich bis huldvoll vom Titelbild. Das war natürlich kein verbindlicher Beweis für ein Einkommen durch die katholische Kirche. Nicht einmal für eine feste oder auch nur freundliche Verbindung zu dieser Institution, es versteht sich. Aber ich denke mir doch, ich will es diesmal gelten lassen.

Daher gebe ich Ferdinand von Schirach mit frischen Beweismitteln Recht: Ich habe keine Ahnung, was meine Intuition da genau macht und wie. Aber ich finde sie erstaunlich okay.

Ein Mann sitzt am Abend am Jungfernstieg auf einer der Bänke und sieht auf die Binnenalster

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Ein Kommentar

  1. Ah! Ich muss unbedingt meine Anne-Tyler-Sammlung mal wieder lesen. Mein Lieblingsbuch von ihr ist „Caleb oder das Glück aus den Karten“.

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