Eine neue Erfahrung habe ich hier noch zu verzeichnen. Eine, die ich hier auf Eiderstedt bisher nicht gemacht hatte, obwohl wir doch seit, was weiß ich, dreizehn Jahren oder so herkommen. Und auch zu verschiedenen Jahreszeiten. Seit irgendeiner Zeit jedenfalls kommen wir, in der Sohn II noch nicht größer als ein Schaf war. Und natürlich meinen wir, wie alle Touristen, die einen Ort mehrfach besuchen, alles hier besonders gut zu kennen, längst alles aufsagen zu können, Topchecker zu sein. Dem ist aber nicht so, und vermutlich wird dem auch nie so sein.
Im dichten Nebel über eine Landstraße im Koog gehen jedenfalls. Also in einem Nebel, so dicht, so kompakt und alles so eng umhüllend und begrenzend, meine ich, den Erzähler so gründlich und weltentrückt in der Landschaft vereinzelnd, wie es in der Großstadt gar nicht vorkommen kann. Nicht einmal am Hamburger Hafen. Und dabei dann von einer eilig reisenden Wildgansformation passiert werden. Von einem Vogeltrupp, den ich in der grauweißen, zum Schneiden dicken Luft am frühen Morgen aber nicht sehen kann. Nicht einmal schemenhaft.
Keinen einzigen Vogel kann ich erkennen. Überhaupt nichts ist zu sehen, abgesehen von dem dichten Dunst über dem Weg und den Weiden, die ich nur neben mir ahnen kann. Aber diese großen, lauten Vögel hören sich vollkommen überzeugend so an, als seien sie nur etwa einen Meter über mir. Vielleicht auch eher neben mir und dabei zum Greifen nah. Man erkennt im Nebel die Richtung der Töne nicht, man verschätzt sich auch bei der Lautstärke. Sie kommen von überall, die rauen Rufe, sie kommen von nirgendwo, sie scheinen in meinem Kopf zu entstehen, ich habe Wildgänse im Hirn.
Mir ist auf einmal, als sei ich mitten in diesem reisenden Trupp, denn genau so klingt es für mich. Als sei ich zwischen ihnen, als sei ich im Vogelzug, und streckte ich jetzt meine Arme nur weit genug aus, ich würde sicher Federn streifen.
Oder ich würde abheben, wer weiß.
Es wird mir für einen kurzen Moment fantastisch und angenehm nostalgisch spinnert zumute. Denn man hat ja seine Lagerlöf doch gründlich genug gelesen in der Kindheit, die lange Geschichte von der Reise mit den Wildgänsen. Also zumindest in meiner Generation hat man das noch, bevor es auch diesen Roman irgendwann als japanische Zeichentrickserie gab und niemand mehr das Buch angefasst hat. Das auch durchaus nicht gleichmäßig spannend war, meine ich noch zu wissen, dass dabei aber aus Kindersicht ungeheuer dick war und voller nicht endenwollender, seitenlanger Landschaftsbeschreibungen. Die immerhin auch der ursprüngliche Zweck des Werks waren, es sollte ungemein bildend sein.
Während all dieser mich der Wirklichkeit enthebenden Gedanken gehe ich in Wahrheit aber nur einmal kurz um den Hof herum. Stehe ich nur eben einen Moment nahe der Einfahrt auf der Straße herum, um mir noch schnell etwas frische Luft vor dem Home-Office zuzuführen. Während dieser Ideen und Erinnerungen ist also der Radius meines Alltags weiterhin äußerst überschaubar, auch wenn er gerade überraschend für einige Tage aus Hamburg heraus verlegt wurde. Diese kleine Reise also hin oder her, ich kreise doch stets weiter um Schreibtische, auch wenn sie manchmal woanders stehen. Und ich finde das weitgehend auch richtig so, versteht sich.
Aber mit einem Bein oder eher mit beiden Armen mitten im Vogelzug – das ist schon auch schön.
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Allerdings lässt sich Nebel ungern fotografieren, wenn er sehr dicht ausfällt. Ersatzweise andere Landschaftsbilder, bei denen man ihn in der Ferne ahnen kann, den Nebel. Wie er da weiter hinten gerade Kräfte sammelt und heranzieht.



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Ich glaube die originale Lagerlöf wird inzwischen eher nicht als kindgerecht betrachtet. Die Lektüre ist lange her, aber ich erinnere mich an Waisenkinder in Grubenunfällen und Aufklärung über eine oft tödliche Krankheit (Tuberkulose? Grippe?).
Und natürlich die Realitäten von kleinen Beutetieren…
wunderbare fotos und ein bericht, der in mir sehnsucht nach dort weckt, danke dafür. ich freue mich über das alternativprogramm für dich. gruß roswitha