Letzte Bilder von Eiderstedt heute im Text verteilt, diesmal aus dem Ort, aus Tetenbüll. Dort liegt der Hof, den wir seit Jahren bereisen (keine bezahlte Werbung, längst ist es eine freundschaftliche Beziehung geworden). Ein kleiner Ort, in dem es längst keinen Laden mehr gibt. Aus dem Laden, den es dort lange Zeit gab, hat man mittlerweile ein Museum für die Touristen gemacht: „So sahen hier früher die Läden aus.“ Ein in Reiseführern erwähntes Café mit guter Torte gibt es noch, zu dieser Jahreszeit ist es aber nur am Wochenende für wenige Stunden geöffnet. Und es gibt etwas, das man etwas boshaft als Dreiklang mit abnehmendem Gegenartsbezugverstehen kann: Ein Altenheim, eine Kirche, einen Friedhof.
Längst nimmt man das so hin, dass in solch kleinen Orten keine Infrastruktur mehr übrigbleibt. Aber es ist nach wie vor ein Desaster.


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Auf der Rückfahrt ab Husum war der Zug dann deutlich leerer als auf der Hinfahrt, eine viel angenehmere Fahrt war es daher. Allerdings braucht man wegen Bauarbeiten auf der Strecke länger als sonst, man muss auch etwas anders fahren und umsteigen, wo man sonst nicht umsteigt. An den vielfältigen Problemen der Bahn kommt man nirgendwo mehr ganz vorbei, nur noch fast.
Ein älterer Mann stieg zu, der ein Elektrofahrrad in den Wagen schob, welches, wie sich dann zeigte, ein Klapprad war. Aber eines der eher komplizierten Sorte. Nicht so eines, welches man elegant mit einem Griff wie einen Klappstuhl größer oder kleiner bekommt, eher im Gegenteil. Das Klappen schien mir auf bemerkenswert viele und eher komplizierte Handgriffe ausgelegt zu sein. Der Mann beherrschte sie aber alle gut, und er wirkte dabei auch, als würde er sie alle gerne machen. Es hatte so etwas Ruhiges, Handwerkliches, Meisterliches, wie er da vorging. Auch als er den Gurt, mit dem man sein Fahrrad an der Waggonwand befestigen kann, mehrfach testete. Ihn also an verschiedene Teile klickte, wieder löste, die Elastizität durch kräftigen Zug mit der Hand prüfte.

Auf verschiedene Arten wand er den Gurt dann um das geklappte Rad. Trat schließlich zurück und betrachtete sein Werk. Fasste noch einmal rüttelnd den Sattel an. Löste den Gurt doch wieder, begann von vorne. Wiederholte das alles, drehte das Rad dann noch einmal um und setzte sich mit dieser veränderten Versuchsanordnung erneut auseinander. Gründlich.
Fasste dabei einige Teile am Rad mehrfach so an, wie Männer, die für die Wartung von etwas zuständig sind, gerne Materialien und Dinge aller Art anfassen. Diese Männer, die Funktionswesten tragen und sich auskennen, meine ich. Aber nur als erklärendes Bild, der Mann im Zug trug keine Funktionsweste.

Er klappte noch einmal ein Teil final hin und her, vielleicht scharnierprüfend. Dann setzte er sich in einiger Entfernung vom Rad hin. Drehte sich aber alle paar Momente mit forschendem Blick nach seinem Rad um. Als würde er es für möglich halten, dass es sich jederzeit selbst auseinanderklappen könnte.
Und kaum hatte er da etwa zehn, höchstens fünfzehn Minuten gesessen, näherte er sich schon seinem Zielbahnhof. Stand daher wieder auf und begann, die ganze Prozedur rückwärts abzuwickeln. Bis er wieder ein einsatzbereites Rad vor sich hatte, dessen Sattel er abschließend wie lobend tätschelte, bevor er mit dem Rad zum Ausgang schob. Die jeweiligen Rüstvorgänge dauerten entschieden länger als seine knappe Zeit auf dem Sitzplatz.

Es erinnerte mich an das Prinzip des Camping-Urlaubs. Bei dem man bekanntlich den seltsamen Effekt der Entschleunigung durch Komplikationen beispielhaft erleben kann. Ich habe vor Urzeiten schon einmal darüber etwas geschrieben. Wie es bei dieser Art des Reisens auf einmal wahnsinnig aufwändig ist, auch nur ein kleines Frühstück zuzubereiten, weil man selbst für etwas so Simples wie heißes Wasser erst einen Gaskocher rüsten muss, für den man noch Zubehör benötigt, das man erst finden muss. Wonach man erst einmal Wasser holen muss usw. Das geht dann auf diese Art durch sämtliche Stunden und Verrichtungen des Tages. Alles ist auf einmal seltsam schwierig und mit abwegigsten neuen Schritten und Umdrehungen verbunden. Das Duschen, das Mittagessen, das Einkaufen, auch das Bespielen der Kinder und das Zubettgehen. Währenddessen aber vergeht die Zeit, vergeht der Urlaub. So vergehen, wer weiß, die besten Wochen des Jahres, wie es in der Werbung für andere Reisen heißt.
Wenn man Glück und die richtige Einstellung hat, findet man das dann entspannend. Obwohl es ein Paradox der fortgeschrittenen Art ist, dass wir in solchen Situationen selbstgemachte, komplett unnötige Probleme auf einmal unter Wellness einsortieren können.
Auf diese Art jedenfalls lief es vielleicht auch bei diesem Zugpassagier mit seinem hochkomplexen Klapprad neben mir.
Aber wie auch immer. Auf Reisen, auch auf kleinen Reisen, erlebt man jedenfalls in der Regel etwas, kann man etwas notieren und hinterher durchdenken, das wollte ich nur eben sagen.
Es gilt sogar im gewöhnlichsten Regionalexpress.


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Ich habe in Tetenbüll noch die Zeiten erlebt, als es dort einen Bäcker, eine Post und einen Kaufmann gab (letzterer verkaufte schon mal abgelaufene Sahne kurzerhand als Saure Sahne). Das Altenheim war deutlich kleiner und im Pastorat wohnte noch der Pastor.
Die Bewohner von Haus Peters habe ich auch noch kennengelernt, es wurde erst nach ihrem Tod Museum. Im Kirchspielkrug gab es legendäre Sahneschnitzel, aber keinen Mehlbüddel und kein Lamm. Das zu vermarkten, ist den Nordfriesen dann irgendwann auch mal eingefallen.
Die Friesische Schafskäserei lohnt übrigens auch einen Besuch, aber das ist vermutlich längst bekannt.
Ja, die Käserei ist natürlich bekannt.