Es geht um Arbeit, ich empfehle wie immer, beim Lesen den einschlägigen Dan-Reeder-Song im Hintergrund laufen zu lassen. Der Text besteht nur aus einer Zeile, und die reicht auch.
Im ohnehin empfehlenswerten Instagram-Account von Alke Martens, Professorin für Informatik, fand ich in diesem Beitrag die Vokabel „Workload Creep“. Den Begriff kannte ich noch nicht, den Inhalt schon. Die naheliegende Annahme nämlich, dass durch KI die durch Menschen zu erledigende Arbeit mehr wird, nicht etwa weniger, wie überall postuliert.
Hier noch ein aktueller Artikel zum Thema, der den Inhalt des Begriffs knapp zusammenfasst. Ich finde das plausibel, was da aufgeführt wird, es ist ein im Moment wahrscheinliches Szenario, dass der Stress eher zunimmt.
Dass Arbeit tatsächlich absolut weniger wird, das ist in absehbarer Zeit nicht zu erwarten. Wir und all die anderen, auch z. B. die, welche uns eingestellt haben, wir werden uns schon Beschäftigungen erfinden, wenn man uns Beschäftigung nimmt. Das kennen wir auch aus der Vergangenheit so.

Wir werden es Arbeit nennen, was wir uns da ausdenken werden, und wir werden es auch als Arbeit empfinden, es sogar als Arbeit empfinden wollen. Denn es sitzt kulturell doch tief.
Wobei ich es aber interessant finde, zwischendurch etwas allgemeiner nachzudenken und zu überlegen, wie KI im persönlichen Umfeld mittlerweile tatsächlich angekommen ist. Denn man kennt ja meist Menschen aus verschiedenen Berufen, Altersgruppen, auch mit unterschiedlichen ideologischen Ausrichtungen, diversen Interessen, Lebenssituationen etc.
Das mag nun bei Ihnen anders als bei mir sein, aber ich kann noch nicht berichten, dass der Alltag von vielen signifikant schöner oder eleganter geworden ist, von vieler Mühsal und allerlei Last befreit. Dass sie wahnsinnig lästige Aufgaben komplett losgeworden sind, dass sie vielleicht sogar deutlich mehr Freizeit haben, mehr Zeit für Kreativität oder für die großen philosophischen Fragen. Oder für andere zutiefst menschliche Möglichkeiten.
Einfacher ausgedrückt und zusammengefasst, ich erlebte noch keinen einzigen Fall von Gespräch, in dem jemand etwas sagte wie: „Weißt du noch früher, vor KI, wie schwer das immer alles war …“
Das ist aber genau der Typ von Satz, den es eigentlich geben müsste. An diesem Satz würde man merken, dass im Alltag etwas passiert ist. Sätze dieser Art haben wir damals, als wir die Büros durchdigitalisiert haben, durchaus verwenden können.Wie jeder weiß, der etwa einen Serienbrief an tausend Menschen sowohl vor als auch nach der Einführung von Computern, Word etc. auf den Postweg gebracht hat.
Ich bin einer von denen, ich war dabei. Aber auch damals schon haben wir die frei gewordene Zeit mit anderen Tätigkeiten aufgefüllt. Und wie unfassbar schnell wir das getan haben.

Sicher, es gibt heute vereinzelte Erleichterungsmeldungen. Aber das sind bisher nur bestenfalls Prozessabschnittsverbesserungen. Die will ich zwar nicht leugnen, die kann man von Fall zu Fall auch feiern, aber es wird dann eher kein großes Fest geben.
Diese Gespräche über bedeutende Erleichterungen hätten längst eintreten müssen, wenn man den Influencern aus der KI-Richtung und auch vielen Medienberichten aus dem Tech-Ressort glaubt. Ich finde es interessant, wie sich das medial erzeugte Bild in meinem Alltag abbildet, wie da etwas nicht passt.
Eine Ausnahme gibt es allerdings, Sie haben sie vielleicht auch schon im Sinn. Bei einer Gruppe nämlich verhält es sich komplett anders, und dafür muss man auf den Nachwuchs sehen. Bei dem gibt es in der Tat schon die Wahrnehmung, dass etwas auf einmal viel leichter geworden ist. Wenn auch nicht im Sinne der Erwachsenen, vor allem nicht im Sinne des Lehrpersonals. Dass man nämlich nun schulische Aufgaben aller Art stark abkürzen oder vermeiden und an Technik teils komplett delegieren kann, das steht für diese Generation vollkommen außer Frage. So wird es heute gemacht, so ist es state of the art. So hätten wir es fraglos damals alle gemacht, hätten wir nur die Chance gehabt.
Aber wir hatten ja nichts. Nur äußerst komplizierte Taschenrechner in der Oberstufe, und bei denen kannten wir nicht einmal alle Tastenbelegungen.
Hätte ich etwa den Macbeth im Ernst und unter erheblichen Mühen in der Originalsprache gelesen, wenn ich es hätte vermeiden können, mich da ein halbes Schuljahr lang analysierend durchzukämpfen? Seite für Seite, Szene für Szene? Mein innerer Siebzehnjähriger lacht da kurz und bitter auf. Denn meine Güte, mit welch heftiger Aversion konnte ich dieses Buch in jenem Jahr nicht mehr sehen. Ich finde es aber heute doch irgendwie cool, nach all den Jahren immer noch ganze Textpassagen auswendig zu können.
Es ist kompliziert. Nein, es ist foul and fair.
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