Dann war ich im Kulturprogramm bei einer Vernissage. Die große Doppel-Ausstellung „Marie Lassnig und Edvard Munch, Malfluss = Lebensfluss“ wurde in der Hamburger Kunsthalle eröffnet.
Um das Wichtige vorwegzunehmen: Ja, Sie sollten in die Ausstellung gehen, wenn Sie denn können. Sie haben dafür auch entspannt bis Ende August Zeit. Ich würde von den Wochenenden eher abraten, denn nach allem, was man bereits jetzt erkennen kann, wird die Ausstellung mutmaßlich die ganze Zeit gut besucht sein. Und wenn Sie nach einem Time-Slot für Ihren Besuch suchen, planen Sie am besten etwas mehr Zeit ein. Es gibt dort viel, wirklich viel zu sehen, auch an Begleittexten neben den Bildern zu lesen. Ich komme später, aber vermutlich erst im zweiten Text zum Thema darauf zurück.

Zunächst die Vernissage also. Neulich erwähnte ich (hier war das) in fast schon kulturoptimistischer Weise, dass da draußen wieder mehr gelesen wird. Nun kann ich nach diesem Abend ergänzen: Man guckt vielleicht auch wieder mehr Kunst, man interessiert sich kulturell. Diese Veranstaltung jedenfalls war vollkommen überlaufen. Eine nahezu furchterregende Fülle gab es da in gleich zwei großen Sälen. Es kamen, ich hörte es immer wieder, viel mehr als erwartet. „Man“ kam, tout le monde kam, ganz Hamburg ging hin. Man wollte das sehen, man wollte sicher auch gesehen werden. Sogar die Reden wollte man hören, in halbwegs gelungen vorgetäuschter, höflicher Andacht.
Weswegen ich jetzt in bemerkenswert kurzer Zeit schon wieder einen Vortrag vom Kultursenator Carsten Brosda gehört habe. Zum dritten oder sogar vierten Mal, und ich bleibe vorerst dennoch dabei: Er kann seinen Job. Sollte ich das demnächst für einen weiteren Menschen in seinem Berufsfeld sagen können, ich wäre fast schon mit dem System versöhnt. Aber na gut, wir wollen nicht übertreiben.
Der Sauerstoff wurde schnell knapp in der arg überfüllten Kunsthalle, es wurde wärmer und wärmer zwischen den vielen Menschen. Man hielt die feierlichen Reden daher angenehm kurz, man rappelte fast schon herunter. Das war allen recht so, denn die Temperatur in den Sälen stieg gnadenlos immer weiter, die Luft roch immer durchdringender und schwerer nach Menschen und Muff.
Da es tagsüber rattenkalt in der Stadt gewesen war, trug man auch noch allgemein zu dicke Kleidung für solch ein Bikram-Event. Die Schweißperlen an den Schläfen und Stirnen waren schnell größer und vor allem zahlreicher als sämtliche Perlen der geladenen Hanseatentöchter zusammen.
Viel Prominenz gab es um mich herum, was ich aber nur ableitend und aus zweiter Hand feststellen konnte. Da ich seit mehr als zwei Jahrzehnten nicht mehr fernsehe, erkenne ich so gut wie niemanden von den oft in den Medien gezeigten Personen. Ich merke als bemüht aufmerksamer Mensch aber, wenn um mich herum alle immer wieder auf eine Person sehen. Wenn sie vielleicht gar nach eher fragwürdiger Erziehung mit dem Finger auf diese zeigen. Dann schließe ich, Sherlock nichts dagegen, dass man den oder die wohl kennen könnte, hätte man denn beim Konsum der Mainstreammedien nur etwas mehr aufgepasst.
Aber dämmern tut mir dennoch nichts.
Ich denke mir daher in solchen Momenten schamlos aus, was für eine Berühmtheit da gerade neben mir steht: Die dort wird sicher eine Schauspielerin sein, der seltsame Schrat mit dem ungewöhnlich bunten Schal ein bekannter Künstler. Der bemerkenswert attraktive Mann da hinten wird schon das eine oder andere Theater erfolgreich bespielt oder auf anderen Brettern einen anständigen Heldentenor gesungen haben.
Ich werde da selbstverständlich in den meisten Fällen komplett falsch liegen. Aber es ist vollkommen egal, es dient nur meinem Amüsement und braucht keinen späteren Abgleich mit der Wirklichkeit.
Nebenbei bemerkt und apropos bunter Schal, es gab etliche Kleidungsstücke, die auffielen. Merkwürdige, aus der Reihe und ins Auge fallende Design-Stücke. Aber oft nur eines pro Person. Vielleicht ist es ein Kennzeichen dieser Szene: Man gibt sich schon etwas extravagant, man macht immerhin etwas mit Kunst und Kultur, vielleicht macht man das auch erfolgreich – aber doch bitte alles im Rahmen?
Ich muss öfter zu solchen Veranstaltungen gehen, dann finde ich es heraus.
Einige Menschen gab es dort jedenfalls, die hatten eindeutige, gut erkennbare Ehrfurchtskreise um sich herum. Lauter aufmerksam Beistehende, die sich über einen kurzen Smalltalk mit der Prominenz freuten, über Wiedererkennungsblicke und Bestätigung.
Dass aber überhaupt Prominenz an diesem Abend erwartet wurde, das konnte ich schon an den Erwartungsblicken erkennen, mit denen alle Hereinkommenden im Eilverfahren allgemein und recht offensichtlich, kaum kaschiert, gemustert wurden. Ist das einer oder ist das eine, die oder den man kennen kann oder muss, ist es eine oder einer, die oder den man dringend kennenlernen möchte? Ist es am Ende eine Gelegenheit? Und was jetzt genau machen, winkt man, lächelt man nur verbindlich, grüßt man? Geht man sogar hin, wie son Groupie?
Ich war hin und wieder wohl ein leider fehlgeleiteter Verdachtsfall. Ich kam von der Ausstrahlung her zu etwa 25 % und zumindest für einen kurzen Augenblick für manche in Betracht, nehme ich an, man sah mich und wog ab. Daher nickte ich ab und zu heiter zurück, denn „Immer lächeln und winken“ ist eine gute und oft anwendbare Grundregel im Leben. Es mögen aber auch Menschen unter den Grüßenden gewesen sein, die ich tatsächlich kannte. Pardon, ich bin wirklich schlecht mit Gesichtern.
Es kam dann im weiteren Verlauf der Veranstaltung, auf der ich aus meiner Sicht absolut niemanden kannte, zu immerhin mehr als drei Smalltalk-Situationen für mich. Ich wechselte Sätze und launige Unverbindlichkeiten, als wäre das in meinem Alltag normale Routine. So kontaktbereit, als bräche mein rheinischer Abstammungsteil auf einmal mit Macht durch.
Ich plauderte über die Raumtemperatur und die Tonqualität bei den Reden, ich reichte Getränke durch die Reihen, rückte Stühle und räumte älteren Damen der beeindruckenden Art unter höflichstem Austausch Platz ein. Ich fand es nicht einmal anstrengend. Ein erfolgreicher Abend also, Sie merken es. Aber eigentlich ging es um Kunst. Pardon, ich ließ mich textlich kurz gehen.
Morgen mehr zum kulturellen Aspekt.

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Als ich vor 25 Jahren einmal dort auf einer Vernissage war, fiel mir das Kennzeichen dieser Szene genauso auf. Und wenn das nach 25 Jahren noch genauso ist, ist es wohl wirklich das: ein Kennzeichen dieser Szene.