Reinlesen, Behalten und Weggeben (3)

Dann las ich etwas in „Das böse Mädchen“ von Mario Vargas Llosa, Deutsch von Elke Wehr. Ein Roman eines würdevollen Nobelpreisträgers immerhin, auf der Einbandrückseite wird er auch erstaunlich euphorisch umjubelt. In der Wikipedia wird die Reaktion der Kritik deutlich anders zusammengefasst: „Zu den Kritikpunkten zählten die flache Zeichnung der Figuren und die mangelnde Darstellung ihrer Motivation. Außerdem wurden die häufigen Wiederholungen bei Personenbeschreibungen und innerhalb der Handlung kritisiert. Die erotischen Szenen seien linkisch und aus der Perspektive eines Biedermanns beschrieben.“

Das Buch "Das böse Mädchen"

Wozu festzustellen ist: Das ist zutreffend. Leider besonders der letzte Satz. Fortschreitendes Fremdschämen beim Lesen, so etwas lese ich sicher nicht bis zum Ende durch. Zumal die Sexszenen immer schlimmer werden und immer peinlicher ausgeführt werden. Sprachlich arg bemüht, aber vollkommen erfolglos. Ein fürchterlich schlechtes Buch. Man wird den Verdacht nicht los, dass der Autor es nur geschrieben hat, um diese Sexszenen tippen zu können, denn das böse Mädchen erfüllt sonst keine Funktion und die Handlung ist mekwürdig sinnlos, trägt nur gerade von Bett zu Bett.

Es wäre auch gar nichts dagegen einzuwenden, wenn sie wenigstens toll oder sogar aufregend zu lesen wären, diese so angestrengt herbeifantasierten Liebesszenen, aber ach.

Ich hörte danach die Lassie Singers zur Entspannung. Nämlich den wichtigen Song, der das Wort „Körpergebirgsergriffenheitssex“ und die fundamentale Schlussfrage „Liebe – was soll das“ enthält.

Almut Klotz habe ich damals noch live auf Lesungen erlebt, das ist ein reelles Immerhin des Tages, heute einmal aus dem Kulturbereich. Sie gründete auch, es ist ein wunderschöner Bogen zurück zum eingangs erwähnten Buch mit dem bösen, also im patriarchalen Sinne losen Mädchen, das Plattenlabel „Flittchen Records“. Wie passend ist das denn.

Ganz anders ging es danach weiter mit Bernard Cricks Orwell-Biografie. Sie ist leider nicht mehr lieferbar, habe ich gesehen, aber wenn Sie sich für entweder Orwell, für Biografien oder aber für englische Literaturgeschichte interessieren, wird es sich für Sie lohnen, das Buch doch irgendwie aufzutreiben. Denn mit welch beeindruckender Akribie hat der Autor das alles erarbeitet, enorm gründlich ausgebreitet und dabei gut lesbar dargestellt, wie man es so oft bei englischen Sachbüchern findet.

Es geht auch wieder viel um das bei mir im Blog so beliebte Thema „Zeugen und Wirklichkeit“. Etwa wenn es um die Schulzeit von Orwell geht. Die er später als abgrundtief schrecklich beschrieben hat, was diverse Zeugen dann aber heftig und auch argumentreich bestritten haben.

Kann der berühmte Autor es dennoch richtig erzählt haben, ist das möglich? Hat er sich die Wirklichkeit im Nachhinein im unzulässigen Maß zurechtgebogen und wenn ja, wer legt das Maß dafür fest – und macht es überhaupt etwas aus? Macht es uns etwas aus?

Das Buch "George Orwell"

Widersprüche dieser Art werden derart gründlich verhandelt und abgewogen, ich fand es besonders faszinierend. Ganz unerwartet gerne gelesen, dieses Buch.

John Galsworthy (Wikipedia-Link) halte ich, wie schon manchmal erwähnt, für eher zu Unrecht früh vergessen oder zumindest vernachlässigt. Seine Bücher, etwa die Forsyte-Saga, stellte ich beim Wiederreinlesen fest, behalte ich noch, und besonders die Saga würde ich auch nach wie vor in jeden Kanon mit aufnehmen.

Unbekannt war mir dagegen bisher „Der Patrizier“, aber ich mag seine Bücher vermutlich fast alle. Immer her damit, es sind noch welche übrig.

Das Buch "Der Patrizier"

Mein Assoziationsvermögen wirft bei der befremdlichen Kombination des betont feinen Galsworthys einerseits und dem zwielichtigen „Bösen Mädchen“ andererseits eine ferne Plattenerinnerung aus.

An ein altes Album der herrlich verrückten Sparks (Wikipedia-Link), nämlich „Indiscreet“ von 1975, auf dem das abgedrehte Stück „Under the table with her“ war. Welches ich, warum auch immer, nach wie vor mitsingen kann, wie ich gerade feststelle, offensichtlich sind es ewig abrufbare Zeilen für mich. Fantastische Lyrics, damals habe ich sie mir noch mit dem dicken Oxford Dictionary aus der Schule in der Hand übersetzt, wie son Steinzeitmensch:

Nobody misses diminutive offsprings

Not when there’s big wigs there, there

Dinner for twelve is now dinner for ten

Cause I’m under the table with her, her

I give a yelp and they throw me a cutlet

Somebody pets her hair, hair

Everyone’s nice to the subhuman species

I’m under the table with her.

People all around the world are having only rice and tea

Two of them should come and take the place of Laura Lee and me.“

***

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4 Kommentare

  1. Meine ehemalige Kollegin lebt in einem Vorort von Madrid und berichtete mir, sie habe Vargas Llosa dort regelmäßig im Kino getroffen, er ging mit seiner damaligen Frau, wie ich gerade nachgelesen habe der Mutter von Enrique Iglesias. Als ich mit der Kollegin in dem Kino war, um „Joker“ zu gucken, war er aber nicht da.

  2. Galsworthy, ja – ich liebte die Forsythe-Saga, seit ich, eigentlich noch als Kind, zuerst die TV-Serie sah und dann den ersten Band auf deutsch bei meiner Großmutter entdeckte. Lesestoff war damals nicht so reichlich, die Nachbarin hatte später die ersten drei zum Ausleihen, noch später gab es die gesamte Saga als Weihnachtsgeschenk. Längst bei einem Umzug verschwunden, aber ich habe eine Galsworthy-Gesamtausgabe als e-book bekommen können und schmökere bisweilen darin. Demnächst vielleicht wieder, wenn ich meine derzeit erneut gelesene Reihe beendet habe. Mangels neuer Bücher tauche ich immer tiefer in vergessene Dateien …

  3. Ich hörte Deinen Text koplett mit der Stimme von Marcel Reich-Ranicki gelesen (ja, auch den Teil zur Musik). Trefflich, trefflich.

  4. Nachdem die Forsyte-Saga hier schon wieder als unbedingt lesenswert empfohlen wird (sie kam mir in letzter Zeit schon an anderen Stellen des Netzes unter), muss ich nich jetzt wohl doch mal an den dicken Wälzer auf meinem Nachttisch wagen. Er liegt dort schon sehr lange. Ich hatte mal angefangen zu lesen und war dann irgendwie abgestorben.

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