Pegel halten

Auch diese Woche entwickelt sich in ungeahnte Dimensionen der Komplexität. Sie ist nennenswert zu voll, will viel zu viel, bietet andererseits auch zu viel, führt also wiederum zu Verhedderungen und Verstrickungen.

Zu meiner neulich erwähnten kleinen Projektidee komme ich bisher auch nicht, was meine Laune etwas absenkt. Allerdings merke ich beim Nachdenken darüber, dass mir der Projektwunsch erhalten bleibt, was die Laune gleich wieder etwas hebt. Der Pegel wird also gehalten. Immerhin! Man muss stets das Immerhin des Tages finden, um die seelische Stabilität zu wahren, ich sage es ja.

Ich habe allerdings auch an diesem Morgen entgegen allen Erwartungen gar keine Zeit, einen Text zu schreiben. Keinen Slot habe ich frei für die besinnliche Bloggerei, so eng nämlich fällt das alles aus, und es will wirklich etwas heißen.

Ich kann stattdessen nur kurz etwas notieren. Dabei kommt zwar, wie Sie unschwer erkennen können, am Ende auch etwas Text heraus, aber! Sie verstehen, und ich bemühe mich hier um einen verschwörerischen, raunenden Tonfall: Es ist ein Trick. Ein Trick, mit dem ich mich gekonnt selbst ausdribbele. Je älter ich werde, desto mehr verfestigt sich übrigens meine Erkenntnis, dass die Anwendung von Tricks gegen die eigene Psyche zu den erstrebenswertesten Learnings im Leben gehört. Also im Rahmen gewisser Grenzen des selbst definierten Anstandes, versteht sich, denn man soll sich bekanntlich auch nicht zu schlecht und zu hinterhältig behandeln.

Ein Bemerknis von gestern jedenfalls in diesem Zusammenhang. Da wachte ich nämlich noch besser gelaunt auf, als es bei mir ohnehin routinemäßig der Fall ist, denn wie Sie wissen, finde ich die frühen und auch die sehr frühen Morgenstunden super und möchte, wie die Möwen in „Findet Nemo“ beim Anblick etwa der 4 oder der 5 auf der Uhr, immer „Meins! Meins!“ schreien.

Aber gestern war die Stimmung doch irgendwie spürbar … drüber. In etwa so, dass ich die ganze Zeit hätte pfeifen mögen („just whistle while you work“). Die noch schlafenden Familienmitglieder hätten sich gewiss innig bedankt. Oder mit Gegenständen geworfen.

Wie ich da also am Schreibtisch saß und dermaßen morgenvergnügt war, dass es sogar mir schon leicht dubios vorkam, dachte ich kurz, und die Stimme meiner Lübecker Großmutter klang dabei wieder an: „Hähne, die am Morgen zu früh krähen, holt abends der Fuchs.“ Man könnte hier ergänzend eine profunde Redensart-Kritik anschließen und auf die bremsende, wenn nicht sogar abwürgende Funktion dieser mindestens zweifelhaften Aussage hinweisen, überleitend zum übellaunigen Volkscharakter etc. Aber dafür fehlt mir nun wirklich die Zeit, worum soll ich mich noch alles kümmern.

Mindestens eine meiner etwas zaghafteren inneren Persönlichkeiten war dem Sinn dieser Redensart aber interessiert zugewandt, merkte ich dann. Und exakt in dem Moment, in dem ich dies dachte, sah ich auf Instagram „zufällig“ einen Post, der auf den Begriff Cherophobie verwies. Der Begriff beschreibt eine Aversion, die auch für die Anhänger von Anhedonie und Dysphorie ein bekanntes Thema ist, nämlich die Aversion gegen das Glück oder die Angst davor. Zusammen klingen die drei Fachbegriffe zweifellos ebenso beeindruckend wie faszinierend. Und zunächst gar nicht so furchtbar freudlos, wie sie sind.

Der Begriff Cherophobie begegnete mir aber nicht nur in genau diesem Moment, sondern damit zum dritten Mal in wenigen Tagen und durch verschiedene Quellen. Wobei ich ihn vorher meiner Erinnerung nach nicht einmal kannte. Er war aber jetzt auf einmal da, er war so etwas von da. Und hier gilt selbstverständlich wieder: Ich bin zwar nicht paranoid, aber ich erkenne doch Muster.

Ich las also pflichtgemäß weiteres zur Cherophobie nach, etwa hier im psychologischen Fachmagazin Glamour, wo es allerdings als Frauenleiden beschrieben wird (für die männliche Variante siehe hier bei Esquire). Dann las ich noch mehr und noch mehr nach, denn solche Rabbit Holes machen auch Spaß, wenn nicht sogar glücklich. Also mich jedenfalls.

Und ich dachte dann und sprach zu mir selbst, denn es war sonst noch niemand wach: Nee, das haste nicht. Du würdest dich schon freuen, zweifellos doch. Wenn du etwas finden würdest, worüber du dich wirklich, also ganz wirklich freuen könntest, und du könntest auch furchtlos Glück dabei empfinden. Echtjetztmal.

Dann überlegte ich, was das denn sein könnte, worüber ich mich zweifellos gründlich freuen würde, was mich also glücklich machen würde. Und mir fiel etwas zu lange nichts ein. Bis ich mich wieder darauf besann, dass es doch der Anfang der morgendlichen Gedankenrunde gewesen war, sich sogar einfach so zu freuen, nicht einmal einen aufspürbaren Anlass dafür zu haben.

Womit erstens der Befund der Cherophobie bei mir erst einmal ausreichend widerlegt war. Und womit zweitens wie nebenbei noch ein schöner Beweis angetreten wurde, dass es durchaus zweckmäßig ist, zweckmäßig, richtig und zielorientiert, seine Gedanken kreisen zu lassen. Immer wieder und bis zum Anfang zurück, erneut über Start. Denn man kommt am Ende eben doch vorwärts.

Na, wie auch immer. Dieses Thema vielleicht auch einmal in einem lehrreichen Vortrag beim Freundeskreis Overthinking aufarbeiten! Aber ich komme ja zu nichts, ich habe doch nicht einmal Zeit genug für diesen Text hier.

Schlimm.

(Der Autor geht grundlos kichernd ab und achtet im weiteren Verlauf des Tages verstärkt auf Füchse.)

Ein Sticker mit der Aufschrift "Labil bleiben"

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