Die Hinbewegung

Ich finde die etwas royal wirkende Erhabenheit eines schlichten Satzes bei der geschätzten Frau Novemberregen sympathisch: „Das Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt habe ich zur Kenntnis genommen.

Sie geht danach aus verständlichen Gründen und außerdem lesenswert zu anderen Gründen für Sorge über. Und verhält sich dabei pädagogisch wertvoll, denn es ist mit Gewissheit richtig, was sie den jungen Menschen da mitgibt.

Das Wahlergebnis habe ich jedenfalls auch zur Kenntnis genommen. Danach habe ich das aber nicht weiterverfolgt. Kein Interesse an absehbaren Kommentaren, an oberschlauen Analysen und ätzender Kritik, an Vulgärforderungen von denen rechtsaußen und an peinlichen Hohlphrasen aus der Regierungspartei des Bundes. Alles ist erwartbar bis zum Anschlag, geradezu brechreizerregend kam es mir einen Moment lang vor.

Im ersten Moment – ich ging gerade an den Landungsbrücken entlang und sah auf eine angenehme Szenerie – dachte ich außerdem, dass es vermutlich und zumindest für mich viel sinnvoller ist, mich geistig auf etwas hinzubewegen, statt gegen etwas oder von etwas weg. Denn die Logik ist ja einfach und wird von Rechtsaußen auch  mit fast beneidenswerter Geschicklichkeit genutzt, weil sie in der Mitte und links daneben seit Jahren einfach nicht verstanden wird: Wenn man gegen etwas an denkt und argumentiert, lässt man sich Themen vorgeben.

So schlicht, so logisch.

Blick über Barkassen an den Landungsbrücken

Insofern liegt im Impuls, sich mehr um seine Sachen, Interessen, Überzeugungen etc. zu kümmern, nicht primär der stets kritisierte Biedermeier-Impuls der Kapitulation, sondern ist das Bedenken anderer als der gesetzten Themen auch schon ein Akt des Widerstandes. Ähnlich wie neulich irgendwo das Lesen von Büchern als Akt des Widerstandes in Zeiten von AI gewertet wurde.

Darauf dachte ich am Abend noch herum, fest entschlossen, mich mehr mit dieser „Hinbewegung“ zu beschäftigen. Dann fand ich allerdings Videos auf YouTube, welche die Wahl kommentierten, und ich fand sie, ohne danach gesucht zu haben. Diese Videos, zwei waren es, waren dermaßen klug in der Analyse, bissig bis zynisch in der Schlussfolgerung und logisch in der abgeleiteten und dann geradezu hingeschmetterten Handlungsaufforderung…  Ich sah sie mit großem Respekt. So klar muss man denken können! Und so elegant formulieren!

Ich sah sie mir also gleich noch einmal an. Und überlegte dabei schon, mit welchem Begleittext sie am nächsten Morgen im Blog einzubauen seien. Zwischendurch sah ich auf die Uhr. Da war es erstaunlicherweise 02:36 und mir dämmerte in einem etwas helleren Moment, dass ich diese Videos nur träumte, gar nicht wirklich sah. Was mich aber nicht davon abhielt, sie noch einmal zu sehen, und zwar mit gleicher Begeisterung.

Was also schön beweist, dass es sich bei diesem Aspekt mit der stärkeren Hinwendung zu den selbst gesetzten Themen und den eigenen Interessen, den selbst vertretenen Werten und überhaupt der eigenen Haltung so verhält, wie es sich mit nahezu allem verhält – man muss stets bemüht bleiben.

Man könnte fast sagen: Trotz alledem. Kurz nachgeschlagen bei Freiligrath, der hier aber auch nur im Regal steht, weil ich früher im Antiquariat gearbeitet habe:

„Wir wissen doch: Die Menschlichkeit
Behält den Sieg trotz alledem!“

(siehe hier)

Allerdings, so muss man wohl einräumen, ist es ein bisher durchaus unbewiesener Satz. Aber ein schöner. Immerhin.

Ein Sticker mit "FCK AFD"

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Ein Kommentar

  1. Oder um es mit einem Liedzitat zu untermauern: ‚ Liebe ist alles…‘
    Eine gute Woche in Hamburg und herzliche Grüsse aus dem Süden.

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