Ich las hier den einleitenden Satz „Die neuen Nachbarn haben sich nicht vorgestellt“. Wobei mir erst auffiel, dass ich noch aus einer Zeit komme, in der man das tatsächlich noch gemacht hat. Auch in Großstädten, und zwar auch in Häusern mit etlichen Parteien, wie etwa in diesem, in dem ich wohne. Von Tür zu Tür zog man dabei, wie heute etwa ein Parteimitglied in der heißen Phase des Wahlkampfes, und warb um Sympathien. Nur ohne Flyer dabei zu haben. Und weitgehend auch ohne Programm.
Ich weiß nicht, wie viele Jahre es her ist, dass dergleichen hier zum letzten Mal vorkam. Wir wohnen nun seit 19 Jahren hier und die Erinnerung ist ungenau. Es hat sich in dieser Zeitspanne aber auch die Geschwindigkeit erhöht, mit der die Wohnungen in der Stadtmitte gewechselt und durchgetauscht werden. Immer öfter wurde aus- und eingezogen, es kamen auch die Airbnb-Varianten auf und wurden, wie legal auch immer, um uns herum durchgezogen.

Dazu könnte ich vermutlich eine perfekt passende Statistik finden, wenn ich diesen Ehrgeiz denn hätte. Dem ist aber gerade nicht so, denn der Regen auf dem Dachfenster macht bequem, es ist so ein angenehm sedierendes Geräusch.

Heute würde man jedenfalls den aus der Zeit gefallenen Menschen, der sich von Tür zu Tür klingelnd und dabei vorstellend durchs Haus bewegt, vermutlich gleich für komplett irre halten. Das ist auch so ein Wandel, den man eher nicht mitbekommt, während er passiert. Erst im Rückblick fällt einem so etwas auf. Und wie man es auch finden mag, es ist wieder eine Veränderung, die von sozialen Kontakten im Umfeld wegführt.
Soziologinnen und Soziologen könnten dies aus dem Stand noch weiter, viel weiter ausführen.
Im gleichen Blog, nur einen Absatz weiter, wird noch gefragt, ob es eine Eierkrise gebe, die Regale im Supermarkt seien gerade so leer … In einem Kommentar darunter kommt dazu ein erhellender Hinweis.
Die Frage erinnerte mich an das alte Stichprobenproblem und den Zufall, an ein Thema, zu dem ich auch gerade ein Erlebnis hatte. Und zwar ging ich da durch die Innenstadt und mir kamen Menschen mit Maske entgegen. Wie damals, gestandene Pandemieteilnehmerinnen erinnern sich sicher noch. Wenn auch vielleicht ungern.
Menschen mit Maske sieht man nach wie vor ab und zu in der S- oder U-Bahn, manchmal auch in Geschäften. Zur Grippe-Saison sieht man jeweils einige mehr davon, nach meiner Beobachtung sind es aber nie wirklich viele. Sind sie also nie bildbestimmend, bleiben sie stets eher am Rande vorkommend, eine Splittergruppe.
Jetzt kamen mir aber mehr und mehr Menschen mit Maske entgegen, und zwar auf offener Straße. Nicht gerade Hunderte, aber doch so viele, dass es auf einmal ein nennenswerter Anteil der Passanten war, eine auffallende Deutlichkeit im Stadtbild. Da es keine japanische Reisegruppe war, fragte ich mich kurz und keineswegs nur scherzhaft, ob ich meinen Nachrichtenkonsum in letzter Zeit vielleicht doch etwas zu sehr eingeschränkt hatte, und ob nicht am Ende …
Es war dann aber nichts. Es war nur ein Zufall, es war ein weiterer von vielen, vielen Stichprobenfehlern. Wenn man sich damit schon einmal interessiert beschäftigt hat, merkt man manchmal förmlich, wie das Hirn gegen das nüchterne Faktenwissen und die Erkenntnislage rebelliert. Weil es unbedingt – unbedingt! – möchte, dass die Wirklichkeit so ist, wie es sie gerade hochrechnet. Und zwar jetzt, in diesem Moment, auf diesem Meter Straße. Etwas im Hirn weiß zwar, dass anekdotische Evidenz wenig beweist, aber diese Evidenz hier, die muss irgendwie anders sein. Man sieht es doch!
Und dann muss man wieder als innerer Erklärbär beruhigend auf sich selbst einreden. Weil man es als aufgeklärter Mensch doch etwas besser weiß als das eigene Hirn, und man darf sich dabei um Gottes willen nur am Rande fragen, wer bei diesen Gedankengängen im eigenen Kopf eigentlich gerade mit wem spricht.
Ja, nur am Rande darf man sich das fragen. Man merkt sonst so unangenehm deutlich, dass das berühmte Leonard-Cohen-Zitat vom „crack in everything“ auch für den eigenen Schädel gilt.
***
Sie können hier Geld in die virtuelle Version des Hutes werfen, herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch. Die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel.







































