Schlangennester in der Stadt

Dann fuhr ich wieder zurück nach Hamburg, ohne aber das Thema Tourismus hinter mir zu lassen. Denn ich hatte vor, mir den gerade sanierten Alten Elbtunnel anzusehen und Ihnen zwei, drei Bilder aus der Röhre für das Blog mitzubringen. Zweimal habe ich es jetzt versucht, und zweimal habe ich das Vorhaben wieder abgebrochen.

Denn vor dem Alten Elbtunnel stand jeweils eine Schlange von Besucherinnen und Besuchern an, was ich vorher noch nie erlebt hatte. Geparkte Reisebusse in Sichtweite, man wartete wohlgeordnet darauf, die fotogenen Treppen zum Tunnel hinabzusteigen. Diese Schlangen waren mir entschieden zu lang. Und überhaupt, eine Schlange vor dem Elbtunnel. Selbstverständlich bin ich da schon etliche Male durchgelaufen, zu jeder Jahreszeit, nie habe ich warten müssen. Ein hamburgischer Normalfall war es jeweils gewesen.

Am Sonnabend habe ich es dann aber etwas weiter beobachtet. Nur wenig vom schönen Tunnel entfernt die Anlegestellen der Hafenfähren. Lange Schlangen vor der gerade anlegenden Fähre, ein Gedränge an den Landungsbrücken fast wie vor den Fernzügen am Sonntagabend im Hauptbahnhof, und das will etwas heißen. Dieser Umstand war neulich auch in der Presse, weil diejenigen, welche diese Fähren nach wie vor als das nutzen, was sie vom Zweck her sind, nämlich schlicht als Nahverkehrsmittel, nicht davon begeistert sind, wenn sie keinen Platz bekommen, wenn so viele andere die Fähren für attraktive und vor allem billige Ausflugsdampfer im Retrolook halten.

Aber so steht es eben in den Reiseführern, so wird es überall empfohlen (auch schon in diesem Blog, ich weiß). Und will man nun Tourismus oder nicht, da hängen all die sattsam bekannten Fragen dran.

Boote der Weißen Flotte am Anlager Jungfernstieg, Menschen sitzen an der Kaikante

In diesem Zusammenhang steht auch der Streit, den man gerade um den besonders postkartentauglichen Isemarkt hatte. Auf dem mehr und mehr touristen- und instagramfreundliche Food-Trucks standen, zulasten der Stände, an denen die Menschen aus dem Stadtteil ringsum tatsächlich und vermeintlich noch ganz normal eingekauft haben.

„Der Isemarkt, so sagen einige, ist zu trendy geworden. Schuld daran soll der Hype auf Social Media sein: Der Isemarkt wird dort als „Hamburgs Streetfood Heaven“ gepriesen, es gibt Empfehlungen für „Must-Try Stände“ und „Top Picks“. Denn neben Imbissständen mit Leberkäse oder Veggie-Auflauf gab’s zuletzt immer wieder Foodtrucks mit neuen Kreationen: Reispapier-Crèpes, Mango-Cloud-Matchas und Acai-Porridges. Regelmäßig gingen sie bei Instagram und Tiktok viral.“

Ist es nun ein Ort der banalen Alltagsbewältigung, wo man Kartoffeln und Kohlrabi erwirbt, ist es eher eine viral gehende Fressmeile – es wird gerade neu ausgehandelt. Und man ahnt, welcher Zweck trotz aller noch gegenläufigen Bemühungen gewinnen wird. Nein, man weiß es.

Denn es ist nun einmal ein Muster, das sich weltweit und oft wiederholt.

Das Binnenalsterufer am Ballindamm

Ich gehe weiter durch die Stadt. Die nächste Schlange sehe ich vor einem dieser neuen Keks-Läden. In denen man tatsächlich nichts als Kekse bekommt, die aber für Instagram, Tiktok etc. besonders geeignet sind. Es sind also wahnsinnig fotogene, besonders dekorativ gestaltete und auch besonders teure Kekse. Nicht etwa irgendwelche Plätzchen. Es sind Star-Model-Cookies.

Dann eine weitere Schlange vor einem Laden für Frozen Yogurt, neulich wurde er wohl erst eröffnet. War Frozen Yogurt nicht schon längst durch? Ist es denn bereits wieder dran, in welchem Tempo laufen jetzt bitte diese Trendzyklen durch die Stadt?

Lassen Sie mich bitte an dieser Stelle eben eine feine Cover-Version von Blossom Dearies „I’m hip“ anwerfen, es musizieren Veronica Swift und Emmet Cohen:

„I’m hip, I’m alive
I enjoy any joint where there’s jive
I’m on top of every trend
Look at me go, vo-dee-oh-doh“

Eine weitere Schlange vor einem Bekleidungsgeschäft für jüngere Menschen mit irgendeiner Sonderaktion. Vermutlich macht eine bekannte Influencerin irgendetwas, hält etwas in Kameras, das kommt auch immer häufiger vor. Nicht viel weiter eine Schlange vor einer weiteren Touristenattraktion, dann noch eine … Ich komme dann auf insgesamt sieben Schlangen auf meinem Weg. Gehzeit etwa eine Stunde.

Ein wahres Schlangennest war die Innenstadt also, zumindest in der typischen Reiseführer-Zone. Vermutlich war es mein Rekord, vermutlich kann ich das nun beliebig oft wiederholen. Und, so viel Prophezeiung darf wohl sein, vermutlich kann ich es bald auch steigern.

Es erinnerte mich im Gesamtbild etwas an ältere deutsche Sketche aus den Achtzigern, in denen man sich noch über die überall so besonders brav schlangenstehenden Briten lustig gemacht hat. Nur fehlten leider in der Wirklichkeit sämtliche Pointen.

Boote der Weißen Flotte auf der Binnenalster

Aber wie auch immer. Ich halte jedenfalls für die Chronik fest, dass Hamburg nun auch zu einer Stadt wird, in der man für alles anstehen muss. Für alles, was im weitesten Tourismus- und Social-Media-Travel-Kontext erwähnt und fotografiert, gefilmt und livegestreamt wird. Ich grüße an dieser Stelle freundlich in Richtung Venedig, Dubrovnik, Heidelberg etc.

Und ich halte mich mit Meinungen zurück. Denn es ist überaus kompliziert, wie wir alle wissen, und vor wenigen Tagen erst war ich selbst noch Tourist und stand vermutlich irgendwelchen Einheimischen im Weg herum oder verdarb ihnen die Fischbrötchenpreise.

Womit ich gerade immerhin einen Anfang gemacht habe und die bekannte Regel, dass der Mensch kategorisch unfähig ist, sich selbst als Tourist zu erkennen, gnadenlos gebrochen habe. Wer immer strebend sich bemüht!

Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, wer und wo es war, aber irgendein Comedian hatte vor zwei, drei Jahren einmal die Idee ausgeführt, dass sich Europa geschlossen und mit Hochdruck um eine rapide und vollkommen freiwillige, also selbstbestimmte Disneyfication bemühen müsse. Um dann als riesiger Freizeitpark für den Tourismus aus verbleibenden oder neu entstehenden Weltmächten zu dienen, ein Freilichtmuseum von Lissabon bis Oslo.

Es würde schließlich Millionen Arbeitsplätze dauerhaft sichern. Man könnte auf diese Art auch vieles so lassen, wie es ist, man müsste es sogar zwingend so lassen. Was wir bekanntlich alle besonders toll finden. Denn „Das haben wir schon immer so gemacht“ – da stehen wir nun einmal drauf. Man könnte sich manchem Fortschritt und auch manch lästigem Wertewandel gut begründet und vor allem dauerhaft verweigern. Schon wegen der Optik!

Und es ist so: Es war einer der Scherze, die man ganz erstaunlich weit ausbauen kann, in denen man immer mehr Wahrheiten findet. Ich denke seitdem oft und lange darüber nach.

Vielleicht denke ich zu lange und zu oft darüber nach. Aber wer weiß: Vorbereitung ist alles.

Boote der Weißen Flotte auf der Binnenalster

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In langsamer, stetiger Bewegung

Am frühen Abend eines Tages mit Strandwetter ging ich runter zum Meer. Zu einer Stunde, in der gerade die letzten vom Strand aufbrachen, die dort länger als die Mehrheit geblieben waren. Weil ihre Bücher so gut waren oder vielleicht auch ihre heruntergeladenen Serien, weil ihre Kinder noch im Sand oder in den Wellen spielen wollten, weil sie im Strandkorb wieder eingedöst waren oder weil sie sich einfach nur vor lauter Urlaubsentspannung nicht aufraffen konnten, den nächsten Tagesordnungspunkt anzugehen und den langen Marsch zum Hotel anzutreten.

Ich sah diese Grüppchen langsam auf mich zukommen. Familienrudel und freundschaftliche Verbünde, Paare und auch einige wenige Solostrandbesucher. Der Strand von Sankt Peter-Ording ist besonders breit und lang. Er ist eine Angelegenheit von enormer Weite, mit viel Auslaufraum für Sturmfluten, die es in sich haben. Man geht dort also lange durch den besonders feinen Sand, wenn man zurück zum nicht endenwollenden Steg und dann noch weiter in den Ort möchte. So weit geht man tatsächlich, dass es definitiv kein kleiner Gang mal eben so ist. Es ist eher so etwas wie ein Vorhaben. Man muss es daher auch wollen, man muss sich erst dazu aufraffen.

Weswegen diese Menschen, die mir da entgegenkamen, auch einen anderen Gang hatten, eine ganz andere Körperspannung, als ich es etwa aus Travemünde von den Touristen in der Hin- und Herbewegung vom und zum Strand kenne. Wo man vom Meer aus zwischendurch ohne Probleme und mal eben ins Hotel eilen kann, wenn man etwas vergessen hat. In Sankt Peter-Ording geht man dagegen in einer Art entspanntem Wandermodus. Gemächlich und ruhig geht man, denn man weiß, das dauert jetzt eine Weile.

Konzentriert sieht diese Fortbewegung auch aus, denn es geht sich doch erstaunlich schwer in dem Sand, wenn man mit all dem üblichen Strandzubehör beladen ist. Und es waren teils bedeutende Mengen an Zubehör auszumachen, besonders an und auf Vätern. Wie in Travemünde damals sah ich auch hier zwischendurch mehrfach das typische Stehenbleiben und Durchwühlen des ganzen Zeugs, mit der vermutlich an jedem Küstenort gleichen Frage, ob auch wirklich, wirklich alles dabei sei und nicht doch noch irgendwas dahinten im gebuddelten Loch oder hinter dem Strandkorb … was man dann nie wieder … Man kennt das.

Aber ich sah nicht nur diese auf mich zukommenden, müde wirkenden Badegäste, ich sah auch gegen die Sonne. Weswegen ich mangels Sonnenbrille die Augen etwas zukneifen musste und alles etwas unscharf und ungenau wurde.

Dabei fiel es mir dann auf. Dass nämlich diese vielen Menschen, die da in lockeren Abständen zueinander durch ein gemeinsames Ziel und eine Richtung geeint waren, all diese Menschen, die in dieser Szene in unterschiedlichen Verbindungen zueinander und in allen Alterstufen, Formaten und Ausprägungen vorkamen, einem anderen Bild ähnelten. Sie sahen nämlich, wenn man nicht genau genug hinsah, aus wie die Überlebenden einer Apokalypse, wie die versprengten Menschheitsreste in einem Science-Fiction-Szenario im Kino. Die letzten ihrer Art, die da durch die gerade erst entstandene Wüste auf ein unbekanntes Ziel zustrebten. Wo es noch Wasser geben sollte. Oder Elektrizität, ein Krankenhaus, die Reste einer Regierung, was auch immer.

Man hätte diese Badegäste alle, wenn die Optik nur unscharf genug gewesen wäre, in dieser abendlichen Strandstunde auf ihrem langen Marsch aufnehmen und mit gekonntem Schnitt in einen solchen Film hinein schmuggeln können. Denn Dune oder Düne – Hauptsache, man hat ein Ziel. Hauptsache, man bewegt sich gemeinsam, langsam und stetig auf etwas zu.

Und sei es nur auf ein Fischbrötchen am Ende des Steges.

Kreideschrift auf dem Pflaster: Die Letzten werden die Ersten sein.

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Versicherungsmathematische Fragestellungen

Noch zwei, drei Bemerknisse, über zwei Texte vielleicht. Möglichst schnell werde ich sie abhandeln, dann bin ich mit dem Kurztrip nach Sankt Peter-Ording auch schon durch und kann mich wieder der Hamburger Gegenwart oder, wer weiß, neuen Zielen zuwenden.

Zum einen machte ich mir zwischendurch versicherungsmathematische Gedanken. Also nur spaßeshalber, versteht sich, denn ich verstehe rein gar nichts von Versicherungsmathematik. Ich erkenne höchstens, und auch das unsicher, wenn in dieser Hinsicht Fragen aufgeworfen werden. Etwa jene Frage, die sich stellt, wenn man zur Kenntnis nimmt, was man an der Küste beim besten Willen nicht mehr übersehen kann, dass nämlich alle Menschen ungefähr ab dem Rentenalter kategorisch E-Bike fahren. Wenn sie denn überhaupt Rad fahren. Was sie, man kann auch das aber nur raten, vielleicht im Urlaub an der Nordsee lieber machen als zu Hause im Bergischen Land oder wo auch immer.

Sie fahren also E-Bike. Und sie fahren, aber das gehört nicht zum Thema, Partnerlook-E-Bike, in geradezu aufreizender Häufigkeit. Nicht nur die Outdoorjacken der Paare sind gleich aussehend, wie seit Jahren schon, auch die Räder sind jeweils Zwillinge. So häufig, dass man irgendwann annimmt, okay, diese E-Bikes werden vermutlich nur in Zweierpacks verkauft, die gehören einfach so. Es ist ein Für-Zwei-Produkt.

Worum es mir aber eigentlich geht: Sie strengen sich nun, da sie ja Motorunterstützung haben, eindeutig weniger an. Sie sind dennoch schneller als früher, was man ebenfalls nicht übersehen kann. Denn es wird sonst gefährlich, wenn man nicht dauernd hinsieht. Aber sie kommen dabei nicht mehr so trainingsmäßig außer Atem wie früher. Wie damals, als man noch strampeln und Sport treiben musste, als sei man ein Steinzeitmensch auf der Flucht.

Wenn sich jetzt aber alle Menschen ab etwa 60 Jahren auf dem Rad weniger anstrengen, was heißt das dann für die Volksgesundheit und also für das Gesundheitssystem? Sind E-Bikes so betrachtet gesundheitsschädlich? Oder ist es andersherum und es bewegen sich nun mehr Menschen denn je, weil auch diejenigen endlich aufs Rad steigen, die sonst gar keines angefasst hätten? Menschen also, die sich jetzt wenigstens ein bisschen bewegen. Und auch einmal an die frische Luft kommen.

Was da wohl überwiegt? Und ob es sich schon in nennenswerten Zahlen ausdrückt?

Die Umweltfrage bei diesem Thema kann man viel leichter beantworten, nehme ich an. Denn die meisten dieser E-Bike-Ausflüge werden keineswegs eine Autofahrt ersetzen, sie werden vielmehr ein letztlich entbehrlicher Zusatz zum Mobilitätsportfolio sein. Mit anderen Worten, E-Bikes sind, so betrachtet, schlecht für die Umwelt. Sie sind am Ende Ressourcenverschwendung, denn sie wurden für einen fragwürdigen Zweck hergestellt, für Freizeit. Bei Ressourcen gilt aber selbstverständlich wieder ein bekanntes Goethe-Wort: „Drum besser wär’s, dass nichts entstünde.“

Volkswirtschaftlich wiederum ist vielleicht doch alles super. Allerdings nur, sofern es sich um Räder aus deutscher Wertarbeit handelt. Binnennachfrage, Handwerkskunst, Ingenieurwissen! Heimliche Weltmarktführer bei den Einzelteilen! Sind sie aber importiert, womöglich und Gott sei bei uns, aus China, kann man die E-Bikes, die doch auch schon Gesundheit und die Umwelt ruinieren, nur als weiteres Mittel unserer freiwilligen Dekonstruktion verstehen. Dann treiben sie uns immer weiter und weiter in die wirtschaftlich und vor allem industriell abnehmende Bedeutung des Landes.

Das jedenfalls dachte ich mir alles so, als ich auf einer Promenade an der Nordsee wieder einmal einem Rentnerpärchen auswich. Welches auf E-Bikes im Partnerlook und in hoher Geschwindigkeit dort auf mich zuwalzte, wo es gar nicht fahren durfte. Und welches, es war nicht zu übersehen, von Ausweichen selbst recht wenig hielt.

Na, was man eben so denkt, in solchen Momenten.

Musik!

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Linkwerk zum Wochenende

Gesehen:

Ein klarer Fall von reiner Kulissen- und Kostümschwelgerei. Aber es geht, wenn auch eher knapp, noch als Bildung durch, denn es war immerhin eine Literaturverfilmung: „Der Leopard“, die Miniserie auf Netflix. Bei der Zeit war man von dieser Verfilmung allerdings ganz und gar nicht angetan (und nicht bei der taz oder beim Standard, man findet auch noch weitere, eher verheerende Rezensionen). Es fällt in der Zeit-Besprechung das äußerst böse Wort „schmonzettenhaft“.

Ich denke nach ein, zwei Folgen, dass es leider stimmt, man kann es so stehenlassen. Schade, ich gucke dann doch nicht alles.

Aber die Kleider, aber die Kulissen! Sizilien! Palermo! Da war ich sogar schon einmal, damals irgendwann. Schon schön da, to say the least. Und es ist doch eine helle Freude, sich das anzusehen. Selbst in einer Schmonzette. Ein schönes Wort aus dem Jiddischen oder Hebräischen übrigens, lange habe ich es nicht mehr gesehen oder benutzt.

Ich sah mir den Leoparden in aller Unschuld und frei von Bildungslast an, denn ich habe weder den so hochgeachteten Roman je gelesen, obwohl er hier lockend bereitsteht und zweifellos in jeden Kanon gehört, noch habe ich die vielgerühmte Visconti-Verfilmung je gesehen. Eine Schande, beides, ich weiß. Aber ohne schändliche Lücken kommt niemand durch die Jahre, das weiß ich auch.

Im Zeitartikel lobend erwähnt wird dagegen die Netflix-Verfilmung von „Hundert Jahre Einsamkeit“ von Garcia Márquez, und die sehe ich mir dann wohl als Nächstes an. Da kenne ich immerhin das Buch schon, wenn ich mich auch nur äußerst vage erinnern kann. Damals habe ich es gelesen, als alle es gelesen haben. Als „man“ überhaupt sehr viel aus Südamerika gelesen hat. Aber so begeistert wie alle war ich dann doch nicht, das immerhin weiß ich noch.

Ich bin mir nicht sicher, ob es überhaupt noch einen Freundeskreis Graham Greene gibt. Ich würde es bedauern, wenn es nicht so wäre, auch wenn man zugeben muss, dass seine Themen nicht mehr aktuell sind und es beispielsweise für die meisten von uns keineswegs mehr an der Tagesordnung ist, mit Gott und mit dem eigenen Glauben zu ringen, als ginge es dabei um Leben und Tod oder auch nur um besonders ernste Fragen. Aber so ging es in seinen Büchern oft zu.

Neulich habe ich erst, ich berichtete auch davon, „Das Ende einer Affäre“ wieder gelesen, eine auffällig brillant konstruierte Geschichte über einen Ehebruch und über die damalige Moral, bis hin zur Mitwirkung von Gott. Auf 3sat läuft die hervorragende Verfilmung aus dem Jahr 1999 von Neil Jordan, mit Julianne Moore und Ralph Fiennes.

Zu erwähnen ist aber auch Stephen Rea, der die undankbare Rolle hat, einen unscheinbaren Mann zu spielen. Und er macht es sehr gut, sie alle machen es sehr gut. Wenn Sie Greene mögen, werden Sie den Film auch mögen. Wenn Sie etwas über Gentleman-Behavior lernen wollen, dann sicher ebenso. Hier gibt es den Film bei 3sat, mir gefiel er.

Und schon einmal hineingesehen habe ich in „Corsage“ von Marie Kreutzer aus 2022. Mit der stets anbetungswürdigen Vicky Krieps in der Rolle der Elisabeth von Österreich (eine Sissi in späten Jahren). Hier alles zum Film bei der Wikipedia, und hier kann man sehen, wo er gerade läuft. Ich bin fast sicher, er ist empfehlenswert.

Gelesen:

Über das Denken in ganzen Sätzen.

Weitere interessante Links bei Felix.

Bei der Frischen Brise gibt es in drei Teilen (hier, hier und hier) dermaßen anziehende Aarhus-Bilder … Also, wenn ich das so sehe, man möchte vielleicht doch einmal dorthin und ernsthaft selbst nachsehen.

Eine Story im Guardian las ich außerdem, über das spektakuläre Scheitern einer großen Werbeaktion. Die vom werbenden Konzern (Starbucks) verwendete KI ist nicht unschuldig an den Vorgängen, verantwortet aber selbstredend gar nichts.

Gehört:

Weiter im Hörbuch „Knife“ (Verlagslink) von Salman Rushdie, weiter war ich angetan. Allerdings muss man vielleicht doch warnen, denn er beschreibt recht grausige medizinische Details in aller epischen Ausführlichkeit. Das werden definitiv nicht alle hören oder lesen wollen, stelle ich mir vor. Je mehr Vorstellungskraft man hat, desto elender wird einem bei manchen Stellen, es greift einen an. Wobei ich, auch wenn man das nur raten kann, vermutlich ähnlich von so einem Vorfall berichten würde. Ich finde es nachvollziehbar, damit so umzugehen.

Er berichtet in dem Buch aber auch, wie er seine Frau, die Dichterin Rachel Eliza Griffiths kennengelernt hat und wie er sich in sie verliebte. Und dafür, dass es ausdrücklich keine Geschichte ist, sondern ein eher sachlicher, beschreibender Text, ist es doch ein besonders schöner Liebesbericht geworden.

Danach brauchte ich aber dringend ein entspannenderes Hörbuch. Daher ging ich, passend zur Goethe-Biografie, durch die ich mich gerade arbeite, zum Goethe-Roman von Thomas Mann über, also zu „Lotte in Weimar“. In welchem die in die Jahre gekommene Original-Lotte, die also das Vorbild zur weiblichen Heldin im Werther war, nach Jahrzehnten ihren alten Freund Goethe in Weimar besucht. Was eine historische Tatsache ist: Die Handlung ist nicht komplett erfunden.

Ich höre über die App der öffentlichen Büchereien eine Hörbuchversion, die Gert Westphal eingelesen hat, über sechzehn Stunden lang. Der bekanntlich als König der Vorleser im deutschsprachigen Raum gilt. Und wenn man bei diesem Buch nur den Anfang hört, nur die erste Viertelstunde oder zwanzig Minuten etwa, dann weiß man, warum er so genannt wird. Ein Großmeister, ganz zweifellos.

Und dass es signifikante Unterschiede bei Vorlesefähigkeiten gibt, man bemerkt es doch jäh und deutlich, wenn man da reinhört. Es treten da etwa ein Herr Mager und ein Herr Riemer auf, der eine ein serviler Kellner mit einem leicht thüringischen Einschlag in der Aussprache, der andere die betont würdevolle Assistenz von Goethe mit einem „leicht gaumigen“ Tonfall. Und während man sich beim stillen Lesen vielleicht am Rande fragen würde, wie genau das eigentlich klingen mag, wechselt Gert Westphal mit unfassbarer Leichtigkeit in diese Betonungsarten hinein und man denkt sofort: Ja! Natürlich! Genauso muss ein „gaumiger Tonfall“ klingen.

Und zumindest für mich gilt: Ich könnte das nicht so lesen. Nicht einmal ansatzweise.

Albrecht von Lucke war Gast im Podcast von Jagoda Marinic, „Freiheit Deluxe“, über 1:37 hinweg. Dem Herrn zuzuhören, das finde ich meist interessant, so auch in diesem Fall.

Eine Folge Radiowissen: „Viktor Frankl – Sinn des Lebens, Sinn des Leidens“. 21 Minuten, und Frankl zu kennen, das schadet nicht. Im Gegenteil.

Und einen Podcast gab es auch wieder ausdrücklich außerhalb der thematischen Komfortzone. Das baue ich nach Möglichkeit oft ein, nämlich eine Folge von „Der Rest ist Geschichte“: Waffentechnik – Krieg ist auch nicht mehr das, was er mal war. 44 Minuten.

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Neue Musik fand ich etwa von Seasick Steve, bei dem ich die besonders langsamen Stücke meist mag. Gerade erschienen: “The last season of America”:

Neue alte Musik fand ich auch auf YouTube, etwa von Peggy Lee in der Ed-Sullivan-Show, „Non dimenticar“ (Vergiss nicht):

Oder hier, Lonnie Johnson:

Zuletzt ein grandioser Auftritt von Alicia Keys. Aber wann wäre sie nicht grandios.

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Spaziergang dorthin, wo Maleen zu lange gewartet hat

Vorweg herzlichen Dank erneut für die Zusendung eines Buches vom Wunschzettel. Diesmal gab es, äußerst passend zum Aufenthalt am Strand, ein Buch des portugiesischen Dichters Antonio Lobo Antunes: „Welche Pferde sind das, die da werfen ihren Schatten aufs Meer?“  So ein anziehender Titel, ich finde ihn sehr gelungen. Deutsch von Maralde Meyer-Minnemann, und auch zu diesem Namen möchte man gratulieren.

Vielen Dank!

Das Buch "Welche Pferde sind es, die da werfen ihren Schatten ins Meer?"

***

Maleens Knoll, oder, wenn man es etwas feiner ausdrücken möchte, die Magdalenenspitze, was aber doch im Vergleich etwas geziert klingt, ist ein Aussichtspunkt mit einer kleinen Turmkonstruktion für die Besuchenden auf einer hohen Düne bei Sankt Peter-Ording, im nördlichen Ortsteil Bad. Wenn man dort Urlaub macht, wenn man etwa die Dünen-Therme nebenan besucht, wie es fast alle tun, spaziert man vielleicht einmal dort vorbei.

Durch etwas Kiefernwald geht man da zunächst. Der einem angenehm südlich vorkommen kann, mit Anklängen an Frankreich und an die Küste des Atlantiks, wenn man das dort kennt und vergleichen kann. Kiefernwald und sandiger Boden, dazu der Geruch nach Meer. Die stehende Sommerhitze zwischen den Baumstämmen, der angenehme Geruch des trockenen Holzes, und über dem hellen Boden flimmert es hier und da sogar. Unbekannte Vögel singen im Unterholz und es ist meist wenig los dort. Es ist ein ausgesprochen schöner Gang dort „hinauf“. Von wirklicher Höhe kann man allerdings dabei kaum reden, auch wenn es tatsächlich weit und breit der höchste Punkt ist.

Der Name des Ortes stammt von dem Mädchen Maleen, von der man sich heute noch erzählt. Die wir uns selbstredend schön vorzustellen haben, wie in allen Geschichten dieser Art. Blond wird sie gewesen sein, das damalige Friesenmädchen aus einer Zeit, in der man sich Geschichten noch erzählt und gemerkt hat. Strahlend blond und vielleicht sogar besonders schön, warum auch nicht. Ihr Verlobter fuhr zur See, wie es vermutlich alle Verlobten in jener schon fernen Zeit gemacht haben, auf Walfang oder dergleichen. Er fuhr zur See, sie versprach zu warten. Er aber wird versprochen haben, wiederzukommen.

Es ist bis dahin ebenso nett und herzig wie vollkommen unoriginell.

Strand in SPO, abendblauer Himmel, wolkenverhangen. eine Boje liegt auf dem Sand

Damit es aber eine Geschichte werden konnte, kam der Verlobte nicht wieder. Lange, lange Zeit kam er nicht wieder. Und sie saß und saß auf der hohen Düne, sie sah aufs Meer und wartete treu, sie verzehrte sich schier vor Sehnsucht dabei. Ein Spinnrad nahm sie stets mit dort hinauf, damit sie beim Warten beschäftigt sei, und auch eine kleine Laterne. Sie saß da und spann und spann, und sie wartete immer weiter. Wenn es dunkel wurde, zündete sie ihre Laterne an. Für sich, aber auch und vor allem für den Verlobten, damit er jederzeit zuverlässig ein Licht an der Küste sehen könne.

Sie sah auf die See und hoffte und hoffte, er würde von einem zurückkehrenden Schiff aus auf das Land sehen.

Grünes Vorland in SPO unter grauen, tiefen Wolken

„An den Anblick gewöhnten sich dann alle“, so heißt es immer. Nämlich an den Anblick des abendlichen Funzelleuchtens auf der Düne. An diesen kleinen, aber so zuverlässigen Lichtpunkt dort oben.

Als das Licht für einige Tage abends ausblieb, ging man schließlich nachsehen, es war doch ungewöhnlich. Man fand sie neben ihrem Spinnrad liegend, sie hatte sich zu Tode gewartet. Einige Wochen später, wie es lapidar berichtet wird, wurde nicht weit von dort ein ertrunkener Seemann mit der Flut an den Strand gespült. Er trug den gleichen Ring wie jene Maleen.

So also geht die Geschichte, die sich mit Maleens Knoll verbindet. So wird sie dort im Ort erzählt und so steht sie auch in den Reiseführern und auf den erklärenden Tafeln am Wegesrand. Wir wollen diese kurze Sage von Liebe und Leid, liebe Freundinnen und Freunde des Beziehungscoachings, kurz ausdeuten.

Und zwar wollen wir klar und in angemessener Deutlichkeit benennen, was wir hier eigentlich im Kern vor uns haben. Ausdrücklich im Lichte neuerer Erkenntnisse, also im Geiste unserer Zeit, wollen wir es deuten. Denn wir leben und lieben heute und nicht im Friesland vor Hunderten von Jahren. Und kommen daher zu folgendem Schluss:

Wenn ein innig geliebter Mensch, der versprochen hat, zu einem anderen Menschen zurückzukommen, partout und entgegen aller Absprachen nicht erscheinen möchte, dann sollte man keinesfalls lange herumspinnen und sich mit vergeblicher Warterei beschäftigen. Vielmehr sollte man sich möglichst umgehend dem Leben und selbstverständlich auch anderen, weiteren Menschen zuwenden.

Sonst geht man nämlich am Ende leer aus, womit man für niemanden etwas erreicht. Sonst dient man auf diese Weise also lediglich anderen als warnendes Beispiel, und das sollte kein erstrebenswertes Ziel für uns sein.

Bitte sehr, gerne geschehen. Man sollte Geschichten nicht nur lesen oder hören, man sollte auch aus ihnen lernen können. Das ist sehr wichtig.

Es ist, ich sagte es schon, unbedingt ein empfehlenswerter Spaziergang, dieser kurze Besuch von Maleens Knoll, und es ist ein Gang, den nicht allzu viele Besucherinnen machen. Es ist daher bemerkenswert ruhig dort, wo andere schon vor lauter Warterei gestorben sind.

Ein so besinnlicher kleiner Umweg.

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Dekonstruktion der Sommerluft an der Küste

Düfte sind bekanntlich besonders eng mit Erinnerungen verbunden und immer wieder in der Lage, unseren Geist erstaunlich gekonnt und unversehens flott durch viele Jahre zurückzubefördern. Mal ist es willkommen, mal ist es etwas lästig, wenn unsere längst vergangenen Momente sich solcherart als untot erweisen: Manchmal kommen sie eben wieder. Um nicht schon wieder Faulkner mit „… it’s not even past etc. …“ zu zitieren. Aber es trifft die Sache schon, trotz aller Kalenderspruchqualität, wie man mit jedem Lebensjahr deutlicher erkennt.

Es kann auch sein, dass die Qualität der Erinnerung etwa auf der Mitte zwischen den beiden Polen liegt. Dass sie gleichzeitig gute und schlechte Zeiten enthält.

So geht es mir mit Geruch, der etwa dem folgenden Bild zuzuordnen ist. Den Strand im Hintergrund müssen Sie sich bitte noch dazu vorstellen, gleich beim Horizont dahinten, etwa fünfzehn Gehminuten entfernt.

Landschaft mit Heckenrose bei SPO

Es ist ein Sommerduft, und man muss ihn sich intensiv vorstellen. Er füllt die Landschaft, leicht auch ganze Orte und weite Strände, er hat Volumen und Erstreckung. Eine süße Schwere ist darin und fällt zuerst auf, die kommt von den überall an der Küste blühenden Heckenrosen. Besonders weit duften die, und manchmal mit einer so deutlichen, blumigen Süße, dass man meint, man müsste etwas wie Schwaden herumwehen sehen können, rosafarbenes Gewölk in der Luft. Aber da ist natürlich nichts. Die Landschaft gibt sich nur wie eine Dame, die ein wenig zu viel Parfüm genommen hat.

Dann, etwas weniger süß, auch in diese Richtung gehend, aber ein wenig mehr die Kurve Richtung Badezimmer nehmend, der Anteil an Sonnencreme oder -öl. Der auch weitab der Strände, oft sogar eher unvermutet, markant wahrzunehmen ist, in unterschiedlichen Sättigungsanteilen.

Schwer zu verorten, wenn das ein Wort ist, das man mit Duft überhaupt in Verbindung bringen kann, ist die Grundierung der Aromen durch Salzwasser und frischen Wind vom Meer. Die beide unaufdringlich unter allem sind und die dem Ganzen Weite geben. Vielleicht auch so etwas urlaubshafte Lässigkeit, aber das wird nur vom Land aus gelten, wenn man sich also nicht gerade um Segel oder Anker und dergleichen zu kümmern hat.

An der Nordsee deutlicher als an der Ostsee kommt noch Kraut dazu. Ein würziger Gründuft, vielleicht mit etwas Ginster oder Raps dabei. Ein wenig herb manchmal, oder auch süßer und an Heu erinnernd. Je nachdem, wo man gerade ist und was ringsum so wächst.

Bodenhaftung und Schwere wird der Luft in diesen Gegenden durch Pommesfett zugesetzt. Ein Imbissmittagsgeruch und eine flüchtige Kindheitsstrandhungererinnerung, die mit großer Verlässlichkeit auszumachen ist, sobald es irgendwo auch nur geringfügig nach Bädertourismus aussieht.

Ich atme prüfend ein und merke, wie ich die Wahl habe. Ich kann mich entweder erinnern an Ferientage am Strand, die mit rein gar nichts gefüllt waren, abgesehen von Schwimmen, Burgen bauen, irgendwelchen Ballspielen und dergleichen. Keine Pflichten weit und breit und die kostbare Gewissheit, dass morgen noch so ein Tag sein würde. Und dann noch einer. Teils selige Zustände habe ich damals erreichen können, etwa beim Einschlafen im Strandkorb nach dem stundenlangen Baden in den Wellen.

Oder aber ich kann mich erinnern an Tage, die den eben beschriebenen durch und durch ähnelten, aber ich war dummerweise schon ein wenig älter und nicht mehr nur Kind. Ich wollte vielmehr schon etwas, ich hatte schon Wünsche und gewisse Vorstellungen. Und meist konnte ich die auch mit Namen benennen. Also mit Mädchennamen.

Aber es passierte dann gar nichts, sommerlang passierte nichts. Mit dem Duft kann ich daher ebenso eine unerträgliche, schwer durchzustehende Ödnis verbinden. Eine schwere, lähmende Langeweile, ein mühsames Existieren von Stunde zu Stunde. Mit der unschönen Gewissheit, dass die Stunde danach auch nicht viel besser werden würde.

Es muss einen Sommer gegeben haben, in dem sich die beiden Zustände noch knapp die Waage gehalten haben. Aber das kann ich nur ableiten, ich weiß es nicht mehr genau. Ich kann mich nur auf eine seltsam gefühlskippelige Art an die damaligen Zustände erinnern.

Das Vorland am Strand von SPO

Strand von SPO mit Holzgestell

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Main Character Vibes

Ich sehe oft Filmszenen in der Wirklichkeit, ich schreibe oft darüber, und ich nehme oft Musik über Kopfhörer als Soundtrack zu etwas wahr, das da draußen gerade abläuft. Mehr oder weniger passend kann die Musik dann sein, und manchmal passt sie auch sensationell gut. Das sind diese erhebenden Sync-Momente, Sie kennen das vermutlich, wenn alles kurz zusammenpasst.

Was ich aber eher nicht sehe, was ich auch nicht fühle, das bin ich in einer Rolle in diesen Szenen. Schon gar nicht in der Hauptrolle. Auf diese Idee komme ich eher nicht. Ich laufe normalerweise herum und sehe mir lieber die Show an, die andere veranstalten. Andere Menschen sehe ich also an, die etwas machen oder einfach mehr oder weniger dekorativ vorhanden sind. Manchmal auch Tiere oder überhaupt die Natur, die Stadt, die Gebäude, die blinkenden Reklamen etc.

Ich denke ausdrücklich nicht wie Snoopy: „Hier kommt der berühmte …“, um mich dann einer Fantasie entsprechend in Szene zu setzen, gekonnt zu inszenieren oder zumindest solcherart zu empfinden, zu erträumen. Ob es aber normal wäre, so etwas zu tun, und wenn ja, in welcher Häufigkeit, das weiß ich gar nicht. Und es lässt sich auch nicht gut mal eben recherchieren. Zumindest auf den ersten Blick nicht, und mehr Zeit hatte ich gerade nicht. Wie viel Hauptrolle steht einem eigentlich zu?

Am Ende sind Hauptdarstellerinnenfantasien viel gewöhnlicher, als ich es mir vorstelle, machen das andere öfter als ich? Was weiß man schon – ich lande immer wieder bei diesem Gedanken.

Main character vibes jedenfalls. Ich habe spontan nicht ergründen können, woher der Ausdruck eigentlich genau stammt. Ich weiß, dass er in den sozialen Medien oft verwendet wird, wie auch main character energy und andere eng verwandte Abwandlungen. Eine Quelle in der Gaming-Kultur kommt mir wahrscheinlich vor und Gemini gibt mir prompt Pen-&-Paper-Rollenspiele als Herkunft an. Zum Gegenbegriff NPC ist es da in der Assoziationskette nicht allzu weit.

Den Ausdruck NPC habe ich damals von den Söhnen gelernt, übrigens.

Aber wie auch immer. Als ich am Meer ankam, das wollte ich nur eben erzählen, war es vollkommen unerwartet warm. Ein hochsommerlicher Tag, eher später Juli als früher Juni, gar kein Gedanke an den angesagten Regen. Ich stieg aus dem Zug und rollkofferte zunehmend erhitzt zum Hotel. Ich stellte das schmale Gepäck in das Zimmer und ging gleich wieder, ohne mich erst umzuziehen, runter zum Strand. Noch im Anzug also ging ich. Und zwar auf dieses Mittelding zwischen Seebrücke und Steg, über das man in Sankt Peter-Ording zum Meer gehen kann. Und wie lange geht man da. Wenn man es nicht kennt, nehme ich an, ist es ein ganz erstaunlich langer Weg, bei dem sich auch noch Scherze über Holzwege anbieten, aber das nur am Rande.

Der Steg in SPO, Weitwinkel

Über die Salzwiesen des Vorlandes führt dieser Weg, man sieht neben sich und in der Weite begrünte Dünen. Begrünt und bewachsen in diesen Farben, die man aus den Filmen über das schottische Hochland kennt. Man sieht auch schon die berühmten Pfahlbauten in der Ferne, vor einem und auch links und rechts. Und man sieht, zumindest zu dieser Uhrzeit, die in der Abendsonne gleißend liegende Nordsee, in friedlichster Abendstimmung. Ein Meer, das sich zahm gibt.

Das Vorland in SPO

Der Holzweg endet endlich dort, wo der feine Sand beginnt. Wo ich dann die Büroschuhe auszog und in die Hand nahm. Um fast wie pflichtgemäß einmal zu den Ausläufern der kleinen, an diesem Abend nur äußerst dezent heranplätschernden Wellen zu gehen und ersten Kontakt aufzunehmen.

Ein Holzhäuschen auf dem Steg in SPO

 

Strandkörbe auf einem Plateau auf Pfählen in SPO

Umgestürzte Strandkörbe am Strand von SPO

Sich vom Meer anlecken lassen wie von einem fremden Hund. Dabei vielleicht noch höchst geistreich so etwas wie „Na, du?“ murmeln. Und eine Hand tätschelnd herunterreichend, das auch.

Und dann da also einen Moment stehen und sinnend in Richtung der sinkenden Sonne sehen. Deutlich falsch angezogen und deswegen auch vielfach angesehen. So oft angesehen schließlich, dass sogar mir irgendwann der Gedanke an main character vibes kam und ich mich daher etwas gerader machte und ein paar Schritte in der Totalen ging, auf das tiefere Meer zu. Von hinten aufgenommen, langsam aus dem Bild gehend, schräg in die kleinen Wellen.

Es war dann auch okay, einen Moment lang. Aber immer müsste ich nicht im eigenen Bild sein.


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Solivagant

Ich kam neulich in einem Gespräch darauf, und dann musste ich erst einmal kurz nachdenken, weil mir mein erster Gedanke zu dem Thema etwas unwahrscheinlich vorkam. Das ist allerdings mittlerweile ein paar Tage her und ich denke immer noch darüber nach, komme aber nach wie vor zu keinem anderen Ergebnis.

Und zwar ging es da um das Reisen als Einzelperson. Wenn ich nicht irgendetwas gründlich verdrängt habe, dann habe ich das, abgesehen von Lese- und Dienstreisen, die in diesem Zusammenhang nicht zählen können, wohl tatsächlich noch nie gemacht. Nicht einmal kurz. Nicht einmal, so wie jetzt gerade, in der Nähe verbleibend, also eher mit erweitertem Ausflugscharakter.

Nein, mir fällt wirklich nichts ein. Es hatten vielleicht alle meine Reisen, durch sämtliche Jahrzehnte, einen Eltern-, Paar- oder Familienbezug. Seltsam und unwahrscheinlich kommt es mir vor. Es fällt mir auch schwer, den Gedanken zu akzeptieren, und doch scheint es die Wahrheit zu sein.

Dabei ist es dann noch ein Glück, im Sinne der Tante Jolesch von Friedrich Torberg (siehe hier), dass ich diesen seelischen Wundschmerz der nostalgisch-romantischen Art, den bekanntlich viele Menschen an den Orten empfinden, an denen sie mit anderen, irgendwann oder immer noch geliebten Menschen einmal waren, recht kategorisch nicht im Repertoire zu haben scheine. Dieses Modul wurde bei mir wohl nicht verbaut. Und man kann natürlich damit leben, nicht permanent beim Anblick von Gebäuden, Stränden oder Landschaften vergangenem Glück hinterherzutrauern und einem nur noch imaginären Gegenüber alle paar Minuten ein seufzendes „Weißt du noch“ zuzuraunen. Ich stelle mir das unangenehm vor, so von sich selbst und seinen Erinnerungen belästigt zu werden.

Wäre ich ernsthaft in dieser Richtung veranlagt und problembeladen, ich hätte mir mittlerweile auch längst ganz Norddeutschland verunmöglicht. Das wäre etwas ungünstig. Ich würde schließlich bei so etwas wie Delmenhorst landen, auf der Suche nach nicht kontaminierten Gegenden. Man hat auch dabei immerhin seine Vorbilder:

Ich bin in einem Hotel, das mit der Mutter meiner Söhne und mir etwas zu tun hat. Wenn ich aus dem Fenster sehe, dann steht da nur zwei Häuser weiter ein anderes Hotel, in dem war ich einmal mit der Frau, mit der ich davor verheiratet war, sogar in einer ausgesprochen kurzgeschichtentauglichen Nacht.

Aber es geht. Es ist nicht schlimm, ich muss hier daher keine Liebeslyrik schreiben. Und das ist sicher sehr gut so.

Die Konzertbühne an der Promenade von SPO

Das Hotel gibt sich aber auch alle Mühe, betont gegenwärtig zu sein. Alles läuft nun digital, nicht nur die Buchung. Auch der Check-In, die Gästekarte etc. Etwa ab der fünften Mail, die mir das Hotel mit viel Enthusiasmus im Text schickte, fühlte ich mich allerdings ein wenig digitalmüde und landete wieder beim längst legendären Drosten-Zitat: „Ja, ist gut jetzt.“

Als ich sah, dass man hier sogar den Fahrstuhl per App startet, wusste ich schon, was passieren würde. Ohne jede Überraschung ging ich daher zurück zur Rezeption, denn der Fahrstuhl startete selbstverständlich nicht. Und das war dann wieder einer dieser Momente, von denen jetzt feststeht, dass sie ab diesem Jahr bei mir immer häufiger auftreten werden. Nämlich einer dieser Momente, in denen sogar ich denke: Können wir diesen ganzen digitalen Unsinn nicht einfach lassen.

Ich dachte es dann prompt gleich darauf noch einmal, nämlich beim Öffnen der Zimmertür mit der App. Ein Schlüssel wäre mir deutlich lieber gewesen. Ein guter, alter Schlüssel. Mit so einem unförmigen, merkwürdig überdimensionierten Holzdödel dran, die Älteren erinnern sich.

Na, was man so denkt und wie es eben so ist, wenn man langsam aus der Gegenwart herauswächst.

Pfahlbauten am Strand von SPO

Pfahlbauten am Strand von SPO

Das Vorland am Strand von SPO

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Hin und her zwischen den Meeren

Die Züge waren dann aber pünktlich. Alle waren sie pünktlich, und zwar auf die Minute, wenn nicht sogar auf die Sekunde. Es war fast schon etwas unheimlich, ich erwartete irgendwann Erdbeben oder dergleichen, aber es lief immer weiter alles glatt. Sozusagen bis direkt an den Strand.

Betrüblich war einzig zwischendurch die Ausstrahlung des Bahnhofs in Elmshorn, bei dem man sich für meinen Geschmack etwas übertrieben viel Mühe gegeben hat, verlorene Provinztraurigkeit, sozialen Abstieg und neorealistische Bitternis durch Komparsen und Kulissen darzustellen.

Ein Rentnerpaar saß dort eine Weile auf der Wartebank neben mir. Sie unterhielten sich in diesem Tonfall, den es bei gar nicht wenig besonders altgedienten Paaren gibt, also in routinierter Aggression, in einer Art dauerhaft verhaltenem Knurren:

„In der Apotheke musst du immer mit der Kompetenten reden. Nie mit der anderen!“

„Na, welche soll das denn sein.“

„Die mit der Kompetenz!“

„Und woran erkenne ich die?“

„An der Kompetenz!“

„Aber wie sieht sie aus?“

„Kompetent!“

Es ging noch eine ganze Weile so weiter. Sie wurden beide immer verärgerter dabei, sie litten beide sichtlich unter der Dummheit der vermutlich angetrauten Figur neben ihnen.

Weiter oben auf der Landkarte, schon in Nordfriesland, stand der Zug eine Weile bei einem Zwischenhalt. Jemand steckte den Kopf durch die offene Waggontür und fragte den nächstbesten Menschen, der ein paar Plätze von mir entfernt saß: „Wohin fährt dieser Zug?“ Und dieser Mensch, auch längst im Rentenalter, aber im Gegensatz zu dem oben erwähnten Paar von der ausdrücklich heiteren Sorte und mit sichtlich durchsonntem Gemüt, sah ihn freundlich an und sagte dann: „Ich habe überhaupt keine Ahnung.“

Es klang nicht wie ein Scherz, es klang nicht wie eine Provokation. Sicher war es aber auch auch keine Belehrung in dem Sinne, dass der Fragende gefälligst die Schilder oder Anzeigen lesen solle. Es schien mir vielmehr – aber was weiß man schon – einfach die Wahrheit zu sein.

Und wer weiß, vielleicht fahre ich in zehn Jahren auch einmal an schönen Sommertagen mit Regionalexpressverbindungen ein paar Stunden lang planlos zwischen den Meeren hin und her und sehe mir die Landschaft an, die Schafe, die Kühe und die Pferde. Warum auch nicht. Es gibt sicher schlimmere und auch dümmere Beschäftigungen.

Wenn schon seltsam werden, also noch seltsamer, sollte ich wohl sagen, dann doch nach Möglichkeit auf eine halbwegs sympathische Art.

Und schon hat man wieder ein Ziel für den Rest des Lebens gefunden. That was easy.

Das grüne Vorland am Strand von SPO

Der weite und leere Strand von SPO

Ein Pfahlbau am Strand von SPO

Eine Boje am Strand von SPO

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Der Plan bis Sonnenuntergang

Ich schrieb über das vergangene Briefzeitalter (hier war das). An diesen Text haben die Kaltmamsell und auch Herr Rau jeweils etwas angelegt, es ist sehr erfreulich.

Es geht bei ihnen allerdings um alte, aufbewahrte Briefe. Also um einen Aspekt, den gewiss viele romantisch finden. Für mich wäre es eher ein Albtraum, wüsste ich, dass irgendwo noch Briefbündel herumliegen würden. Obwohl ich so schlimmes Zeug sicher auch nicht geschrieben habe, zumindest kann ich mich nicht daran erinnern. Es ist eher eine Art von Grundscham, die ich mit der Therapeutin besprechen sollte, hätte ich denn eine.

Ich stelle mir aber immerhin vor, wie die Therapeutin, die ich einmal hatte (been there, done that, got the t-shirt), ernst guckt und nach dieser Anmerkung von mir zu den Briefbündeln aus der Vergangenheit wortlos ihre Lesebrille geraderückt. Wobei sie mich immer weiter ruhig ansieht. Viel mehr hat sie damals selten gemacht, aber es wirkte doch immer ungemein geistreich, sie konnte das wirklich gut. Also sie konnte es genau so, dass man nach ihrem wahrlich meisterhaft ausgeführten Blick über diesen goldenen Lesebrillenrand hinweg lieber doch noch etwas weiter nachgedacht – und dann auch prompt noch etwas gesagt hat.

Und darum ging es schließlich. Interessant war das, doch, doch, zumindest manchmal. Und zumindest für mich.

Ein Rettungsring an einer Wand neben dem Alsterfleet, im Hintergrund die Elbphilharmonie, über eine Brücke ragend

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Ich werde heute direkt nach dem Home-Office („Huuskontor“, auf Mastodon fiel das Wort aus der Pandemiezeit gestern einmal wieder, ich hatte es längst vergessen) in den Zug steigen und ans Meer fahren. So jedenfalls lautet mein halbwegs spontan gefasster Plan. Da ich auf dieser Fahrt aber zweimal umsteigen werde, und zwar mitten in der Walachei, wie man nicht nur in meiner Familie früher zu sagen pflegte, hat die Deutsche Bahn alle Chancen, unterwegs einiges grandios scheitern zu lassen, wie man sich vorstellen kann.

Ankommen werde ich am Ende vermutlich dennoch, und vielleicht auch noch vor Sonnenuntergang. So dass ich es mir am Abend schon einmal kurz ansehen kann, dieses Meer, um das es bei der ganzen Aktion geht. Es sollte im Juni aber auch kein besonderes Problem darstellen, von Hamburg aus vor Sonnenuntergang irgendwo in Norddeutschland anzukommen. Man hat immerhin Zeit bis zwanzig vor zehn dafür. Das sollte wirklich reichen.

Die Rickmer Rickmers im Hamburger Hafen

Ich habe gerade nachgesehen und etwas recherchiert. Fast würde ich die Strecke bis zum Strand meiner Wahl in diesem Zeitraum auch mit einer flotten Postkutsche schaffen können. Aber nein, doch nicht ganz. Immer fair bleiben.

Selbstverständlich wäre ich aber mit unserem Auto viel schneller als mit dem Zug. Fast doppelt so schnell. Aber ich fahre dermaßen ungerne, dass ich bei Plänen dieser Art fast nie sofort das Auto im Sinn habe. So ungern fahre ich, dass auch eine sich eher kompliziert und seltsam verbastelt anfühlende Zugverbindung für mich ein deutlich näher liegender Gedanke als eine Autobahnfahrt ist. Und zwar ein Gedanke, der sich auch viel mehr nach Reise und Nichtalltag anfühlt.

Von der reellen Chance auf Erlebnisse und also Berichtenswertes einmal abgesehen.

S- und Fernbahngleise von der Station Elbbrücken aus

Wie auch immer. Ich schicke Ihnen dann jedenfalls ein Bild vom Strand, so der weitere Plan.

Oder auch ein paar Bilder mehr.

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