Man lege sich wieder hin

Beim Deutschlandfunk gibt es eine Lange Nacht (2:40) über Kurt Tucholsky, mit erfreulich viel Originaltext von ihm.

Und hier noch ein Kalenderblatt (5 Min.) über Hans Christian Andersen.

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Den Urlaub als Nichtreisender kann man auch prima damit verbringen, einfach dauernd in den Nachrichten nachzulesen, wo man Gott sei Dank gerade nicht ist. Man achte etwa auf das Wetter, welches hier und da zu heiß, zu kalt oder zu nass und zu stürmisch ist. Dieses Wetter, welches Erdrutsche, Waldbrände und dergleichen auslöst. Man achte auch auf die sonstigen Desaster im Auslandsreport. Auf die Überfüllungsmeldungen aus den touristischen Hotspots, auf die Berichte von den Demos dort und auf die Politkatastrophen aus diversen weiteren Ländern – und lege sich wieder hin.

Ein Schild an einer Bushaltestelle in der Hamburger Innenstadt: Bitte den Motor abstellen

Es stellt sich dabei auch raus, ich vermisse nichts. Nach wie vor habe ich einen eher überdeutlichen Mangel an Fernweh. Und es ist dies ein Mangel, der sich nicht einmal ansatzweise nach einem Problem anfühlt.

Ich habe auch nach wie vor keinen Plan. In diesem Urlaub setze ich nichts um, wickele nichts ab, hole nichts auf und bereite nichts vor. Ich stand am ersten Urlaubsmorgen einfach auf und machte, wozu ich Lust hatte. In erwartbarer Weise war das Lesen und Schreiben, dazu etwas Internet, zwischendurch ein wenig Musik.

Wenn man ein paar Interessen hat, und wer hätte die nicht, ist das leicht ein tagesfüllendes Programm, wenn man sich etwas gehen lässt. Und während ich so lese und schreibe und Dokus gucke und Playlistbestückungen sorgfältig sortiere, überlege ich, wie lange es her sein mag, dass ich für so etwas wirklich und ernsthaft Zeit hatte. Also Zeit haben im Sinne von: stundenlang, gar tagelang Zeit haben. Also Zeit haben im Sinne von: Man findet ein beliebiges, attraktiv wirkendes Kaninchenloch und steigt da dann eben rein, biegt einfach irgendwo ab, jede Verirrung vorsätzlich, billigend und geradezu lustvoll in Kauf nehmend.

Wie es wohl wäre, wenn man dazu öfter käme? Wie man wohl wäre? Und wofür man sich wohl noch alles interessieren würde? Findet man das im Rentenalter heraus? Wenn man dazu dann gesund genug ist und nicht den ganzen Tag mit Preisvergleichen und Geldzählen oder gar mit Enkeln beschäftigt.

Ich weiß es noch nicht, es wird sich erst in ein paar Jahren zeigen.

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Etwas Neues stelle ich beim Medienkonsum im Internet fest, eine Art generalisiertes AI-Misstrauen. Ich finde etwas, so wie diesen Song hier unten, und frage mich, da ich diese Aufnahme noch nicht kenne und sie mir etwas ungewöhnlich vorkommt – ist das eigentlich echt? Und wie stelle ich das fest? Da steht: „A self made clip created entirely from the footage of the original video by means of rearranging it”. Was heißt das jetzt genau?

Und was auch immer es genau heißt, ich stelle nebenbei fest, dass es mich Zeit kostet, dieses Misstrauen zu berücksichtigen, alles erst zu verifizieren, bevor es genossen werden darf. Es tut sich hier, fällt mir beim Schreiben auf, vielleicht gerade ein brandneues Berufsfeld für kulturelle Vorkoster auf?

Es gehört jedenfalls in diese Chronik, dass jetzt der Punkt erreicht ist, an dem ich erst einmal gar nichts mehr glaube. Bedauerlich oder auch nicht, vielleicht hätten wir alle früher dort ankommen müssen. Ich weiß es nicht recht.


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5 Kommentare

  1. Guten Morgen. Diese Frage stellt sich mir als täglich stille Leserin, aus welchem Grund auch immer , gerade im Moment. Warum hört man nichts mehr vom Garten?
    Eine treue jahrzehntelange Leserin

  2. Recht so, denn im passiven Modus werden wir uns des „Hintergrundrauschens“ in unserem Kopf bewusst, und aus diesem ziellos schweifenden Gedankenfluss entstehen bisweilen die Kreativität, das Erinnerungsvermögen und die Wahrnehmung der eigenen Gefühle, wie man ja sehr schön an Ihrem heutigen Blogbeitrag und überhaupt an Ihren Texten bemerken kann. Der Neurowissenschaftler Joseph Jebelli nennt das in seinem Buch „The brain at rest“ das „Ruhezustandsnetzwerk“ im Hirn.
    In diesem Sinne wünsche ich Ihnen weitere schweifende Gedanken-Aufenthalte in den Schaltkreisen Ihres „Ruhezustandsnetzwerks“.

  3. Mein Kriterium ist nicht, mit wieviel KI etwas produziert wurde, sondern ob ich es gut finde! (gilt natürlich nicht für potenzielle Fake-News aus dem journalistisch-politischen Sektor!).
    Es kann auch etwas KOMPLETT mit KIs produziert sein und dennoch eine großartige menschliche Leistung – wie etwa die Werke der KI-Künstlerin Kelly Bosch. Beispiel: https://www.youtube.com/watch?v=kMG-1eCJAzI

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