Dann war ich nach einer gefühlten Ewigkeit wieder im Kino. Das letzte Mal war so lange her, dass ich keinen Schimmer mehr habe, was wohl damals der Film gewesen sein mag. Ich weiß auch nicht mehr zuverlässig, mit wem ich dort war und in welchem Kino. Nun aber!
Es war eine einmalige Vorführung, die ich an diesem Abend sah. Nur ein Termin im Jahr, und es wäre einigermaßen sinnlos, den Film hier überhaupt zu erwähnen, wenn er nicht jährlich wiederholt werden würde. Man kann das für den nächsten Dezember einplanen, sofern ich das richtig verstanden habe, nämlich „The Muppet Christmas Carol“ (Wikipedia-Link). In der Originalfassung im Savoy-Kino. In welchem generell nur Originalfilme laufen, welches außerdem bei mir fast um die Ecke ist, und in dem ich peinlicherweise bei dieser Gelegenheit zum ersten Mal war.
Ein besonders schönes und großes Kino ist es, wie ich etwas überrascht feststellte. Was es im Stadtteil alles so gibt! Man muss nur auch mal hingehen. Immerhin aber gebe ich mich im Moment in dieser Hinsicht bemüht, was sich dann auch prompt lohnt.

Im Vorspann war kurz ein winziger Ausschnitt von Harry und Sally zu sehen, ich habe vergessen, in welchem Zusammenhang. Der sehr junge Mensch neben mir sagte zu seiner ebenfalls sehr jungen Begleiterin: „Guck mal, ist das nicht das, was unsere Eltern immer so gut finden?“
Ich alterte beim Zuhören gleich noch ein paar Jahre.
Den Muppetfilm kann man als Weihnachtsritual jedenfalls gut einbauen. Mit den Figuren kann man bekanntlich ohnehin kaum falsch liegen und ich hätte gar nicht mehr parat gehabt, wie erfreulich nah am Originaltext von Charles Dickens die Story aufgebaut ist. Erzählt wird sie vom Autor selbst, personifiziert durch Gonzo, was erstaunlich gut aufgeht.
Aber apropos Charles Dickens. Da gibt es einen Zusammenhang mit unserem kleinen Bahnhofsviertel, den ich hier schon öfter erwähnt habe und der mir leider an diesem Abend wieder unangenehm bewusst gemacht wurde. Denn die Handlung des Christmas Carols spielt sich im viktorianischen London ab, und bei Charles Dickens kommt immer auch das Elend der Zeit und der Großstadt prominent vor. Die zerlumpten Gestalten, die frierenden Bettler, die verelendeten Frauen in den dunklen Nebenstraßen, all die grausigen Auswirkungen der Armut. Die Bilder dazu hat man vermutlich aus etlichen Filmen, Comics, Büchern etc. im Kopf.
Wenn man aber nach dem Schluss der Vorstellung aus dem Savoy geht und dann über den Steindamm, der, wie man es auch betrachtet, nicht eben zu den idyllischen Straßen dieser Stadt gehört, wenn man dann dort sieht, was da am Wegesrand in der Winternacht vegetiert, friert, hungert und Drogen aller Art konsumiert, wenn man nur aufmerksam genug registriert, was einem auf dem kurzen Weg zum Bahnhof dort aus dem Dunkel der Hauseingänge entgegenwankt, dann kann man nur zu einem Schluss kommen, und leicht ist der nicht:
Die Gegenwart ist schlimmer als das, was als beispielhaftes Elend im Film dargestellt wird. Und zwar, es ist nach zwei-, dreihundert Metern gar kein Zweifel möglich, deutlich schlimmer.
Für den Erhalt eines allgemeinen Fortschrittsglaubens ist es also nicht unbedingt empfehlenswert, diesen Film gerade dort zu sehen. Wenn man den Fortschritt der Menschheit aber ohnehin schon etwas länger und vielleicht auch einigermaßen routiniert hinterfragt, dann zieht einen diese Erfahrung vermutlich auch nicht mehr bedeutend tiefer. Dann kann man das ruhig machen. Ich kann mir gut vorstellen, das im nächsten Jahr zu wiederholen.
Gemeinsam mit einem Publikum, das an diesem Abend übrigens vollkommen undeutbar war, was ich immer interessant finde. Keine Richtung war in dieser Menge auszumachen, auch bei längerer Betrachtung nicht. Keine deutlichen Mehrheiten bildeten sich ab, keine starken Gruppen traten hervor, nicht einmal in Bezug auf das Alter. Was sind das denn für Menschen, die sich einen Muppet-Film in der Originalsprache im Kino ansehen, was für ein gesellschaftliches Segment fühlt sich da angesprochen und angezogen? Wenige Interessierte sind es jedenfalls nicht, der Saal war nahezu ausverkauft.
Ich habe es aber einfach nicht erkennen können. Ich kann also nur sagen, es sind unter anderem Typen wie ich, die dort angelockt werden. Was auch immer das dann heißen mag.
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Zitat aus der Stuttgarter Zeitung: „Rob Reiner und Michele Singer wurden am 14. Dezember erstochen in ihrem Haus in Los Angeles gefunden. Ihr Sohn Nick (32) wurde von der Polizei als Tatverdächtiger verhaftet.“
Deshalb der Ausschnitt von „Harry und Sally“.
Nein, sicher nicht, tagesaktuelle Nachrichten finden ja keinen Weg in einen Kinovorspann und es hatte auch keinen Bezug dazu.
Ich biete als weiterführenden Hintergrund an:
„How Accurate Is „The Muppet Christmas Carol“?: The London History Show (Spoiler: very.)
https://youtu.be/opXFR6ab214?si=J6ULTRtoXxRLtms7
Vielen Dank, sehr guter Tipp! Bin weder bei Muppets noch bei Dickes sehr bewandert (hüstel) aber erkenne meinen Michael Caine wenn ich ihn sehe. Eine sehr gute Abendverbringung gehabt.