I got a little story I think you should know

Dann war ich in der Arztpraxis, in der ich seit langer Zeit schon mit so bemerkenswerter Konsequenz immer wieder als „Herr Buddenblum“ angeredet und überall vermerkt werde, dass ich fast geneigt bin, mich selbst dort auch so zu nennen. Es ist am Ende nur eine weitere Seite von mir. Wie die anderen beiden neulich erst erwähnten inneren Herren, der mit der Vespa und der mit dem Bulli. So eben auch der Mann mit dem Namen Buddenblum. Der zwar eindeutig so aussieht wie ich, der aber eine doch irgendwie gemütlichere Ausstrahlung hat, stelle ich mir beim Klang dieses Namens unwillkürlich vor. Der auf andere freundlicher und zugänglicher, vielleicht sogar anziehender wirkt als ich hier, als der Typ in der spröden Hauptpersönlichkeit.

Wir sind dann schon zu fünft, fällt mir dabei ein, ich wachse an. Die beiden Typen mit ihren so wichtigen Fahrzeugen, der Herr Buddenblum aus der Arztpraxis, und dann gibt es noch den neulich selbstgeschaffenen Percy Puddletree, der für uns aus der Grand Hall berichtet. Und es gibt natürlich mich, den Berichtenden, der hier gerade sitzt und tippt. Der Autor als Auflauf betrachtet.

Nebenbei auch die Erinnerung an die freundliche Frau in dem asiatischen Restaurant vor längerer Zeit, die meinen Namen bei Reservierungen stets so wiederholte, dass er wie „Buddhabumm“ klang. Auch diese Variante gefiel mir gut.

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Noch passend zu Kikis Text, den ich gestern bereits verlinkt hatte, fiel mir in letzter Zeit anlässlich meines neu und mit Verve belebten Ausgehverhaltens wieder auf, dass ich noch aus der Zeit komme – und es auch mit einer gewissen Nostalgie vermerke – in der man nur in den alleredelsten und allerbeliebtesten Restaurants sicherheitshalber vor dem Besuch Plätze reserviert hat. Jedenfalls dann, wenn man ausgerechnet am Samstagabend hinwollte. Man hat aber keineswegs überall und jederzeit reserviert. Schon gar nicht in Cafés oder Bars, was für ein abgefahrener Gedanke.

Heute aber geht nichts mehr ohne. Man kann sogar mit dem bescheidenen Wunsch nach einem Kaffee und einem Sitzplatz in der Hamburger Innenstadt über erstaunlich weite Strecken scheitern. Wenn man nicht reserviert hat, wenn man nicht in einer längeren Schlange eine Viertelstunde warten oder vor der Tür des Ladens mit all den anderen cornern will.

Aus dem Corner-Alter, so denke ich mir, bin ich allerdings mittlerweile raus. Zumindest bei schlechtem Winterwetter. Ich nehme den Kaffee dann gerne bestuhlt.

In der Bar jedenfalls, in der ich mir gerade Plätze für das nächste Date gesichert habe, stimmt man mit der Reservierung nun auch zwingend einem Mindestumsatz zu, wie ich zur Kenntnis nehmen und brav anklicken musste. Das war mir ebenfalls neu und ist mir so noch gar nicht begegnet. Bisher kannte ich nur verbindliche Zeitfenster aus einigen Restaurants. Die ich aber auch schon seltsam fand: Nach anderthalb Stunden bitte wieder raus mit Ihnen.

30 Euro pro Person muss man in dieser Bar garantiert vertrinken, so läuft es jetzt also. Das wird etwa zwei Cocktails ausmachen, nehme ich an. Dadurch wird dann das berühmte eine Bein, auf dem man bekanntlich nicht stehen kann, nun endlich zur verbrieften Regel.

Zwei Cocktails auf einem Tisch in einer Bar

Auf der Gastro-Seite wird das alles durchgerechnet und sicher auch vollkommen nachvollziehbar sein, daran zweifle ich nicht einmal. Ich bemerke nur das Neue.

Und denke auch kurz daran, wie ich schon einmal geschrieben habe, dass ich irgendwann nachgesehen habe und es nämlich so ist: Seitdem ich in diese Stadt gezogen bin, ist meine gesamte Heimatstadt mir nachgekommen. Also als Zahlsymbol, meine ich. Hamburg ist seitdem um über 250 000 Menschen angewachsen, Tendenz stark steigend.

Und diese Leute wollen eben auch alle in die Bar, in die ich will. Man muss es wohl einsehen, dass es ein Problem ergibt, zumal die Stadtmitte, in der wir alle herumlaufen, sich keineswegs vergrößert hat.

Unweigerlich denke ich aber auch an die Unzahl alter Filme, die ich früher gesehen habe. In denen die meist männliche Hauptfigur damals einfach so und noch in kleidsamem Schwarzweiß mitten in der Handlung in eine schummrige Bar abbog. Weil da gerade eine einladend am Weg lag. Und dann dort spontan etwas trank. An einem Platz am Tresen, der wie selbstverständlich leer war, bis er hereinkam. Wie ging das zu? Das waren doch noch größere Städte, in denen das immer spielte, müsste man sich aus dem Jetzt heraus betrachtet fragen.

Aber wie auch immer. Heute erkundigt sich das bemühte Servicepersonal beim hereinkommenden Philip Marlowe, der den Regen vom Trenchcoat schüttelt, ob er denn reserviert habe, wann seine Gruppe komme, wie lange er zu bleiben gedenke und überhaupt: Wait to be seated.

Um den besagten Herrn Marlowe abschließend zu zitieren: „Ich goss mir so viel ein, bis mein Drink ein Drink war.


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Ein Kommentar

  1. „sicherheitshalber vor dem Besuch Plätze reserviert hat.“
    … als „Alter Weißer Mann“ gehe ich dann da einfach nicht hin. Mindestumsatz und Zeitfenster — gehts noch? Wenn ich mein Geld für so etwas ausgebe, soll man zumindest vorgeben, dass ich ein sogenannter „gern geshener Gast“ bin. Und mit Gastfreundlichkeit hat solch ein Procedere erst recht nix zu tun.

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