Wer anderen keine Grube gräbt

Vorweg vielen Dank für die freundliche Zusendung von „Das Schweigen des Meeres“ von Vercors, ein Buch, das auf dem Wunschzettel stand. Deutsch von Karin Krieger, mit einem Essay von Ludwig Harig. Es ist mir unlängst online über den Weg gelaufen, evtl. war es bei Nils Minkmar. Es fällt mir gerade nicht mehr ein, aber es ist auch egal – jedenfalls freue ich mich auf die Lektüre, ein Werk mit zweifellos interessanter Geschichte.

Herzlichen Dank!

Das Buch "Das Schweigen des Meeres"

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Im Hamburger Hafen stecken währenddessen zum ersten Mal seit etlichen Jahren Barkassen im Eis auf den Fleeten in der Speicherstadt fest, lese ich beim NDR, und in den Home-Offices dümpeln die Menschen träge im winterlichen Strom der Gedanken. Stillstand und Januar-Zeitlupe überall. Die Müdigkeit und das Formtief haben gerade einen Drall ins Kollektive, zumindest nach meinen Kontakten zu urteilen.

Entweder habe ich ein besonders durchhängendes Netzwerk oder es ist einfach, wie es ist, womöglich auch bei Ihnen da draußen an den Empfangsgeräten. Und es macht ja auch nichts. Es ist nur etwas Saisonales, es ist wie immer alles nur eine Phase. Und überhaupt, ich schreibe hier nur neutral mit, ohne Kritik oder Forderungen. Was man als Chronist so macht.

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Was noch? Zum bei mir so überaus beliebten Thema Zeugen und Wirklichkeit habe ich eine weitere und aktuelle Anmerkung. Nämlich wie folgt:

Wenn ich vom Schreibtisch aufstehe, kurze zwei Schritte zum Dachfenster gehe und mich etwas hinausbeuge, sehe ich die Großbaustelle für das neue, mittelgroße Hotel im mittelpreisigen Bereich, das direkt neben dem sehr großen, sehr teuren Hotel gebaut wird, in unserer Straße. Die alten Häuser aus der Nachkriegszeit haben sie dort restlos abgerissen, dann haben sie die Trümmer abgeräumt und die Fläche planiert. Neulich erst haben sie den riesigen Kran aufgestellt, ich berichtete.

Ich wunderte mich aber die ganze Zeit schon, weil die da keine Grube ausgehoben haben. Weil sie nicht in die Tiefe gingen, wie war das denn bloß möglich. Muss man denn für ein Hotel dieser Größe keine Garage mehr bauen, keinen Keller, keine Untergeschosse irgendwelcher Art und Nutzung? Was konnte das bloß veranlasst haben, es leuchtete mir nicht ein. Hatte ich doch schon damit gerechnet, dass der Kampfmittelräumdienst dort beim Ausheben der großen Grube wieder etwas zu tun bekommt, dass also auch wir unsere Wohnung sicherheitshalber einen Tag lang oder so verlassen müssen. Abenteuer!

Denn man kennt das hier so. Stadtmitte, drei, vier Meter tief – da liegen sie noch reihenweise herum, die Geschosse von 1943, die Reste der Operation Gomorrha und der nachfolgenden Angriffe. Bei Baustellen im benachbarten Hammerbrook etwa ist der obligatorische Bombenfund reine Routine, beim Aufbau der Hafencity war es sicherlich auch so.

Aber wie gesagt, keine Grube dort drüben. Ich habe meine Verwunderung darüber, es wird gleich peinlich für mich, auch anderen Menschen mitgeteilt. Etwa diversen Familienangehörigen, die mir nicht rechtzeitig ausweichen konnten. Die das aber jeweils seltsam uninteressant fanden, sogar noch beim dritten oder vierten Versuch, sie für diese Sache zu begeistern. Die meinten wohl, andere und vor allem spannendere Sorgen zu haben.

Als sei es nicht äußerst bemerkenswert, dass die Bauarbeiter da nicht in die Tiefe gehen, dass sie also, haha, anderen keine Grube graben … „Ja“, sagten die diversen Familienangehörigen, „wir haben es ja verstanden. Ist gut jetzt.“

Und dann immer dieses banausenhafte Augenrollen dabei, dieses schnelle Abwenden. Ich habe es auch nicht immer leicht hier, weiß Gott nicht.

Ich dagegen, ich interessiere mich immerhin für das, was um mich herum vorgeht. Was nun einmal mit dem beginnt, was man von hier aus sehen kann. Der Content in Sichtweite, er wird so oft unterschätzt, dabei ergibt er sich regelmäßig in reichem Ausmaß. Sie merken, ich stehe konsequent zu meinen Eigenarten. Das steht mir jahrgangsmäßig mittlerweile auch zu, denke ich, in Vorbereitung auf die fortschreitende Schrulligkeit und Schrathaftigkeit (diese beiden schönen Begriffe bitte auch einmal in die Kurse „Deutsch für Ausländer“ hineinschmuggeln) des höheren Alters.

Aber es ist alles ganz anders. Wie ich nun, wo der Text voranschreitet, wohl zugeben muss, mindestens milde erschüttert.

Meine Spaziergänge führen normalerweise nicht an dieser Baustelle vorbei, ich gehe stets in anderer Richtung aus dem Haus. Nun bin ich aber doch einmal da vorbeigegangen. Und stand dann vermutlich unangemessen lange mit leicht deppertem Gesichtsausdruck am Bauzaun und sah – in die Grube.

In die Grube, die etwa ein, zwei Stockwerke umfassen dürfte, wenn das Hotel einmal fertig erstellt sein wird. Eine normale Baugrube eben. Dann ging ich wieder nach oben und sah noch einmal aus dem Fenster.

Es ist tatsächlich so ein Perspektiv-Ding. Ich sehe von oben auf diese Fläche, auf der die alten Häuser standen, auf diese Fläche, die sie jetzt planiert haben. Aber ich kann von hier oben nicht erkennen, wie tief diese Fläche liegt. Der Bildausschnitt gibt das nicht her, was ich aber nicht wusste. Und ich bin mir in diesem Fall nicht sicher, ob ich nicht bereitwillig jeden Eid darauf geleistet hätte, dass man es bei dieser Baustelle unterlassen hat, eine Grube auszuheben.

„Aber haben Sie das denn auch genau gesehen?“ „Ganz genau, Frau Richterin. Und jeden Tag!“

Es bleibt doch ein komplizierter Sachverhalt, das mit der Wirklichkeit und der Wahrnehmung. Ich wollte es nur noch einmal kurz angemerkt haben.

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2 Kommentare

  1. Wie erleichternd, dass die Hotelgäste doch eine Tiefgarage bekommen und nicht auch noch auf Parkplatzsuche durch Ihr Viertel kurven! Anderes Thema: danke noch für den Hinweis neulich auf Hildegard Knef in der ARD Audiothek, sehr bereichernd.

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