Eine Nachbemerkung zu einer Veranstaltung, auf der ich gerade war. Nämlich zu dem Abend in der Freien Akademie der Künste, bei dem es um die Tagebücher 1957 – 1962 von Arno Schmidt ging. „Ich liebe den Alltag sehr“ (hier eine schöne Blog-Rezension zum besonders liebevoll editierten Buch, das seinen Preis hat: schlanke 68 Euro kostet es, hier noch der Verlagslink. Aber es ist auch ein enorm ansprechend gemachtes Buch, echtjetztmal, ich hatte es dort vor Ort in der Hand).
Ein Abend mit der Herausgeberin dieser Tagebücher Susanne Fischer war es, und mit dem sicher bekanntesten Schmidt-Fan in diesem Land, Jan Philip Reemtsma, der mit dem Dichter noch zu seinen Lebzeiten dies und das zu tun hatte, auch hier in der Wikipedia nachzulesen. Wobei der Herr Reemtsma auch ein Vorleser von Format ist und sich vermutlich in den Schmidtkauz einfühlen kann wie kaum ein anderer.

Ich habe am Vortag und auch am Morgen des Veranstaltungstages jedenfalls noch einmal nachgesehen: Es gab kaum Hinweise auf diese Veranstaltung, wo auch immer ich geprüft habe. Nicht bei den lokalen Medien, nicht bei den einschlägigen Hamburger Insta-Accounts mit den obligatorischen Agenda-Meldungen. Obwohl die Einzelkomponenten der Veranstaltung, Fischer, Reemtsma, Schmidt, Freie Akademie der Künste als einigermaßen hochkarätig zu bezeichnen sind.
Es bestätigt wieder, was ich gebetsmühlenartig von mir gebe: Es ist so gut wie unmöglich, auch nur halbwegs alle Termine mitzubekommen, die einen interessieren. Zu schweigen von denen, die einen nur vielleicht interessieren könnten. Die Informationslage rund um Termine ist einfach furchtbar schlecht, ist peinlich schlecht. Wir konnten das schon einmal besser – aber okay, Opa erzählt vom Print-Zeitalter. Lassen wir das. Beim SWR gibt es übrigens eine interessante Sendung von Christoph Drösser zum Nostalgie-Thema: Was junge Menschen an früheren Jahrzehnten fasziniert. 29 Minuten, sehr gerne gehört.

Schmidt selbst wird einem, wenn man sich wieder einmal intensiver mit ihm beschäftigt, als Mensch vermutlich nicht zwingend sympathischer. Milde ausgedrückt. Als Autor aber doch. Frau Fischer las zu Beginn aus einem Essay von ihm vor, es ging da ums Tagebuchschreiben. Arno Schmidt erläuterte in diesem Text die von ihm seinen Tagebüchern verwendete Abkürzung „Ba“. Was für „Brille abgenommen“ steht. Schmidt sah sehr schlecht, er konnte sich daher, wenn er die Brille abnahm, aus der Wirklichkeit ihm unangenehmer Gesprächssituationen geistig komplett verabschieden. Etwa wenn ihn, so hieß es da, die anderen Menschen wieder „über alle Maßen ennuyiert hatten.“ Was bei ihm schnell und oft der Fall war, aber wer kennt es nicht.
Zu diesem Essay gab es noch eine Pointe, denn die von ihm so hervorgehobene Abkürzung „Ba“, sie kommt in Wahrheit in seinen Tagebüchern nicht vor. Nicht ein einzige Mal. Ich habe es mit viel Sympathie gehört, es war eine Drehung, die mir gefiel.
Was aber tatsächlich in seinen Tagebüchern vorkommt – und wie häufig! – das ist das mittlerweile unmodern gewordene Wort „Gewäsch“. Immer nach dem Muster: „X zu Besuch. Gewäsch.“ Am Ende, denkt man sich vielleicht, war es für Arno Schmidt kein abwertendes Wort, zumindest nicht immer, sondern nur eine Floskel, um längere Gespräche zu vermerken? Die Deutung fremder Tagebücher ist bekanntlich auch nicht immer einfach.
Es war außerdem, und ich vermerke es mit Freude, eine dieser Abende, an denen ich entschieden zur Verjüngung des Publikums beigetragen habe. Es gelingt mir nicht mehr allzu oft, ich muss mich dafür kulturell immer eindeutiger nach rückwärts orientieren. Aber gut, das mache ich gerne.
Dann doch einmal ein abschließendes und hoffentlich angemessenes TL;DR zu diesem Eintrag: „Auf einer Arno-Schmidt-Lesung gewesen. Gewäsch.“

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Eine Anmerkung zum offensichtlich mangelnden Marketing der Veranstalter: Wenn man auf der Veranstalter-Seite sitzt, sieht man nicht immer, wo man werben sollte. Falls Sie Muße haben, freuen sich die Veranstalter sicherlich über eine kurze Rückmeldung, wo Sie denn die meisten Infos zu Kulturveranstaltungen herbekommen. (Vielleicht verjüngt sich dann auch das Durchschnittsalter ?) Und im besten Fall müssen Sie dann nicht mehr dreißig verschiedene Kanäle durchsuchen, sondern nur noch 5?
Ich könnte das nicht einmal beantworten, ich weiß hier leider keine Lösung. Ich sehe nur, dass es nicht aufgeht, so, wie es ist.
Danke für den Hörtipp!
Bei mir würde es statt »BA« »H+BA« heißen, für »Hörgeräte und Brille ausgezogen«. Hat vielleicht einen ähnlichen Effekt und könnte als Synonym für »lasst mich doch alle in Ruhe!« Einzug in meinen Sprachgebrauch finden.
Warum auch nicht.
Ich habe einmal Werbung auf dem Monitor vor mir in der U-Bahn gesehen. Das immerhin, wenn ich das so sagen darf.
Und konnte dann leider nicht hin, blöde Geschichte mit dem Schleimbeutel. Ich hätte das Durchschnittsalter noch weiter gesenkt.
Man sieht sich vielleicht am 18. Januar 2027 um 11 Uhr zum Geburtstagsschnaps am Geburtshaus Arno Schmidts in Hamburg-Hamm?