Anwachsende Spitzenränder und vergangene Meter

Vorweg ein Dank für die freundliche Zusendung des Buches „Das stille Haus“ von Hermann Lenz. Der Roman war nicht auf dem Wunschzettel und Hermann Lenz ist bei mir eine Bildungslücke (hier Wikipedia), aber ich habe natürlich gleich nachgelesen und dann auch interessiert reingelesen. Es wurde kundig für mich ausgewählt, dieses Buch, so drücke ich es vielleicht richtig aus.

Ein Zettel lag nicht dabei, ich danke angenehm überrascht und herzlich ins Unbekannte!

Das Buch "Das stille Haus" von Hermann Kesten

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Ansonsten ist es ein gründliches Virus. Wenn ich dank der Impfung gerade einen leichten Verlauf habe, dann möchte ich die andere Version lieber nicht kennenlernen. Um es weiter zu verdeutlichen: Dass ich morgens aufstehe und mich nicht umgehend, schreiblustig und daher auf meine Art tatendurstig an den Schreibtisch setze, es kommt gewöhnlich nur bei akutem Hexenschuss, Migräneanfällen und eben bei diesem Virus vor.

Was sich nicht in Schmerzen oder irgendwelchen besonders schlimmen Beschwerden ausdrückt, sondern eher in einem allumfassenden, deutlich generalisierten Bartleby-Zitat: „Ich möchte lieber nicht.“ Ein aus den eigenen Tiefen aufsteigendes Nein zu nahezu allem. Das sich nicht einmal durch Vehemenz, sondern eher durch eine ruhige, betonfeste Selbstverständlichkeit definiert. Das gehört jetzt so, das ist so. Und das bleibt auch noch etwas so, leg dich lieber wieder hin, mein Freund. So spricht es auf einmal in einem, in einem seltsam souveränen Tonfall.

Es hat dabei keine übertriebene Strenge in sich, dieses Nein. Es führt einen vielmehr freundlich zurück zum Bett. So wie ein netter, zugewandter und einfühlsamer Coach, der es schon wissen wird, was jetzt passt. Weil er so etwas beruflich macht und weil er viel Erfahrung mit dergleichen hat. Alles hat er schon tausendmal gesehen und auch bewältigt. So ein sympathischer Coach aus amerikanischen Spielfilmen oder auch einer aus John-Irving-Romanen. Ein grauhaariger, gutaussehender Coach, bei dem man als Zuschauer oder Leser gleich weiß, wenn man macht, was der sagt, dann wird am Ende wahrscheinlich alles gut.

Jedenfalls im Standard-Drehbuch oder im üblichen Roman.

Dieses Nein in einem ist jedenfalls erstaunlich prominent und dauerhaft. Sie merken, ich beobachte es einigermaßen irritiert. Ich kenne das so nicht, und Sie müssen sich dabei vorstellen, ich tippe hier in etwa halber Geschwindigkeit oder noch langsamer.

Ansonsten fällt Schnee auf die Dachfenster. Von den Rändern her wird es erst weiß im Blickfeld, anwachsende Spitzenränder in der Aussicht, dann wird es allmählich dunkler, wie in einem abendlich abgedeckten Vogelkäfig.

Er rutscht etwas herunter, der feinflockige Schnee dieser Tage. Etwas schwergrauer, nichtssagender Himmel ist kurz wieder zu sehen, ein gelbes Stück Baukran. Er weht zwischendurch auch weg, der Schnee, er verwirbelt über der Scheibe und hebt dann ab. Er wird bald wieder nachgelegt, sagt der Wetterbericht, und es stimmt auch.

Die Elbe von der Station Elbbbrücken aus, Eis auf dem Fluss und Schnee auf den Wegen am Ufer

Morgendliche Schneeschippgeräusche höre ich von der Straße. Solche langsamen, stetigen Arbeitsgeräusche, die man beruhigend und, im Rückblick auf frühere Winter, auch etwas nostalgisch anheimelnd finden kann. Besonders dann, wenn man für kein Stück Weg selbst zuständig ist. Vorteil Dachgeschosswohnung.

Ich höre diese kratzenden Schneeschippgeräusche und merke, es gibt einen Rhythmus, in dem kleine Pausen gemacht werden. Im Bett liegend sehe ich es vor mir, wie sich da jemand kurz auf die Schaufel stützt und durchatmet. Ich erinnere mich an verschiedene eigene Schneeschippsituationen in mehreren Jahrzehnten, an anderen Adressen und in wechselnden Familiensituationen. Those were the days, my friend.

An das vorgezogene Aufstehen unter heftigem Gefluche erinnere ich mich. Weil der verdammte Schnee noch vor der Arbeit zu räumen war. An diese bleischwere Müdigkeit im Körper erinnere ich mich, an die Kälte, an das noch schlaftrunkene Frieren, an den beißenden Wind aus dem sibirischen Osten und auch an die Anstrengung. An das Zurückblicken auf die wenigen Meter, die man mühsam geschafft hat, und an das bald beginnende Schwitzen in Winterjacken und schließlich daran, wie man sich, wieder in der Wohnung, alles vom Leib gerissen hat, um endlich heiß zu duschen.

War das in meinem Leben oder war es in einer norwegischen Erzählung, war es ein Land weiter bei Kaurismäki, man kann da vielleicht auch durcheinanderkommen.

Dabei kann man jedenfalls gut wieder einschlafen, stellt sich heraus. Ich nehme meine vergangenen Mühen als Sedativum, und warum auch nicht. All die Wege, die man im Laufe des Lebens schon mit Schippen geräumt, freigekratzt oder abgestreut hat. Sie werden also später einmal beruhigend, diese so beschwerlich bewältigten Meter.

Wenn man nur erst weit genug von ihnen entfernt ist.

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