Eine kurze, mal eben eingeschobene Lektüre zwischendurch war das nach seinen Worten letzte Buch von Julian Barnes: „Abschied(e)“ (Verlagslink, hier auch die Perlentaucherseite dazu), übersetzt von Gertraude Krueger.
Julian Barnes findet sich alt, ist auch tatsächlich alt, ist außerdem krank und dabei aber noch in einer Weise innerlich sortiert, die ihn sein Werk selbstbestimmt abschließen lässt. Wozu man vermutlich gratulieren sollte, denn auf diese Art werden wenigstens keine halbfertig hinterlassenen Romane später von anderen fortgesetzt. Wogegen man aus dem Jenseits nichts mehr unternehmen kann, das stelle ich mir äußerst unangenehm vor.

Wenn der Autor es nicht wie einige aus der Musikbranche macht und mehrmals auf die große Abschiedstournee geht, was mich stets an gewisse, farblich eher grell gehaltene Räumungsverkaufsschilder an Teppich- oder Matratzenläden erinnert, die quartalsweise immer wieder erneuert werden, kann man dieses Buch also, wenn man seine Bücher oft und auch gerne gelesen hat, mit etwas Pathos in der Erwartungshaltung in die Hand nehmen. Und einigermaßen feierlich abschließende Seiten lesen – hier endet etwas. Und es endet so höchst offiziell, wie man es sonst nicht geboten bekommt.
Ein letztes und überaus freundliches Gespräch führt er in diesem Buch mit uns Leserinnen. Plaudernd, mäandernd und Umwege ruhig abschreitend, um große und ganz große Themen herum. Um bleibende sowie um letzte Herausforderungen kreisend. Erinnerungen und Wahrheit etwa, da haben wir das Thema schon wieder, es nimmt viel Raum ein. Bewusstsein, Tod und Bleibendes. Wer wir waren, wer wir sind. Bei letzten Worten und Büchern geht es eben um etwas, und es passt dann schon.

Es kommt aber alles in einem legeren Tonfall und einer zugewandten Unkompliziertheit daher, die mich ein wenig an die Möglichkeiten von Blogs erinnert hat. Lose aneinandergereihte, thematisch mehr oder weniger verbundene Textpassagen. Die durch jemanden zusammengehalten werden, der dahinter für etwas steht und den man im besten Fall schon etwas länger mag. Wegen seines oder wegen ihres Stils, wegen der Meinungen und Haltungen, wegen der als gemeinsam empfundenen Geschichte und wegen all der Texte über die Jahre.
Sie merken, ich sympathisierte beim Lesen heftig, es war eine angenehme Lektüre.
„Das Leben“, so schreibt er da etwa, „ist ein Boulevardstück mit tragischem Ausgang.“ Was eine Empfindung ist, die mir bekannt vorkommt, aber wem ginge es nicht so. Das Buch, so hieß es im ORF, sei dabei „ein geradezu rabiat unsentimentales Alterswerk“. Das sehe ich zwar etwas anders, denn Sentimentalität nahm ich schon wahr, aber das macht nichts. Es wird nichts allzu dick aufgetragen, darauf wird man sich einigen können.
Julian Barnes endet schließlich so überaus gekonnt, dass man sich spontan ein wenig verbeugen möchte. Was für ein charmanter, gelungener und auch kunstvoller Abgang. Es reicht allemal für einen Hat-Tip im Geiste.
Schon wegen dieser letzten paar Seiten lohnt sich also das Buch. Aber sie würden sicher nicht wirken, wenn man nur im Buchhandel kurz in den Band hineinsieht und mal eben bis nach hinten durchblättert. Davon möchte ich abraten, es wäre ein spaßverderbender Spoiler.
Hier fand ich noch ein Interview zum Buch:
PS: Zum in der Überschrift dieses Textes abgekürzt erwähnten Hat-Tip gibt es selbstverständlich auch einen Wikipedia-Artikel, und fast hätte ich es übersehen, aber gucken Sie doch bitte mal ganz unten auf der Seite, auf diesen Info-Kasten zu „Gestures“.
Sie können da doch auch noch zwei, drei Vokabeln lernen, nicht wahr?

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