For your eyes only

Meine gerade erst bestellte Jahreskarte für die Hamburger Kunsthalle kam per Post, ich gehöre nun zu den Freunden der Kunsthalle. Das kostet für ein volles Jahr 90 Euro. Wenn man später im Jahr kauft, so wie ich, fällt der Preis nur noch anteilig an.

Die Kunsthalle am Abend aufgenommen, Schnee auf dem Plateau davor

90 Euro, das entspricht, wenn man normal zahlungspflichtig und erwachsen ist, 5 Besuchen. Ab dem 6. Besuch spart man Geld. Das sollte bei mir leicht hinkommen können, denn ich wohne neben der Kunsthalle. Wir sind also nicht nur Freunde, wir sind auch Nachbarn, wir sind so (der Autor macht an dieser Stelle statt weiterer Worte lieber Gesten mit verschränkten Fingern und versucht, bedeutungsvoll zu gucken).

Eine Sesamöffnedich-Plastikkarte habe ich nun und kann, um auf einen uralten Witz aus meinen Jugendzeiten zurückzukommen, mit der Coolness von „Django zahlt heute nicht“ durch den Eingang schlendern. Es war mir ein Fest. Und es war ein besonders schöner Saisonbeginn, denn es fing exakt in dem Moment an zu regnen, als ich die Tür zur Kunsthalle berührte, und es hörte prompt auf, als ich wieder rauskam. So soll es sein.

Die Göttinnen der Fügung und des Zufalls, das Glück, die große und diffizile Kunst des richtigen Moments. Man muss auch mal gewinnen können! Wenn auch nur bei so etwas.

Viel Zeit hatte ich allerdings nicht, also habe ich mir nur mal eben etwas Kleines angesehen. Etwas sehr Kleines sogar, nämlich die schöne Ausstellung über Miniaturen der Romantik im Untergeschoss der Galerie der Gegenwart: „For your eyes only“. Kleine und auch winzige Porträts aus der Zeit vor der Daguerreotypie, etwa um 1800 bis circa 1840.

Von spezialisierten Künstlerinnen und Künstlern mit erlesen feinen, filigranen Werkzeugen auf edlen Materialien verfertigte Abbildungen geliebter Menschen, etwa Aquarell auf Elfenbein. Welche die Liebenden dann dauerhaft in Medaillons, Ringen, Broschen etc. bei sich tragen konnten.

Eine Miniatur der Romantik, ein Mädchen oder eine junge Frau in einem hölzernen Rahmen

Man muss es sich beim Betrachten schon bewusst machen, dass es jeweils nur dieses eine Bild gab. Sonst kann man es sicher nicht richtig würdigen, was man da sieht. Diese handlichen Bildchen waren die einzige Erinnerung, der einzige Beleg für die Großartigkeit und, je nach Verliebtheit, auch für die Schönheit und Anbetungswürdigkeit des oder der jeweils anderen. Es werden also auch heftig abgeliebte Bildnisse dabei sein, und im wahrsten Sinne des Wortes wurden sie dicht an den Herzen getragen, in aufklappbaren Schmuckstücken.

Eine Miniatur der Romantik, ein Männerporträt in einem Medaillon

Eine Miniatur der Romantik, ein Frauenporträt in einem Medaillon

Eine Miniatur der Romantik, ein Frauenporträt in einem Ring

Eine Miniatur der Romantik, ein Frauenkopf in einem Medaillon

Das Bild jener, die uns lieb sind, kostbar für uns zu deren Lebzeiten, ist ein unermesslicher Schatz, wenn sie einmal tot sind. Zeit löscht ihre Gesichtszüge in unserer Erinnerung aus, und der Besitz eines ähnlichen Porträts ist für uns dadurch ein Sieg über den Tod.“

Ein Zitat der Miniaturmalerin Aimée Zoé Lizinka de Mirbel, was für ein außerordentlich fantastischer Name. Er klingt doch eindeutig so, als würde er nach einem passenden Roman geradezu schreien: „Die Wanderminiaturmalerin“.

In einem Fall sah ich, dass jemand den geliebten Menschen noch auf dem Totenbett hat malen lassen. Man muss wohl annehmen, in aller Eile.

Geschönt sehen sie meist nicht eben aus, diese Porträts, eher deutlich treffend. Manchmal muten sie auch fast karikierend an, aber das rät man selbstverständlich nur.

Eine Miniatur der Romantik, ein Männerporträt in einem Medaillon

Ein Bemerknis nebenbei, dass es etliche Frisuren bei den Damen gab, die heute grotesk wirken würden. Nicht die üblichen lieblichen Schnörkellocken, die man aus den Historienfilmen mit den attraktiven Hauptdarstellerinnen kennt, eher sehr seltsam gelegte Strähnen, aus unserer Sicht recht skurrile Einfälle. Bei den Herrenfrisuren waren etliche Varianten dabei, bei denen man unwillkürlich an Julius Cäsar und Otto Schily denken muss, ohne die beiden vergleichen zu wollen (gerade habe ich doch einmal nachgesehen, ob der eigentlich noch lebt, der Schily – ja, dem ist so).

Auf keinem der ausgestellten Bilder jedenfalls machen die Abgebildeten alberne Grimassen oder Gesten. Es gibt keine rausgestreckten Zungen, kein mutwilliges Schielen, keine Victory-Zeichen, keine Dabs. Ein sympathisch seriös wirkendes Zeitalter, diese Romantik. Aber natürlich nur, bis man die Lyrik liest.

Einige der Künstlerinnen von damals gingen später mit der Zeit und wechselten mit dem Aufkommen der neuen Aufnahmetechniken in Richtung Daguerreotypie und Fotografie. Hier ein Beispiel aus dieser Umbruchzeit, eine kleine Aufnahme an einer Streichholzbox:

Eine silberne Streichholzbox mit einer winigen Daguerreotypie darauf, ein Frauenporträt

 

Andere wechselten die Richtung ihres Berufs nur ein wenig und eher seitlich. Sie verlegten sich darauf, Miniaturen von berühmten Gemälden anzufertigen, die in den großen Museen hingen. Das war ein in der Zeit neu entstehender Markt.

Da hat man dann unerwartet einen erstaunlich aktuell deutbaren Bezug zum Umgang mit disruptiver Technik. Denn das kennen wir doch, dass wir darüber nachdenken müssen, wie und ob unsere Berufe überleben können. Wie wir uns anzupassen haben, ob mit zwei Schritten zur Seite oder im scharfen Schwenk. Man entkommt den Themen seiner Zeit so leicht nicht, auch nicht beim Betrachten von Bildern, die zweihundert Jahre alt sind.

Abschließendes Bemerknis aus dem Zufalls-Fundus: Die letzte Ausstellung der Kunsthalle, in der ich vor dieser war, zeigte Bilder von Anders Zorn. Die Kuratorin dieser Ausstellung, in der ich gestern gerade war, heißt Sabine Zorn. Nanu.

Bei der nächsten Ausstellung werde ich nach der Fortsetzung dieses Musters suchen, versteht sich.

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