Neulich erwähnte ich (hier war das), dass mir in einer arte-Doku eine Schauspielerin aufgefallen sei. Katharina Stark, die darin einige Szenen hatte, die mir besonders gut gefielen.
Am Sonntag habe ich die tendenziell übellaunige und von Behörden, anderen Ungeheuerlichkeiten sowie diversen Zumutungen des Lebens gründlich verärgerte, auf dem ganzen Weg zeternde und Anklage gegen die Welt erhebende Herzdame ins Kino geschleift. Was ein Unternehmen mit nicht eben geringem Risiko war, denn Menschen aus Nordostwestfalen neigen bei Übellaunigkeit zu noch mehr Intensität und Nachhaltigkeit als andere Norddeutsche. Es hätte gründlich schiefgehen können, ich habe da gewisse Erfahrungswerte.
Mein Eindruck von Katharina Stark wurde in dem Film dann bestätigt. Sie fiel mir bei arte also völlig zurecht auf, und ich bin jetzt ein wenig stolz. So etwas passiert mir sonst nicht, denn mir Gesichter zu merken, das ist sicher keines meiner Neigungsfächer. Das ist eher ein klarer Kompetenzmangel.
Wir sahen jedenfalls das, was alle gerade sehen. Also den Film nach dem Buch, das alle schon gelesen haben. Alle, außer der Herzdame, bei der es seit Jahren auf dem Nachttisch liegt. Eventuell liegt es dort, nachdem ich es ihr vor Jahren geschenkt habe, aber da verliert sich die Erinnerung leider im Ungefähren. Selbstredend aber habe ich besonders viel Verständnis für ungelesene Bücher, auch in höheren Stapeln, denn das wiederum ist eines meiner Fachgebiete.
„Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“, nach dem Meyerhoff-Buch gab es also (Wikipedia zum Film). Ich weiß gar nicht, wie lange es her sein mag, dass ich mit einem Film derart vollumfänglich einverstanden war. Sowohl als eigenständiges Produkt, was die Herzdame gut beurteilen konnte, als auch als Literaturverfilmung, was dann meine Abteilung war: Wir waren beide hochzufrieden. Und, noch wesentlich erstaunlicher, die Herzdame war nach dem Film nicht mehr übellaunig.
Das ist eine Art Oscar-Pendant, wenn nicht mehr.

Mit besonderer Erwähnung des Spiels von Senta Berger. Es steht wohl auch fast überall in den Feuilletons so, und ich verstehe es jetzt, das war beeindruckend.
Da es im Film um die Schauspielschulzeit der Hauptperson ging, fand die Handlung hauptsächlich in Settings und Situationen statt, die von meiner Komfortzone maximal weit entfernt waren. Gibt es dafür einen Begriff? Das Stress-Segment der Wirklichkeit, die Fight-and-Flight-Zone? Wie auch immer. Fortwährend fand sich der Protagonist da jedenfalls vor Herausforderungen, bei denen ich gerne spontan verstorben wäre, hätte ich dergleichen denn jemals erlebt. Es war eine Art Gegenteilwelt. Dennoch habe ich alles sehr gerne gesehen, und dennoch habe ich kein Fremdschamproblem gehabt, wie ging das eigentlich zu. Vermutlich lag es an meiner überbordenden Sympathie für das ganze Geschehen im Film und für die handelnden Personen.
Die Herzdame fand Bruno Alexander sehr ansprechend, ich fand Katharina Stark sehr ansprechend, so fügten sich unsere Perspektiven zusammen. Nahezu harmonisch.
Ein etwas abseitiges Bemerknis aber noch, an dem ich nun nicht mehr vorbeikomme. Denn Joachim Meyerhoff ist fast genau in meinem Alter, entsprechend bilden die Szenen seiner Kindheit vom Design, vom Interieur, von der Mode und den Frisuren her auch meine Kindheitsjahre treffend ab. Und ich habe wieder gemerkt, dass ich jetzt in einem Alter bin, da erlebe ich, wenn es etwa eine langsame Kamerafahrt durch diese Vergangenheitswelt gibt und viele Details für mich exakt stimmen, vom Grundig-Plattenspieler und den Telefunken-Boxen bis hin zu den Kaffeetassen und den Kinder-Schlafanzügen, eine Form von wohligen Schauern der Nostalgie, gegen die ich mich kaum mehr wehren kann.

Ich weiß aber tatsächlich noch recht genau, wie ich mich früher bei Älteren darüber amüsiert habe. Wenn sie da immer so enthemmt, schwärmend und vergangenheitsverloren von etwas aus „ihrer Zeit“ erzählt haben. Wenn sie dann für einen Moment diese gewisse, etwas süßlich anmutende Wehmut und die rückwärts gewandte Träumerei im Blick hatten. Es kam mir lange, lange so vor, als sei das eine Gefühlslage, die zwar bei anderen durchaus vorkommen mag, keinesfalls aber bei mir. Denn ich lebte ja mehr nach vorne hin.
Wart’s nur ab, sagten Zeit und Schicksal da leise und kicherten wohl auch, wart’s nur ab.
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