Ansonsten hat mich die Wirklichkeit wieder erfolgreich veralbert, unter Zuhilfenahme eines dieser „Zufälle“. Und das kam so.
Ich sprach neulich mit einem jüngeren Menschen über das Thema Kennenlernen. Dieser Mensch hat generationstypisch, wie man in dem Fall wohl sagen kann, Erfahrungen mit Tinder etc. Ich habe dergleichen, vielleicht auch noch generations- und außerdem sicherlich familienstandstypisch, noch nie benutzt. Mir fehlt da jede Erfahrung oder ein ganzer Lebensbereich, wie es sich für Jüngere vielleicht anfühlt.
Es würde mir aber auch stark überfordernd vorkommen, mich da per Bild und Kurzbeschreibung irgendwie zu präsentieren, ich müsste über so etwas gefühlt erst einmal ein bis zwei Jahre nachdenken. Und dann wäre das Bild schon wieder veraltet.
Obwohl ich andererseits aus erster Hand weiß, dass auch Menschen, die deutlich älter sind als ich, Plattformen dieser Art erfolgreich nutzen. Für Dates verschiedener Art, es muss da selbstverständlich nicht immer nur um Paarbeziehungen, Liebe etc. gehen.
Ich überlegte dann im weiteren Verlauf, wann ich überhaupt zum letzten Mal jemanden in freier Wildbahn kennengelernt habe. Also jemanden, der mir nicht „serviert“ wurde, etwa durch berufliche Umstände. Und ich kam nicht darauf. Auch nach langem Nachdenken nicht. Die letzte große Kennenlernwelle in meinem Leben war die Spielplatz- und Grundschulzeit, in der vermutlich fast jede und jeder noch einmal einen ganzen Schwung an neuen Kontakten erlebt.
Was für einige, die damals alleinstehend waren, auch durchaus zielführend war, nebenbei bemerkt.
Gerade fällt mir ein, es gab später noch die Lindy-Hop-Kontakte. Aber beides, Spielplatz und Tanzkurse, waren auch wieder festgesetzte Kennenlern-Settings, waren also im Grunde sehr leicht lösbare Aufgaben. Man kann sich dabei gegen das Kennenlernen ja kaum wehren.
Habe ich überhaupt schon einmal Menschen „einfach so“ kennengelernt? Mir fiel kein Beispiel ein, mir fällt immer noch keines ein. Meine erste Frau kam dem am nächsten, denke ich, sie war Kundin in dem Laden, in dem ich gearbeitet habe. Das kann man vielleicht gelten lassen, das war nur halb beruflich.
Aber davon abgesehen – entweder habe ich gerade ein Brett vorm Kopf oder dieses klassische und auch so wichtige Romantic-Comedy-Element des überraschenden Kennenlernens aus dem Alltag heraus hat sich bei mir so gut wie nie in der Wirklichkeit gezeigt (den ausgesprochen freudschen Vertipper „Bett vorm Kopf“ hätte ich jetzt fast stehengelassen).
Hätte ich also vielleicht besser aufpassen müssen? War es am Ende deswegen so oft keine Comedy? Ich muss das Thema noch einmal durchdenken.
Über dergleichen jedenfalls sann ich längere Zeit nach. Auch noch beim Einkauf am Nachmittag. Wo die junge Frau an der Kasse, noch neu in diesem Laden, zu dem Kunden vor mir sagte: „Na, Sie kaufen aber viel Sahne!“ Woraufhin sich, und ich hätte mich nach einer Weile nach den Kameras umdrehen mögen, ein kurzer Dialog zwischen den beiden ergab, der immer säuselnder wurde. An dessen Ende die beiden eine Verabredung ins Auge fassten. Denn man könnte doch einmal, und warum auch nicht, wo sie doch … wo er doch … und gleich nebenan! Vielleicht nächste Woche?
Und sie sahen sich an wie Susi und Strolch beim Spaghetti-Essen.

Immer wieder erlebe ich solche Geschichten. Die auf meine Gespräche, meine Gedanken oder meine Texte in seltsamster Weise zu antworten scheinen. Aber immer wieder denke ich auch, dass ich, falls es sich um Botschaften für mich handelt, kein besonders gelehriger Schüler bin. Denn was genau sagt mir das jetzt. Was soll ich daraus ableiten, was soll ich nach diesem Beispiel machen. Soll ich erst einmal mehr Sahne kaufen?
Und dann wieder dieses ungute Gefühl dabei, dass man da oben oder sonst wo jetzt erneut und ohne die mindeste Begeisterung oder Motivation zur Beratung zusammenkommt und erörtert – noch einmal erörtert! – wie deutlich man es denn mir gegenüber bitte noch ausdrücken soll.
Was auch immer genau.

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Vielleicht sind diese Momente immer da. Sie erkennen sie aber nur, wenn Sie sich mit diesen Themen, Gedanken vorher eh schon befassen?
Ich musste länger darüber nachdenken, wo Sie wohl die Grenzen der freien Wildbahn ziehen. Gilt es noch als beruflicher Umstand, wenn man in der Firmen-Cafeteria den
Barista (angestellt bei einer Drittfirma) näher kennenlernt? Ist es bereits freie Wildbahn, wenn man mit der Wahlhelferin eines anderen Teams abends nach absolviertem Dienst auf die U-Bahn wartet und ins Gespräch kommt? (Beides reale Erlebnisse.)