Ein neuer „Gastro-Hotspot“ soll in der Stadtmitte entstehen, lese ich in den lokalen Medien. Ein Platz, der seit Jahrzehnten, vermutlich schon seit der Nachkriegszeit, als Parkplatz städteplanerisch eher unambitioniert und nebenbei genutzt wird, soll nun umgewidmet werden. Denn es ist, darauf ist irgendwer nach zehntausendmaligem Vorbeilaufen doch noch gekommen, eigentlich ein attraktiver Platz.
In Bahnhofsnähe liegt er. In Theaternähe, in Museumsnähe, in Fußgängerzonennähe und was nicht noch alles. Einige Gründerzeitfassaden hat er am Rand zu bieten. Einige Neubauten sieht man auch, aber die sind gar nicht mal so hässlich. Cafés und Restaurants, in vietnamesischer, japanischer und in anderen Ausrichtungen, dazu Hotels, Barbetrieb und dergleichen. Zweimal Kunst im öffentlichen Raum, einmal sehr alt und kirchlich, mit Jesusfigur, einmal modern und weltlich, auf die Arbeit im Hafen verweisend.

Außerdem noch ein attraktiver Kirchturm. Der etwas an einen berühmteren Kirchturm, an den Michel, erinnert. Was sich sogar begründen lässt, wenn man etwas nachliest, es gab da baumeisterliche Verbindungen. Es stehen sogar etliche Bäume auf dem Platz! Zwischen all den dort im Moment noch parkenden Autos.
Also ja, das hat dort etwas. Wenn man sich die Autos einmal kurz wegdenkt und sich vorstellt, dort wäre alles irgendwie urban belebt. Stadtmittemäßig touristisch interessant, szeneviertelartig aufgepeppt, in schönster Reiseführer-Manier („quirlig“, wird es dann unweigerlich heißen) belebt und trubelig, gesellig und einladend.
Ich muss wohl annehmen, dass ich das als Stadtplaner auch so vor Augen hätte. Und Sie auch.
Als Nachbar dieses Platzes denke ich selbstverständlich eher an die zusätzlichen Amüsieropfer, die ihre juliabendliche Überdosis an Sommersonnenseligkeitsgetränken unweigerlich zu später Stunde in lauen Nächten lautstark vor meiner Haustür erbrechen werden.

Aber gut. Irgendwas ist immer. Es ist am Ende nur ein weiterer Fall von: „In langweiligen Städten will man auch nicht leben“. Ich gebe es ja zu, es ist anziehend und interessant hier. Ich verstehe durchaus, dass die Menschen hierherkommen wollen, wo es postkarten- und instagramtauglich ist. Nur dummerweise wird es dadurch weniger schön.
Ich weiß aber auch nicht, was die gültige Lösung für dieses offensichtlich erstaunlich komplizierte Problem sein kann, das zunächst so simpel wirkt. Ich möchte nicht einmal so tun, als würde ich es wissen.
Zahllose Expertinnen denken auf der ganzen Welt beruflich über dieses Rätsel nach, über die goldene Mitte zwischen der Authentizität von Orten und der Disneyfication des Kolorits. Überall wird sie angepeilt, diese Mitte. Überall dort, wo man es – immer den variablen Trends folgend – gerade cool findet. Also dort, wo sie alle hinreisen, everybody and their mother.
An manchen Orten muss man jetzt Eintritt bezahlen. Manche Plätze darf man nur noch zu bestimmten Uhrzeiten besuchen oder nur, wenn man nicht schon der Soundsovielte in genau dieser Stunde oder an diesem Tag ist. Soweit ich weiß, wurde dennoch bisher kein Best-Practice-Patentrezept entdeckt. Vorerst ist und bleibt der Tourismus ein eher fragwürdiger Retter, der öde oder auch normale Orte zu Tode belebt.
Na, wie auch immer. Vielleicht fällt wenigstens eine berufliche Veränderung für mich dabei ab. Meine Güte, was kann ich denn eigentlich – ich könnte mich bei starkem Wind beschwerend auf teure Außengastro-Möbel legen, damit die nicht wegfliegen.

Ich könnte aber auch den Hanseatic Native vom Dienst geben und mit der Prinz-Heinrich-Mütze auf dem Kopf permanent dekorativ durch diese Gegend hier streifen. Ich könnte dabei plattdeutsche Phrasen vor mich hin murmeln oder das gute alte La Paloma pfeifen.
Das Geburtshaus von Hans Albers steht immerhin auch um die Ecke.
„Nach vorn geht mein Blick, zurück darf kein Seemann schau’n.“
Zum Kap Hoorn, das Hans Albers in dem Lied anpeilte, kann man währenddessen längst Kreuzfahrten buchen, das hätte der damals sicher auch nicht erwartet. „Spannend und komfortabel“ sind diese Reisen dann, so heißt es jedenfalls auf den entsprechenden Buchungsseiten. Die Reisen sind also in etwa so, wie wir heute alles im Leben gerne hätten.
Kennen Sie diese Instrumentalversion des Liedes? Wenn man die hört, muss man fast schon nicht mehr herreisen.
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