Kurz vorweg: Geplant war es nicht, aber einer der schöneren Zufälle ist es auf jeden Fall, dass dieser Text ausgerechnet an dem Morgen erscheint, an dem wir von der Abwahl der rechten Truppen in Ungarn lesen können. Mit freundlichem Winken in Richtung Budapest gesendet.
Vom Widerstand in den USA erfahre ich am häufigsten durch Menschen, die im weitesten Sinne etwas mit Comedy und Satire machen, weil ich etlichen von denen auf Instagram folge. In den Nachrichten sehe ich wenig davon, zu wenig. Oder aber ich bemerke nur zu wenig davon. Vielleicht sehe ich nicht richtig hin, aber ich fürchte, das wäre eine allzu gute Erkenntnis. Nein, so wird es nicht sein.
Wenn sich jemand aus der A-Prominenz wie etwa Bruce Springsteen gegen den Präsidenten und alles, was ihn an trüben Umständen begleitet, querstellt, darüber wird dann berichtet. Aber allzu oft scheint das nicht vorzukommen und es ist also offensichtlich so eine Sache mit diesem Land of the free and the home of the brave.
Es wird hoffentlich deutlich mehr Widerstand geben, als bei uns ankommt. Es wird aber andererseits auch insgesamt zu wenig sein, wie man zweifellos am Ergebnis bemerken muss. Denn die Lage, sie ist nun einmal, wie sie ist.
Im Fachbereich Musik aber habe ich in Bezug auf dieses Thema gerade etwas gefunden und auch live besucht, das die Bewegung in dieser Richtung illustrieren kann. Ich bastele es Ihnen hier einmal mit etwas längerer Vorgeschichte zusammen, weil es in der Gesamtheit ein gutes Bild ergibt. Oder auch eine gute Playlist, ganz nach Belieben.
Die amerikanische Sängerin Carsie Blanton (Wikipedia-Link) lernte ich vor etlichen Jahren, noch in meiner sportlich bewegten Lindy-Hop-Zeit, über ein unschuldiges, unpolitisches, eindeutig Vergnügen ausstrahlendes, sommerliches Tanz-Video kennen. Es war sicher damals auch einmal im Blog eingebunden.
Dieses hier war es, und es ist ein immer noch gerne gehörter Song für die helleren Monate des Jahres. Es gab tatsächlich eine Zeit, wenn sie auch eher kurz war, da konnte ich den Titel des Songs sogar auf mich beziehen, because I could dance.
Ein hervorragend tanzbares Lied ist es nämlich, man hört es wohl.
Später fiel mir Carsie wieder auf, weil sie einen bemerkenswerten Tribute-Song nach dem Tod des von mir verehrten John Prine geschrieben hat. Es gab eine ganze Reihe von Tribute-Songs und Alben, dieses Lied hier ragte aber heraus, weil es ihm in Lyrics und Melodie näherkam als andere.
„Tonight in heaven it must be nice
They’re all eating peaches in paradise
All of them angels lining up in a queue
Just to go fishin’ with you.”
Die kanadische Gruppe The Burning Hell (Wikipedia-Link) verlinke ich hier jeweils traditionell zum Jahreswechsel. Ihr Klassiker „Fuck the government, I love you“ (YouTube-Link) ist ein Silvester-Song, und was für einer. So ein fantastischer Text, so ein immer wieder gerne gesehenes Video.
Später fielen sie mir dann z. B. durch das Vorstellungslied von Mathias Korn auf, bei TV Noir eingespielt: „My name is Mathias“. Und wieder habe ich gedacht, dass diese beiden da, Mathias und Ariel, doch außerordentlich sympathisch wirken und verdammt gut texten.
“Where we’re born and when we die, we can’t control that.
And life in between is just war and combat.
There are targets you can shoot for and mines to circumvent
But most of life is an accident”
Und nun fanden diese Sängerin und diese Gruppe also zufällig zusammen. Ich zitiere von der Seite des Hamburger Clubs Molotow, in dem sie gerade mit dem gemeinsamen Album „Everything is great!“ auftraten:
„The Burning Hell trafen Carsie Blanton bei einem Gig in einer abgelegenen Kleinstadt, und alle waren sofort begeistert. Sie verband die gemeinsame Leidenschaft für Science-Fiction und Sozialismus, und sie schmiedeten Pläne für gemeinsame Songwriting-Projekte. Schon bald fand sich diese neue amerikanisch-kanadische Allianz in einem kleinen Dorf in Irland wieder, um ein ganzes Album aufzunehmen. Carsie, Joe, Mathias und Ariel brachten die albernsten und diabolischsten Seiten aneinander zum Vorschein, wetterten gegen Milliardäre und Kriegsverbrecher und schrieben Muppet-Musicals über Kybernetik und den unausweichlichen Zusammenbruch des Kapitalismus.“
Was schon einmal eine faszinierende, Interesse weckende Beschreibung ist. Hier ein beispielhafter Song von diesem Album, mit Mitsing-Qualität:
Es ist, um auf den Anfang zurückzukommen, ein Album mit Nachrichten aus dem Widerstand, wie man schnell merkt. Und man darf wohl annehmen, dass Carsie und auch der Band der Name des Hamburger Clubs, in dem sie auftraten, besonders zugesagt haben dürfte. Wie auf Mastodon jemand zum Lied kommentierte: That escalated quickly.
Man kann das ganze Album ruhig einmal durchhören. Ich möchte das ausdrücklich empfehlen, und sei es nur, um festzustellen: Ach guck, diese Positionen gibt es ja auch noch. Oder wieder.
Oder sei es nur, um noch einmal im Leben berechtigt denken zu können: Links von mir ist ja auch noch etwas! Also falls Sie dieses Gefühl auch ab und zu etwas vermisst haben. Es gehörte immerhin, ich zumindest habe das so in meiner Erinnerung, eine ganze Weile lang selbstverständlich dazu.
Ich zitiere noch eben aus der Selbstbeschreibung von Carsie auf ihrer Website:
“Carsie Blanton is a songwriter with hooks, chutzpah, and revolutionary optimism.”
Sowie aus der Selbstbeschreibung von The Burning Hell auf ihrer Website:
“They move with heavy rhyme and a light step, incorporating a frequent fixation on apocalypse and ruin into work that celebrates participation in a mutually created, ever surprising, and even occasionally beautiful world. Which is to say they’re good dance partners and they want to dance with you.”
Gelungene Vorstellungstexte, finde ich. Leider kann ich sie nicht stehlen, sie passen so gar nicht zu mir, aber es ist doch ein wenig schade.
Auf dem Weg zum Konzert ging ich notgedrungen über die Reeperbahn, und zwar an einem Samstagabend. Sie können die Anzahl der mir dort entgegenkommenden und teils schon früh sturzbesoffenen Junggesellenabschiedstrupps und ähnlich angeheiterten Amüsierausflüglerinnen kaum überschätzen.
Es passte im Nachhinein betrachtet sehr schön zum Albumtitel: Everything is great, in deed.
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