So geht es jetzt zu

In einer der Fußgängerzonen in der Innenstadt liegt am Sonnabendnachmittag ein Mann auf einer Bank, dösend, vielleicht schlafend, träumend. Sein Kopf ist etwas nach hinten weggekippt, halb über den harten Rand der Bank ragend, so dass man im Vorübergehen, wenn man noch so weit empathiefähig ist, die Nackenschmerzen bereits antizipieren kann. Er liegt in der Sonne. In der Sonne ist es warm, seine Jacke, die nicht im besten Zustand ist, hat er geöffnet, seinen Pullover, es ist ein schmuddelig wirkender Strickpullover, hat er hochgezogen, man sieht die bleiche Rundung seines Bauches.

Vor ihm auf dem Boden eine obligatorische Blechdose mit wenigen Münzen darin. Ein Pappschild mit mehreren Rechtschreibfehlern im Text bittet um Kleingeld. Der Mann wird, aber das ist nur ein best guess, wie man in den umliegenden Büros sagen würde, einer der vielen erfolglosen Arbeitssuchenden aus Osteuropa sein. Die hier so oft scheitern und dann schnell abstürzen, die vielleicht aber auch schon mit einem gravierenden Alkoholproblem ankommen. Sein Gesicht wirkt auf mich jedenfalls so, als würde er zu denen passen, die sich andernorts auch am Abend in größeren Gruppen treffen. Die manchmal trunken gemeinsam singen, ich habe das vor dem Bahnhof oft gehört, bevor man diese Gruppe von dort vertrieben hat. Traurig klingende Lieder.

Dann passiert etwas, das ich so zum ersten Mal sehe. Und ich hätte auch gut darauf verzichten können, dabei Zeuge zu sein. Keine Straftat im juristischen Sinne, wie gleich deutlich werden wird. Sicher aber eine Untat, zumindest aus meiner mittlerweile wohl altmodischen Sicht, im moralischen Sinne. Denn aus einer Gruppe von jungen Männern heraus tritt einer an den Obdachlosen heran.

Es ist eine besondere Gruppe. Sie unterscheidet sich von den meisten anderen Einkaufenden, Bummelnden, Wartenden, Eilenden, Herumwuselnden, denn man hat in dieser Gruppe mehr Geld. Oder man inszeniert sich zumindest erfolgreich so, dass man als Zuschauer spontan einen gewissen Reichtum unterstellen möchte. Durch den Kleidungsstil, durch ein äußerst breitbeiniges, breitschultriges, überhaupt platzgreifendes, überselbstbewusstes Verhalten. Auch durch das Schwenken von Einkaufstüten aus den edelsten der umliegenden Geschäfte. Es ist eine begrenzte Symbolsprache, aber man versteht sie.

Auf Instagram etc. gibt es immer wieder Stilkunde zum als erstrebenswert geltenden Old-Money-Look. Es sind eindeutige Elemente aus diesem Look bei den jungen Männern zu erkennen, aber alles pervertiert in eine Richtung, die in aller Deutlichkeit nach New Money aussieht. Und vermutlich wirkt der Auftritt insgesamt aus Sicht derjenigen, die tatsächlich über Old Money verfügen, ungemein peinlich.

Was die Jugend hier in betont solventer Vulgarität in Szene setzt, das werden ihre Eltern im besten Fall so nicht gemeint haben. Könnte man denken. Falls man diese Vorfahren wohlwollend in den Gedankengang einbauen möchte. Aber wie auch immer – diese jungen Männer haben einen Finanzhintergrund.

Graffiti an einer Wand in Planten un Blomen: Das Gespenst des Kapitalismus. Davor ein E-Scooter aus dem Leih-Bestand.

Derjenige, der gerade an den Obdachlosen herangetreten ist, zieht nun eine Packung Zigaretten aus der Jackentasche. Er reißt sie auf, lässt das Plastik auf den Weg fallen, versteht sich, und überreicht die Schachtel dann mit großer Geste dem Obdachlosen. Den er dafür und dabei auch weckt. Nicht eben sanft, eher durch energischen Zugriff.

Und er steckt ihm noch, nachdem der halbwegs wieder zu sich gekommen ist, eine Zigarette in den Mund. Wobei er sich, und hier wird es dann unerträglich für mich, die ganze Zeit mit dem hochgehaltenen Smartphone filmt. Wobei er also vielleicht sogar live ist, wie man annehmen kann. Und die ganze Zeit über macht er Grimassen in Richtung Kamera, wirft sich immer wieder in neue Posen und versucht dabei, den Obdachlosen, seinen Obdachlosen, auch passend ins Bild zu rücken. Den er dabei anfasst und zurechtbiegt, zumindest versuchsweise, denn so richtig will der nicht mitmachen, wie man es vielleicht auch mit einem überdimensionierten Stofftier machen würde, das man gerade auf dem Dom gewonnen hat.

Noch ein abschließendes Victory-Zeichen in die Kamera, noch ein extra flächiges Grinsen und schließlich der vergeblich bleibende Versuch, den Obdachlosen auch zu einem Finger-V zu animieren. Was aber misslingt, denn der immer noch halb liegende Mann weiß ohnehin kaum, wie und was ihm da gerade geschieht. Er findet nur die Zigaretten gut, das immerhin erkennt man. Neben der Szene johlen die Freunde des vermutlich nicht allzu großherzigen Spenders, einige filmen ebenfalls oder machen Fotos.

So also geht es jetzt zu. Wissen wir das auch. Man möchte im Geiste vielleicht eine Linie zum obszönen Stil des amerikanischen Präsidenten und ähnlichen Phänomenen ziehen, denn es wird da Zusammenhänge geben.

Aber noch lieber würde man vermutlich diese ganzen Erscheinungen gar nicht im Geist bewegen müssen. In einer theoretisch hoffentlich noch möglichen, nennenswert besseren Welt.

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Ein Kommentar

  1. Die geschilderte Situation ist wohl derzeit ein „Insta-Trend“. Ich habe kürzlich gelesen, dass Hilfsorganisationen für Obdachlose schon anwaltliche Beratung anbieten, um gegen die Veröffentlichung solcher Übergriffe vorzugehen und auch Entschädigungszahlungen für die Betroffenen zu erstreiten.

    Ich frage mich, ob ich mutig genung wäre, einzuschreiten, wenn ich so etwas beobachte.

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