Thomas Manns „Lotte in Weimar“ habe ich in der hervorragenden Hörbuchversion von Gert Westphal durchgehört (jetzt auch in der ARD-App Sounds verfügbar).
Das war allerdings etwas arg knapp, denn ich hatte das Hörbuch nicht bei Sounds gehört, sondern in der App der öffentlichen Büchereien ausgeliehen. Sechzehn Stunden Laufzeit waren für die etwas eng begrenzte Leihzeit dann doch etwas sportlich. Aber egal! Meine Spaziergänge wurden für einige Tage noch etwas länger. Ich sage es ja wieder und wieder: Der Mensch braucht Ziele, und sei es nur der Beginn des nächsten Hörbuchkapitels.
Es soll ohnehin enorm gesund sein, viel zu gehen, und das Wort „Laufzeit“ will am Ende auch einmal mit Sinn verbunden werden.
Dieses Buch ist jedenfalls ein hervorragendes Beispiel, warum es sich lohnen kann, die Bücher aus der Anfangszeit seiner Bildungsgeschichte als reiferer Mensch noch einmal und mit neuem Interesse zu lesen. Es ist doch ein anderer Mensch, der jetzt liest, er versteht vieles nun anders. Er achtet auf andere Aspekte, hat auch eine andere Haltung beim Lesen als der etwa Zwanzigjährige damals. Und das gilt nicht nur körperlich.
Der Roman erschien 1939 und die Meinung zum Thema Deutschland und Deutschsein, die Thomas Mann darin durch Goethe markant ausdrücken lässt, sie hatte viel mit dessen Entstehungszeit zu tun. Er hat seinen ihm heiligen Goethe den Nazis in einem intellektuellen Raubzug gekonnt entwendet (im Wikipedia-Artikel zum Buch beim Kapitel „Rezeption“ wird es ausführlich dargestellt).
Ich bin sicher, dass ich diesen Bezug als junger Mensch, etwa Anfang zwanzig werde ich bei der Erstlektüre vermutlich gewesen sein, verpasst habe. Fraglos habe ich das Buch bei der ersten Lektüre „nur“ als Schilderung der Goethe-Zeit verstanden. Als etwas gemütlichen, manchmal auch dezent amüsanten historischen Roman. Wobei das damals noch gar keine Gattung im heutigen Sinne war und keine Regalmeter in Buchhandlungen unter diesem Schlagwort mit Bestsellern befüllt wurden.
Im Grunde müsste man alles noch einmal lesen. Oder zumindest die Werke, die einem groß und wichtig erschienen. Bei denen man den Verdacht hat, sie könnten es ernsthaft sein. Mit diesem Rekapitulieren hätte ich wohl etwas früher anfangen müssen, vor etlichen Jahren schon. Aber gut, man kann nicht alles richtig machen, und man will vielleicht ab und zu auch einmal etwas ohne Bildungsgedanken dabei lesen.
Thomas Mann verstand es jedenfalls gut, vorbildhaft gut, Menschen so exakt und treffend zu beschreiben, dass man sie sehen kann. Dass man sie genau und vielleicht sogar etwas besser als im Film vor sich sehen kann. Sozusagen von mehreren Seiten gleichzeitig. Eine ausführlich geschilderte Thomas-Mann-Figur würde man auf der nächsten Parkbank erkennen, sollten sie da zufällig sitzen. Das glaubt man zumindest direkt nach der Lektüre. Und es beschreiben nicht eben viele schreibende Menschen ihre Figuren so, dass dieser Effekt verlässlich eintritt.
Das Buch steht hier auch in der gedruckten Version im Regal, irgendwann wurde es von meiner Mutter an mich abgegeben. Und es bleibt da auch noch stehen, sozusagen als Lehrwerk. Behalten und Wiederlesen als Beschluss und Qualitätsprädikat. Ich habe ein eher schwieriges Verhältnis zu Thomas Mann, er war zu früh zu präsent in meinem Leben und wurde von zu vielen als Heiliger verehrt, aber seine Bücher abgeben – nein danke.
Ich hatte beim Lesen lebhafte Vorstellungen davon, wie sich heutige Lektorinnen gesundheitsschädlich aufregen würden, käme so ein Manuskript herein. Und zwar ob des aus heutiger Sicht unfassbar klaren Kürzungsbedarfs. Den man wohl zweifelsfrei feststellen muss, wenn man aus unserer Zeit der schnellen Schnitte und der TikTok-Geschwindigkeit kommt. Wenn man auf die schier endlosen Passagen und Szenen blickt, in denen nichts oder nur wenig passiert. In denen nur jemand redet, unendlich viel redet, der vielleicht nicht einmal besonders sympathisch ist.
Allein der Monolog von Goethes Mitarbeiter Riemer dauert im Hörbuch über drei Stunden. Man möchte, auch wenn man die Sprache permanent bewundern kann, dauernd „Cut!“ schreien beim Zuhören oder Lesen. Zumindest ging es mir so, aber es war natürlich ein stark gegenwartsbezogenes Gefühl.
Eine wunderbare Stelle aus dem Roman sei noch eben zitiert. Da erwähnt die Hauptfigur, jene Lotte, die Goethe in ihrer Jugend das Vorbild zur weiblichen Hauptfigur im Werther war, einen Vorfall aus ihrer Vergangenheit. Und sie sagt dazu etwas, das wir heute mit einem schlichten Satz ausdrücken würden. Ungefähr so würde es bei uns klingen: „So dumm hätte ich doch gar nicht sein können.“ Im Buch heißt es aber:
„Ich hätte müssen mit dem Dummklotz geschlagen sein!“
Und das kam mir doch ebenso schön wie wiederverwendbar vor.

***
Sie können hier Geld in die virtuelle Version des Hutes werfen, herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch. Die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel.