Gern gesehene Figuren

Nachdem die letzte hier ausführlich geschilderte Figur wieder problematisch war und in meinem Kopf schon beim Schreiben die übliche Frage anklang („Und wo bleibt das Positive, Herr Buddenbohm?“), zoome ich heute an einige Randfiguren näher heran, die mir im Stadtbild in den letzten drei, vier Tagen sympathisch waren. Wiederholungen sind dabei, sie wurden schon einmal erwähnt, kamen in älteren Texten bereits vor.

Aber vielleicht ist ein lange laufendes Blog strukturell ein wenig wie eine Fernsehserie, braucht also auch Konstanten, die man wiedererkennt. Man kann es so sehen, kann man nicht?

Ein Mensch auf einer Bank am Ufer der Außenalster, von hinten aufgenommen. Auch eine Gans im Bild.

Da waren also zum einen wieder etliche, sogar erstaunlich viele Menschen, die ich lesend sah. Mit Büchern in den Händen, und durch einen wilden Stichprobenzufall waren es mehrheitlich dicke Bücher. Leistungssiegerin war dabei sicherlich die junge Frau mit dem „Ulysses“ von Joyce in der Hand, in der alten Suhrkamp-Taschenbuch-Ausgabe mit den bunt glänzenden Buchstaben auf dem Titel. Die hier auch irgendwo im Regal stehen muss, allerdings ungelesen.

Es wurde bereits erwähnt, dass es da draußen weiter mehr Lesende zu werden scheinen, dass es einen anhaltenden Trend geben muss. Und dass dieses so kultiviert wirkende Freizeitverhalten wohl dadurch gefördert wird, dass auf TikTok etc. das Lesen in der Öffentlichkeit ausdrücklich als sexy deklariert wird, auch Mittel zum Zweck im Dating ist. Der Zusammenhang mit dem übergeordneten globalen Analogtrend, mit der Flucht aus dem Digitalen, er liegt ebenfalls auf der Hand.

Würde ich Zeit und Einsatz investieren, ich könnte sicher eine Bild- und Interviewreihe der speziell hamburgischen Art machen: „Lesende Menschen am Wasser.“ Mit Gesprächen und Fotos zum Buchkonsum und zur Literatur, zum Lesen auf den Bänken und Rasenflächen an Alster, Elbe und Bille. Auch an und auf den Kanälen und Fleeten (lesend im treibenden Tretboot, neulich habe ich es erst gesehen).

Es ist eine reizvolle Vorstellung, so ein Projekt, aber es wird wohl leider nichts werden können. Schon weil ich kategorisch keine fremden Menschen ansprechen möchte. Manchmal stört es mich als Autor ein wenig, dass ich es so gar nicht möchte (oder kann, schon klar). Aber nur selten.

Ein Paar auf einer Bank am Ufer der Außenalster, von hinten aufgenommen

Dann sah ich an nur einem Tag und in verschiedenen Stadtteilen zwei jener Menschen, welche eine sonst nur selten vorkommende Sonderform der Lesenden darstellen. Nämlich die, welche Partituren durcharbeiten. Und die dabei oft faszinierende Miniaturbewegungen machen, eng abgezirkelte Tänze mit den Fingern über dem Papier. Mit kleinen Bewegungen, an denen man manchmal ihr Instrument zu erkennen meint. Aber wer weiß schon, ob man da richtig liegt, und viel differenzieren könnte ich auch nicht. Ob nun Oboe oder sonst ein Blasinstrument, davon habe ich ohnehin keine Ahnung. Ich erkenne auch an Notenblättern rein gar nichts, kryptische Welten.

Die Partiturmenschen singen oder summen oft tonlos oder fast tonlos mit, während ihre Finger dabei über den Noten wippen oder hüpfen, während sie den Takt klopfen oder in diskreter Minimalversion zu dirigieren scheinen. Fast immer sind sie auf irgendeine Art in hochkonzentrierter Bewegung.

Ich finde es besonders angenehm, diesen Menschen zuzusehen. Wie sie sich so weltvergessen vertiefen, wie sie im Geiste üben und konzentriert wiederholen. Es sieht nach dem Gegenteil von Brainrot aus, erinnert mehr an vergeistigt Gebete murmelnde Nonnen oder Mönche. Angenehm und auch motivierend wirkt das auf mich.

Wenn Sie also gerade in Richtung Musik etwas lernen, machen Sie es doch bitte in der Außengastro. Es gibt Menschen wie mich, die sie dabei gerne beobachten wollen und die davon auch etwas haben.

Ein Paar auf einer Bank am Ufer der Außenalster, von hinten aufgenommen

Meine Sympathie gehört auch denen, die öffentlich schreiben. Besonders wenn sie es mit der Hand tun, auf die alte Art. Mit Füller, mit Kuli, mit Bleistift. In letzter Zeit – aber es ist noch zu früh, um es als Trend beschreiben zu können – sah ich mehrfach, wie Briefe oder Postkarten auf Tischen in Cafés etc. betextet wurden. In einem Fall war die schreibende Person etwa auf Seite zehn, da lag schon ein ganzer Stoß beschriebener Blätter vor ihr. Es sah nach damals aus, als man noch ganze Romane auf diese Art verfasst hat. Wofür man aber nicht weit zurückdenken muss, auch etwa John Irving hat seine Wälzer noch mit der Hand geschrieben.

Schließlich sah ich eine Figur, der man das Positive zuerst nicht zutraut. Und die es dann in einer Ausprägung vertrat, die gleich ausgedacht wirken wird, wie ich wohl weiß. Weswegen ich vorher betonen muss: So geht es hier zu, was soll ich machen. Ich werde mir sicher keine schlichtere Wirklichkeit für Sie ausdenken, nur damit es alles etwas plausibler wirkt.

Menschen auf dem Anleger Rabenstraße

Im Bild also erneut ein Obdachloser. Und zwar einer von denen, die vermutlich schon seit längerer Zeit zu dieser Gruppe gehören. Lange Haare, langer Bart, alles in furchtbarem Zustand. Über die Schultern hat er sich mehrere Decken gelegt, die vielleicht auch teils Mäntel sind oder einmal waren. Man kann es längst nicht mehr erkennen. Er sieht ein wenig aus wie ein wandelndes Zelt. Ein nasses Zelt ist es außerdem, wie man bei dem aktuellen Wetter ergänzen muss.

Im Gehen zählt er Kleingeld ab. Es wird wohl die Summe dessen sein, was er am Vormittag zugeworfen bekommen hat, während er vor einem Supermarkt oder an irgendeiner Ecke saß.

Und mit großer Selbstverständlichkeit nimmt er einen Teil der Münzen, über deren Wert ich nichts sagen kann, und lässt sie in den am Wegesrand stehenden Pappbecher eines anderen Obdachlosen fallen. Weder grüßen die beiden sich, noch interagieren sie sonst irgendwie. Es sieht nicht einmal ansatzweise so aus, als würden sie sich kennen. Aber sobald man ein paar Münzen hat, kann man auch einige abgeben. Das ist dann wohl die Botschaft. Platt und etwas kitschig, fast unangenehm nach Predigt klingend – wie gesagt, ich weiß. Aber das ist es nun einmal, was ich sah.

„And even when my chips are low

There’s still some left for giving.”

So sang es Frank Sinatra damals, ich hatte den Song vor Jahren schon einmal im Blog. Aber das macht nichts, der Song ist immer noch gut. Es ist eines meiner Lieblingslieder von ihm, das er auch in lässiger Hochform präsentiert hat.

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