There’s something evolving

Ich weiß nicht, wieso ich immer öfter in Drehbüchern denke. Aber es ist mittlerweile ein so standardisierter Prozess in meinem Hirn – es ist vielleicht doch ein wenig schade, dass ich so etwas nicht beruflich mache. Aber zu retten, ach, zu spät.

(Das Zitat stammt übrigens von einem erfreulich vergessenen Dichter aus meiner Heimatstadt. Emanuel Geibel, der auch auf meiner Schule war, wie Theodor Storm, Heinrich Mann, Thomas Mann, Erich Mühsam … Aber lassen wir das. Ich wollte nur eben darauf hinweisen, dass dieses bekannte Zitat einem Gedicht entnommen wurde, welches sich aus heutiger Sicht mehr als merkwürdig liest, nämlich Gudruns Klage. Die ebenfalls dort zu findende Formulierung „Ich wall‘ hinab zum Strande“ kann man sich aber vielleicht schon einmal für den nächsten Urlaub am Mittelmeer vormerken.)

Jedenfalls: Wir sehen ein Smartphone in Großaufnahme, eine App wie Insta oder TikTok wird gerade geöffnet. Schnelles Scrollen durch die Timeline, dann ein Stehenbleiben durch Antippen mit einem Daumen, ein Video startet. Eine junge Frau, die schnelles Spanisch spricht, streamt live aus der Hamburger Innenstadt. Wo sie aus Gründen, die wir nicht verstehen, vor einem großen Geschäft steht, das gerade umgebaut wird. Victoria’s Secret wird hier eine Filiale eröffnen, man erkennt durch eine halb geöffnete Tür die übliche Farbgebung. Das aufnehmende Smartphone schwenkt, im Hintergrund geht ein Mann durch das Bild, dieser Mann bin ich.

Ein anderes Smartphone, das gleiche Prinzip. Im anlaufenden Video doziert ein älterer Japaner im gepflegten Anzug von einer Brücke aus und vor den vielen Gleisen, die in den Hamburger Hauptbahnhof führen. Er zeigt auf Schienen, er zeigt auf die Bahnhofshalle. Im Hintergrund geht ein Mann durch das Bild, dieser Mann bin ich.

Ein anderes Smartphone, das gleiche Prinzip. Im anlaufenden Video küssen sich zwei junge Menschen, dem Tonfall nach kommen sie aus den USA, auf einer Bank an der Alster. Es ist die Stunde des Sonnenuntergangs, das Licht wird gerade etwas kitschig. Sie drehen das filmende Smartphone, so dass man zwei Schwäne im Wasser nahe am Ufer sieht, die sich entweder gerade vermöbeln oder verpaaren. Es ist zunächst nicht genau zu erkennen, worüber die beiden Amerikaner Witze machen. Er beißt ihr von hinten in den Hals, die Vögel kopierend, sie kreischt lachend. Im Hintergrund geht ein Mann durch das Bild, dieser Mann bin ich.

Man könnte das über zehn oder noch mehr Sequenzen so zusammensetzen, dass ein ganzer Spaziergang von mir, ein routinemäßiger Gang durchs Revier,  in weltweiten Fragmenten aufscheint. Immer ein paar Meter oder eine Hamburger Attraktion weiter. Ich wohne so, dass ich an den bekanntesten Attraktionen täglich vorbeispaziere: I’m not a tourist, I live here.

Hamburger Souvenir-Gläser

Und während ich hier lebe und herumgehe, tauche ich in Argentinien auf Smartphones auf. In Südkorea, in Schweden, in der Schweiz, in der Pfalz und immer so weiter, rund um den Globus.

Ich habe es ein wenig recherchiert, ob ich mich in meiner Wahrnehmung täusche, aber es scheint tatsächlich so zu sein, dass das öffentliche Streamen in diesem Jahr stark zugenommen hat. Selfie-Sticks waren zwischendurch schon wieder out, jetzt tauchen sie auf einmal in etlichen modernisierten Varianten wieder auf. Auch weitere Zusatzgeräte, mit denen die Smartphones gekoppelt werden, gedoppelte Kameras, besondere Mikros für den Außeneinsatz etc. Es laufen hier Menschen streamend durch die Stadt, die ganz hervorragend ausgerüstet aussehen, wandelnde Sendezentralen.

Hamburger Souvenir-Kaffeebecher

Und wenn ich es im allerdings eher flüchtigen Nachlesen richtig mitbekommen habe: „Echt“ wirkende Streams sind gerade deutlich hip. Wenn da also jemand „roh“ durch die Stadt geht, ungeschnitten vor sich hinredet, auf Dinge zeigt und dabei wahnsinnig authentisch rüberkommt, eine Persönlichkeitsmarke ist. Durch KI kann das Geredete dann sofort übersetzt werden, so dass weitere Grenzen des Verbreitungsgebiets wegfallen.

Und, ebenfalls durch KI, kann, wenn der Clip nicht live gesendet wird, in kürzester Zeit aus dem hemmungslos angehäuften Filmmaterial eines touristischen Nachmittags ein fulminant geschnittener Beitrag werden, mit abgestimmtem Ton, perfekt passendem Soundtrack, Abspann und allem.

Damit kenne ich mich nicht einmal ansatzweise aus. Ich habe auch keinen Account bei TikTok mehr, ich kenne es also alles nur von Instagram und YouTube aus, aber es wird wohl ähnlich sein.

Hamburger Souvenir-Kaffeebecher

Ich nehme aber an, ich könnte, wenn ich wollte. Die Technik wird mittlerweile so sein, dass es alles ziemlich leicht erlernbar ist. Wofür man früher noch ein ganzes Team gebraucht hat, um solche dokumentarischen Sachen zu drehen, reicht heute ein einziger Mensch, der sich auskennt, und er kann Millionen erreichen.

Ich könnte auch, wenn ich wollte – einerseits. Andererseits sah ich gerade gestern einen, der sich, nachdem er etliches in den Straßen aufgenommen hatte, in der Außengastro einen Platz suchte, dort seinen Rucksack öffnete und aus einem Tablet, zwei Smartphones, einer externen Tastatur und noch etlichem anderen Zubehör eine Art Schnitt- und Büroplatz aufbaute. Und zwar in einer Geschwindigkeit, die mich an diese Zauberer erinnerte, die auf Bühnen Seltsames mit klappbaren Dingen veranstalten. Sie kennen diese Nummern vielleicht.

Ob ich auch das könnte, ich weiß es nicht. Es gibt aber Geschwindigkeiten, die möchte ich gar nicht mehr erreichen. Was mir altersmäßig vielleicht auch zusteht.

Fest steht, dass ich seit diesem Sommer, genauer seit den letzten Wochen erst, nicht mehr durch die Stadt gehen kann, ohne vielfach im Bild zu sein. Auf eine Art, die früher gar nicht in der Wortbedeutung lag.

Hamburger Souvenir-Kaffeebecher

Und all diese neuerdings streamenden Menschen, sie sondern sich einerseits aus ihrer direkten Umgebung durch ihr Filmen ab und schaffen durch ihr Medium Distanz zu dem, was sie aus der Nähe filmen. Wodurch sich wiederum Beziehungen oder Beziehungsmöglichkeiten reduzieren. Sie gehen andererseits aber vielfache Beziehungen durch ihr Medium und ihr Senden ein, wenn sie tausendfach aufgerufen werden. Auch das scheint mir ein außerordentlich kompliziertes Geflecht von Effekten zu sein. Zumal sich dabei auch der globale Analog-Trend („Ich gehe hier im echten Leben und als echte Persönlichkeit durch diese echte Stadt“) mit dem Digital-Trend kreuzt („Ich berichte aber online live davon und lasse es dabei alles von KI bearbeiten“).

In jedem Fall werden die Beziehungen aber doch flacher, virtueller und auch beliebiger, will mir zunächst scheinen. Es sei denn!

Es sei denn, es ist wie bei uns. Wie bei den guten alten Bloggerinnen und Bloggern nämlich. Und die Streamenden lernen durch ihre Onlinetätigkeit ebenfalls echte Menschen kennen. Die sie dann auch einmal, zweimal, dreimal im Real Life treffen. Die bald Bekannte werden, beste Freunde sogar, Ehepartnerinnen dann und Lover oder Geschäftspartner, was auch immer.

“The word is about, there’s something evolving
Whatever may come, the world keeps revolving
They say the next big thing is here
That the revolution’s near
But to me, it seems quite clear
That it’s all just a little bit of history repeating”

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