September

Im April dieses Jahres kam ich an diesem Mülleimer vorbei, auf den jemand das Wort „September“ geschrieben hatte. Davon machte ich als ebenso vorausschauender wie gewissenhafter Beobachter ein Foto. Und dachte mir: „Das verbloggst du dann im September.“ Und kam mir, das weiß ich noch, dabei aber etwas seltsam vor, denn zum einen klang es mir zu sehr nach „Ja, mach nur einen Plan“, zum anderen lag der September doch noch in erheblicher Entfernung und war kaum auszumachen am Ende des Sommers, der noch nicht einmal begonnen hatte.

Das Wort September wurde in weißer Farbe auf einen roten Mülleimer geschrieben

Gestern dachte ich abends kurz: „Ach guck, es wird ja September. Da hast du doch neulich erst dieses Bild von dem Mülleimer gemacht, wo war das noch.“

Gefühlt war der Zeitpunkt der Aufnahme etwa drei, vier Wochen her. So nämlich geht es zu mit unserem Zeitempfinden. So überaus seltsam, unzuverlässig und variabel fallen die gefühlten Spannen aus und trauen kann man wahrlich überhaupt keiner Angabe, die andere nicht nachgemessen haben.

Ebenso kurios ist es auch, dass ich vor wenigen Tagen (diesmal ist es tatsächlich so) erwähnt habe, dass das erste Gelb im Laub gerade erst sichtbar werde, dass es noch knapp sei. Und gestern beim Spaziergang war schon von Knappheit gar keine Rede mehr, gab es vielmehr auf einmal herbstliche Anblicke wie im Bilderbuch, und es muss wiederum ganz wörtlich über Nacht geschehen sein. Nur eine Nacht, und du bist hier eine ganze Saison weiter, aber tausend Nächte, und du hast nichts auch nur annähernd bis zum Ende erzählt. Es ist kompliziert.

Blick am Ballindamm entlang auf den Jungfernstieg, herbstliches Laub an den Bäumen

Blick durch herbstliches Laub auf das Möwenpick-Hotel am Schanzenpark

Was noch? Nieselregen gab es in dieser Stadt, so einen feinen, etwas zaghaften Regen, der wieder und wieder einsetzte, unter einem überzeugend freudlosen Himmel. So dass die Kulisse da vor den Fenstern aussah, als müsse es draußen kalt und herbstlich sein. Was es aber nicht war, nicht einmal ansatzweise.

Denn die sommerliche Wärme blieb, der Anblick täuschte. Sogar der Regen war warm. Menschen gab es hier, die gingen am Sonntag ohne Schirm oder Kapuzen durch diesen Regen. Sie wurden dabei langsam gründlich nass und gingen aber immer weiter, um die Alster und an der Elbe entlang oder durch Planten & Blomen. Wo sogar Menschen im Regen auf dem Rasen saßen. Weite Strecken ging man, denn man fror gar nicht dabei, es war nicht einmal ungemütlich. Es fühlte sich im Gegenteil eher etwas wellnessmäßig an. Die ganze Stadt unter einer Tropendusche auf unterster Stufe, warmes, freundliches Getröpfel.

Dennoch sah man hier und da, dass schon neue Herbstmode ausgeführt wurde. Vermutlich, weil die ersten es nicht mehr aushielten. Neue Sachen wollen mit Dringlichkeit getragen werden, man kennt das. Weswegen es einigen dann in den neuen Outdoor-Jacken und Steppwesten erheblich zu warm wurde auf den ausgedehnten Spazierstrecken. Man sah es ihnen teils deutlich an.

Nebenbei stellte ich auch fest, was man am Beispiel neu erworbener Trenchcoats unter dem trüben und taubengrauen Himmel des Monatswechsels gut erkennen konnte: dass nämlich sogar die zurückhaltend sein sollenden Farbrichtungen Sand oder Kamel an gewissen Tagen eine ganz erstaunliche Leuchtkraft haben und unerwartet laut „Ich bin neu, ich bin superschick!“ durch den Park rufen können.

Marktschreierische Dezenz, was es alles gibt.

Falls Sie noch etwas nachgehen und sich erst einstimmen müssen, hier habe ich noch einige hilfreiche Handreichungen von der Knef, von Belafonte, Kate Wolf, Chris Rea, Shirley Horn, Frank Sinatra und Sarah Vaughan.

„Und, sind die auch wieder alle tot?“, könnten die Söhne jetzt spöttisch fragen, wie immer, wenn es um meine Musik geht. Und die Damen und Herren sind, Moment, ich überlege kurz – nun ja.

Es ist wohl so.

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