In die Bilder hinein, durch die Bilder hindurch

Auf meiner nachmittäglichen Spaziergangrunde wende ich seit einiger Zeit immer am Rathaus. Genauer gesagt wende ich dort, indem ich durch den Innenhof gehe, dann auf der anderen Seite zurück. Durch diesen Neorenaissance-Hof mit dem so attraktiven Hygieia-Brunnen also. Gestiftet vom Senat nach der vorerst letzten großen Cholera-Epidemie in der Stadt. Mehr Italien-Feeling geht kaum, abgesehen vom Anblick der Alster-Arkaden unter blauem Himmel vielleicht. Es hat ein wenig Florenz-Charme, sich im großen Hof umzusehen und etwas zu verweilen. Aber es ist auch dann charmant und immer wieder beeindruckend, wenn man nur kurz hindurchgeht.

Hamburger Rathaus im Weitwinkel

Ich gehe oft nicht nur hindurch, ich sehe mich auch um. Ich höre den Touristen ein wenig zu, ich rate Sprachen und Herkünfte und versuche, auf Merkmale zu achten. Und ich mache vielleicht auch einmal ein Foto. Was aber hier etwas peinlich ist, weil doch alle Touristen dort Fotos machen und man dann aussieht, als sei man auch so einer, was in der eigenen Stadt doch stets kränkend ist.

Ich ging dort jedenfalls schon durch sicher Tausende von Aufnahmen. Durch Bilder und Videos, durch Familienporträts und Selfies mit Selbstauslösern, durch ambitionierte Architekturaufnahmen usw. Wenn gutes Wetter und Ferienzeit sind, dann kann man dort einfach nicht hindurchgehen, ohne hinterher auf etlichen Fotos und Videos zu sein. Was man in einem Hamburg-Krimi gut verwerten könnte, aber das nur am Rande.

Innenhof des Hamburger Rathauses

Bei den gewöhnlichen Urlaubsbildern à la „Ich oder wir vor Attraktion“ kann man grundsätzlich zwei Hauptkategorien unterscheiden. Zum einen die eher unbeholfen wirkende und mittlerweile zügig veraltetende Variante, bei der sich jemand stumm und stocksteif vor etwas stellt und bemüht in die Richtung der Kamera lächelt, dabei vielleicht sogar noch auf etwas zeigt. Viele ältere Menschen machen das so, sie dokumentieren vermutlich auch ihre ganze Reise auf diese Art. Tante Lisbeth vor Brunnen, Tante Lisbeth vor Denkmal, Tante Lisbeth vor Alster. Es gibt unter Touristen, besonders aus Asien, auch Gruppen, die das mit einer Systematik und Akribie abarbeiten, die schon wieder nach Arbeit aussehen.

Und Tante Lisbeth oder ihre zigtausendfachen Varianten aus aller Welt stehen manchmal derart rührend verkrampft vor der Kamera, dass es mich an die Körperhaltung erinnert, mit der man damals bei Monty Python’s Flying Circus die Dorfdeppen dargestellt hat. Sie erinnern sich vielleicht.

Ich schreibe das allerdings ohne jede Herablassung, denn mein Ding ist es auch nicht, irgendwo elegant zu posen. Diese Begabung hat bisher niemand an mir nachweisen können, sie wird schlicht nicht vorhanden sein. Sehe ich eine Kamera, sieht diese Kamera im Umkehrschluss nicht mehr mich, sondern eine seltsam karikaturhafte Verzerrung von mir, der man die Anspannung und den Fluchtreflex sofort ansieht. Wie bei vielen Fotografierenden hat es einen guten Grund, warum ich immer hinter der Kamera bin.

Innenhof des Hamburger Rathauses

Es ist aber allen jenen gegeben, solcherart zu posen, die zur zweiten Hauptkategorie gehören. Die nämlich zu jeder Zeit und an jedem Ort instagramoptimiert und doch mit lässiger Eleganz herumstehen können. Als sei es ihre Natur. Mit passend gewählten und die Situation bereichernden Gesten oder Grimassen, dabei täuschend echt auch passende Stimmungen simulierend, als sei es das natürlichste Verhalten der Welt. Fast instinkthaft wirkt es manchmal, und wer weiß, vielleicht war die Evolution ja bei diesem Thema tatsächlich so schnell.

Es gibt dabei welche, besonders im jungen Erwachsenenalter, späte Teenies auch, da sieht das noch etwas albern und unreif aus. Als müsse noch ein, zwei Jahre geübt werden. Man erkennt aber schon, wie gut es werden wird, nach der Sturm-und-Drang-Phase. Es gibt auch welche, da muss man von einer eigenen Kunstform sprechen, wenn es um ihr Posen geht. Und es gibt welche, die es mit einer sympathischen, derart tiefenentspannten Selbstironie hinbekommen, dass man unwillkürlich und sogar im schnellen Vorbeigehen denkt: Ja, so ist es wohl richtig. Ihr könnt das, so gehört es.

Es gibt eine weitere Hauptkategorie der Bilder dort. Eine besonders auffällige Gruppe ist darin, nämlich die mit der Hochzeitsfotografie. Mit Zubehör und Ausrüstung, teils in beachtlichem Ausmaß. Manchmal auch mit Personal dabei, mit Reflektorhaltern und Visagistinnen, mit Styling-Beraterinnen und Hochzeitskleidbeauftragten, mit Schleppenträgern und mit Personen, die zwar umtriebig herumlaufen, deren Zweck man als Außenstehender aber nicht erkennt. Am Ende wechseln sie Kamera-Akkus oder dergleichen.

Soziologische Studien könnte man da machen. Denn je nach den Familienhintergründen fallen Styling, Symbolik, Farbgebung etc. stets etwas anders aus. Man erkennt aber auch, und ich finde es immer etwas familienromanmäßig, dass diese Hintergründe sich so mischen, wie es sich in Millionenstädten gefälligst gehört. Dass also etwa der offensichtlich arabische Bräutigam einen offensichtlich russischen besten Freund hat, dass die offensichtlich türkische Braut von einer offensichtlich deutschen Schwiegermutter betüdelt wird usw. Wobei das alles natürlich stets nur geraten ist und man sich immer klar machen muss, dass man in x Fällen falsch liegen wird.

Was aber über alle Hintergründe hinweg gilt: Das Hochzeitspaar sieht nicht unbedingt glücklich aus. Was man sofort nachvollziehen kann, wenn man selbst nicht gerne fotografiert wird, denn wie soll man da dann zwei Stunden mit prächtigem Lächeln stehen? Es ist fast ein Ding der Unmöglichkeit. Der eine Hochzeitsfotograf, der sein Brautpaar immer wieder und schon etwas verzweifelt wirkend mit „Mehr Glück!“ anschrie, wobei er mit den Armen wedelte, als würde er pausenlos kiloweise Konfetti werfen, er ist mir als innerer Running Gag erhalten geblieben. Ich höre seine Stimme manchmal noch rufen, wenn ich morgens aufstehe und vor den Spiegel im Bad schlurfe: „Mehr Glück!“

Hygieia-Brunnen im Innenhof des Hamburger Rathauses

Die Paare sehen oft auch deswegen nicht glücklich aus, weil ihre festliche Kleidung ganz banal nicht zur Außentemperatur passt. Weil etwa der Bräutigam in seinem Anzug sachte geschmort wird oder weil die Braut im schulterfreien Kleid dem Erfrieren nahe ist. Und wenn es schauert und windet, dann ist der Stress für alle gleich noch schlimmer: Alles zusammenraffen und in Deckung hasten, Kleid und Anzug und Deko und Blumen und Make-up schützen. Dann wieder vorsichtig rauskommen, witternd wie Erdmännchen, ob etwa noch einige Tropfen in der Luft sind. Dann die anderen auch rauswinken, weitermachen.

Bei den Frauen sieht es auch manchmal so aus, als würde ihnen die kunstvolle Frisur wehtun. Die ihnen jemand zwar sicher in bester Absicht, aber auch mit robustem Mandat angetan hat.

Und dann gibt es schließlich noch die, und auch die sind so selten leider nicht, da scheint das alles nicht zuzutreffen. Und doch sehen sie nicht glücklich aus, auch nicht fröhlich, nicht einmal gut gelaunt. Da wirkt das Unglück, das sie ausstrahlen, unheimlicher, echter und tiefer. Da möchte man jemandem im Vorbeigehen vielleicht ein warnendes „Sag nein!“ zuraunen. Als Nebenfigur mit einem sehr kurzen, aber doch ungemein wichtigen und vielleicht rettenden Auftritt.

Aber auch dabei, versteht sich, kann man sich täuschen. Das hält mich bisher noch zurück, und ich belasse es beim Beobachten.

Aber es ist nicht immer einfach.

Ein Sticker mit der Aufschrift "Liebe"

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