Dann war ich am Sonntagmorgen auf dem Hamburger Fischmarkt, der korrekt bezeichnet der Altonaer Fischmarkt ist. Wo ich erstaunlich lange nicht war. Bei einem so durchtrainierten Frühaufsteher wie mir wäre es eigentlich naheliegend, dort öfter hinzugehen. Denn Veranstaltungen, die um 5 Uhr morgens beginnen: Ja, bitte. In der gerade erst beendeten Ferienzeit ist es allerdings wohl doch eher etwas, das zu vermeiden ist. Man hat als Einheimischer immerhin den ganzen Rest des Jahres zur Verfügung.
Es war diesmal nicht so voll, wie ich es von meinen letzten Besuchen in Erinnerung habe, Straßen und Plätze locker mit Menschen befüllt, es war mir sehr recht. Ich wollte nichts kaufen, ich ging nur so dorthin, um mir den Markt und die Menschen anzusehen, daneben auch die Elbe bei Sonnenaufgang, was ich jederzeit empfehlen würde. Der Hafen ist sehr gut darin, langsam aus dem Dunkel einer Nacht aufzutauchen, aus deren Randzone noch die letzten Gäste einer nahen Party auf St. Pauli taumeln, aus der aber auch Schiffe ein- oder ausfahren und aus der heraus sich schon wieder Kräne drehen, die unendlichen Mengen von Containern zu verladen. Vermutlich haben sie durchgemacht, diese Kräne, nur nicht so lustig wie die umherirrenden menschlichen Partyreste.
Der Fluss im ersten Licht jedenfalls, das kann man sich einmal vornehmen. Es lohnt sich übrigens auch im Winter.

Beim Marktgeschehen kann man wieder Gruppen unterscheiden, und vermutlich selbst dann, wenn man sonst nicht zum Gruppieren neigt. Hier fällt es doch schnell und markant auf, dass es die Willigen, die Kundigen und die Mäkelnden gibt. Und nur am Rande noch die Beobachtenden wie mich. Wir fallen da aber nicht ins Gewicht, wir sind nicht viele.
Die Willigen, das sind jene seligen Menschen aus der Großgruppe der Städtereisenden, die alles großartig finden. Vor allem auch, weil sie eben gewillt sind, alles so zu betrachten, als sei es toll, korrekt reiseführergemäß inszeniert, instagramkompatibel, zu Geschichten für daheim führend, ein Video wert und all das. Die kaufen hell erfreut und staunend die großen Obstkörbe, die lassen sich kichernd auch kiloweise Salami und Schinken andrehen. Die tragen Käse in gewagten Kantinenmengen fort. Und sie stehen mit offenem Mund neben Aale-Dieter, den es – nun guck doch mal! – wirklich gibt, wie toll ist das denn.
Die bewundern den eleganten Bau der Fischauktionshalle. Sie schunkeln erwartungsgemäß zur Musik darin. Dann trinken sie ein Bier dazu, weil man es so macht. Sie essen zwei Fischbrötchen mit einer Andacht, als sei es Sternenküche für sechs Euro oder acht, wenn es mit Krabben ist.

Man muss sich diese Touristen unbedingt als glückliche Menschen vorstellen. Und sie sind es auch, welche die ganze Veranstaltung eigentlich ausmachen, den gesamten Fremdenverkehr, den es nur ihretwegen gibt.
Zwei davon bitten mich, sie zu fotografieren. Sie sinken sich vor mir in die Arme und strahlen um die Wette, die beiden Rentner aus einer Gegend, die ich vom Tonfall her nahe am Ruhrpott verorten würde. Sie mit dem obligatorischen Obstkorb, er mit der Salami. Weil es so gehört.
Die Kundigen, das sind die, welche hier ernsthaft einkaufen. Wie etwa der Mann, der so auffällig zielstrebig zu dem einen Fischhändler geht, wo er auch so auffällig begrüßt wird, und wo jemand dann etwas von hinten holt, von hinter dem Stand. Etwas, das in einer Tüte ist, und vermutlich ein Fisch der besonderen Art. Den der Kunde betrachtet, daraufhin erfreut nickt und mit beiden Händen Gesten macht, als würde er etwas zerteilen oder filetieren, und der Händler nickt, hebt einen Zeigefinger und ergänzt noch etwas, es ist ein Gespräch unter Topcheckern.

Menschen, von denen man vermutlich etwas lernen könnte. Wie auch von der Frau, die lange und detailreich mit dem Kakteenhändler diskutiert, oder von der, die einigen willigen Touristen das mit der Reife der Melonen genau erklärt, mit Beispielen, die sie einfach aus der Auslage greift, wozu dann auch wieder das Personal des Standes etwas zu ergänzen hat, so dass es ein ganzer Kurs über die Fruchtreife wird.
Beim Pflanzenkönig will jemand nicht irgendetwas, sondern eine bestimmte Pflanze, die von da hinten, die unten steht, die vierte von links, und es kommt mir unerfindlich vor, worin sie sich von anderen unterscheiden soll. Aber sie wird es wissen, denke ich mir, sie wird es wissen.

Die Kundigen gehen schnell und verhandeln zügig. Sie wirken geschäftiger als der Rest und das Herumstehen und Gucken ist ihre Sache nicht.
Die Mäkelnden sind natürlich das Gegenteil der Willigen. Sie sind angereist, um schlecht zu finden, und zwar alles und gründlich. Das Obst ist zu gammelig, die Fischbrötchen sind zu teuer, der Kaffee ist zu kalt und das U-Boot-Museum ist noch geschlossen. Und da, war das nicht ein Regentropfen? Haben sie es nicht gesagt? Regnet es nicht immer in dieser Stadt? Es stehen ihnen auch dauernd andere Menschen im Weg herum und diese Möwen! Sie fliegen zu tief über die Köpfe hinweg und ihre Schreie sind nicht schön. Eine Frau stupst mich an einem Obststand mit dem Ellenbogen an und weist mit dem Finger auf einen Pfirsich, der angeschimmelt aussieht. Kein einziges Wort dazu, nur gehobene Augenbrauen und ein Blick, der sagt: So nämlich geht es hier in Wahrheit zu. Ich nicke und da lächelt sie dünn. Denn auch diese Menschen freuen sich, wenn sie etwas erreicht haben.

Unterm Strich, so sagen sie schließlich, wenn sie wieder ins Hotel oder weiter zur Stadtrundfahrt oder auch nach Hause gehen, unterm Strich ist das hier wie aber wie fast alles: stark überschätzt.

So ungefähr mischt es sich, und da hindurch gehen noch Menschen wie ich. Die gar nichts wollen, außer Notizen, Fotos, Gedanken, Erinnerungen, Eindrücken. Jäger und Sammler ohne festes Beuteschema, aber gucken kann man ja einmal – und muss man vor allem auch einmal. Es ist ein Trieb, und man hat ihn oder man hat ihn nicht.
Davon abgesehen, und es hat mich etwas überrascht, fiel mir auch auf dem Fischmarkt auf, was schon beim Jazz Open deutlich zu bemerken war, nämlich dass die Stimmung eher gut war. Eher entspannt, eher lässig, eher freundlich. Es gab sogar Mäkelnde, die meinten das alles vielleicht nur scherzhaft. Es schien mir außerdem so zu sein, als würden erstaunlich viele Menschen dort ins Gespräch kommen, und nicht nur von Kunde zu Händlerin, auch unter den Einkaufenden, unter den Bummelnden.
Am Ende ist es eine Entwicklung? Na, wie auch immer, ich werde das weiter beobachten. Und ich werde nach Möglichkeit berichten.

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