Wie sieht es eigentlich mit dem phänologischen Kalender aus? Wir haben doch gleich schon September, da sind Menschen wie ich schon etwas aufgeregt, denn da müsste doch … Okay. Ich habe eben nachgesehen. Das ist hier recht einfach, denn auf dem Spielplatz unten steht eine große Eiche, also die korrekte Zeigerpflanze. Ich muss nur eben aus dem Fenster sehen, um die aktuelle Lage zu überprüfen. Und es verhält sich so, dass der Baum noch grün, die ersten Blätter aber ganz eindeutig gelb sind. Und dass auch der Anblick insgesamt einen unverkennbaren Stich hat. Als hätte man in einer Foto-App ein klein wenig an einem Regler gedreht, als hätte man die Temperatur so einen Millimeter auf der Skala verschoben, et voilà: Wir haben es also viertel vor Vollherbst, stellen wir zufrieden fest.
Schön, schön. Immer muss man auch die tröstlichen Entwicklungen im Auge behalten, es gibt schließlich wenig genug davon.
Aber apropos tröstlich. Am Sonnabend war ich kurz an den Landungsbrücken und direkt davor beim Start des jährlichen Demoraves – „Reclaim Hamburg“ (hier auch der Instagram-Account dazu). Das Motto war: „Alles Gute kommt von unten“. Es ist eine Demo mit lauter Musik für soziale Teilhabe, gegen den Rechtsruck, gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Sexismus. 6000 oder 10000 Teilnehmende waren es in diesem Jahr. Je nachdem, welcher Quelle man glauben möchte, von Polizei bis Veranstalter.


Ein Rave ist nun von der Musik her und bezogen auf Stil, Tanz und Durchschnittsalter der Teilnehmenden sicherlich so gar nicht meine Welt. Aber man kann und sollte sich so etwas auch einmal ansehen, einfach nur, um plakatelesend und zufrieden nickend murmeln zu können: „The kids are alright.“ Das ist auch wichtig und hilfreich im Alltag. Selbst dann, wenn man die selbstgemachten Kids in der Menge diesmal nicht ausmachen kann.
Danach ging ich, um mich eher wieder in meine seniorige Musikrichtung zu begeben, zum Jazz Open in Planten & Blomen, das mir gar nicht bekannt war. Den Hinweis darauf hatte ich am Morgen erst aus dem Augenwinkel auf Instagram gesehen. Es findet aber, wie auch der Demorave, der mir allerdings ebenfalls bisher nicht geläufig war, jährlich statt. Was wieder schön beweist, was bei mir längst ein Running Gag ist: Ich kann mir noch so viel Mühe geben, die Termine in dieser Stadt, die mich mindestens vage interessieren könnten, sämtlich mitzubekommen und frühzeitig einzuplanen – es ist aber schlicht ein Ding der Unmöglichkeit.
Man muss es wohl so hinnehmen und die Sache eher als ein Glücksspiel auffassen.


Die Musikerinnen und Musiker, die dort gerade spielten, machten das zwar, soweit ich es beurteilen kann, ganz hervorragend, aber es war leider etwas mit „Fusion“ und „Cross-over“ in der Beschreibung, und da bin ich leider oft raus. Ich habe einen schrägen Geschmack, aber doch mit Lücken in einigen schrägen Bereichen, pardon. Vermutlich reichen meine Kenntnisse in manchen Fällen nicht aus, um die Darbietungen ausreichend würdigen zu können. Siehe auch klassische Musik, gleiches Problem.
Um mich dennoch freuen zu können, denn ich hatte Freude wahrlich dringend nötig, stellte ich aber fest, dass diese Veranstaltung erstens sehr gut besucht war und dass zweitens die Gäste in vielen Fällen sympathisch aussahen und mehrheitlich einen ungemein entspannten Eindruck machten. Besonders diejenigen, welche sich so etwas wie Campingstühle oder Liegen mitgebracht hatten. Und in einigen Fällen so darauf saßen oder lagen und wirkten, als seien sie kurz davor, per Jazzmeditation im Geiste vollkommen neue Dimensionen zu erreichen, die nie ein Mensch zuvor …
Das gehörte dann wieder zum globalen Offline-Trend. Einfach mal bei einem Konzert wieder gründlich zuhören, sich versenken und innerlich abhauen. Schon schön. Und zwar selbst dann, wenn man gar nicht mitmacht.
Die Musik war also zwar nicht meine, aber ich ging da dennoch mit Gewinn durch das Publikum. Falls Sie dort waren: Da können Sie mal sehen, wie man manchmal sinnvoll und stimmungsaufhellend auf andere wirken kann, ohne das Geringste davon zu bemerken.
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