Das jährlich stattfindende Nachspiel des Sommers fand nun auch statt. Inklusive dieses einen Abends, der wie eine allerletzte Zugabe wirkte. Noch einmal dieses Augustfeeling einer fast tropischen, jedenfalls aber eindeutig südlich wirkenden Nacht, oder, um es wieder mit Benn zu sagen, noch einmal das Verlangen, der Rausch, der Rosen Du.
Man saß folgerichtig in voller Besetzung in der Außengastro und genoss intensiv, leicht wehmütige Abgesänge mit Aperol. So sah es zumindest im Vorbeigehen aus.
Dazu in den Vollmondnächten ein kaum je gesehenes Licht über dieser Stadt, welches Merkwürdigkeiten erwarten ließ. Wunder vielleicht auch, Fantastisches unter Umständen. Wozu es dann zwar meines Wissens nicht kam, aber vielleicht war auch schon die Erwartung schön. Auf jeden Fall aber der staunende Blick in den Himmel.

Am Abend an der Außenalster all die Menschen am Ufer. Ausnahmsweise mehrheitlich eher leise. Oft auch einzeln. Wie sie da saßen und auf den Mond sahen, welcher in Bestform aufging und dann eine derartige Performance hinlegte – also ein wenig ausgedacht, überzogen und verkitscht wirkte es schon.
Aber es war, wie es war, man sah es ja. Man rief sogar, ich hörte es mehrfach, andere Menschen an, um die einigermaßen dringende Empfehlung „Guck mal raus und nach oben! Jetzt!“ durchzugeben.
Ich ging da auch entlang. Ich hörte mich dabei durch das ungeheuer beeindruckende und auch sympathische Gesamtwerk von Guy Davis und empfand dies in Verbindung mit der Beleuchtung als einigermaßen beglückend. In einer Ausprägung, die mir nicht jeden Tag zur Verfügung steht.
Zwischendurch stand ich lange am Ufer, wie die anderen auch. Ich sah auf die andere Seite und auf den ungeheuren Mond darüber. Ein Mann neben mir, etwa in meinem Alter, sah mich an und sagte: „Das ist aber auch … was? Das ist doch …“
„Ja“, sagte ich, „das ist wirklich …“

Denn Eloquenz muss auch nicht immer. Und einem Vollmond in der spektakulärsten Ausprägung wird man aller Wahrscheinlichkeit nach eh nicht gerecht, da muss man sich sprachlich gar nicht erst viel Mühe geben. Man ist immerhin nicht Eichendorff oder dergleichen. Man ist nur Buddenbohm oder was auch immer. Und man kann auch nicht einmal ansatzweise den Blues, so wie Guy Davis es kann.
Man hat diesen Blues nur ab und zu, und das ist etwas ganz anderes.





Der andere Mann sah weiter nach oben und sagte nichts mehr. Ich ging weiter, und ein anderer Mann, wiederum in meinem Alter, denn wir sind immerhin verdammt viele in dieser Gesellschaft, grüßte mich beiläufig. Ich kannte den Mann mit einiger Sicherheit nicht, grüßte aber selbstverständlich zurück. Als würde man das hier so machen.
Was mich daran erinnert, ein Update unterzubringen, das ich schon längere Zeit im Sinn hatte. Nachdem ich es nun einen ganzen Sommer lang beobachtet habe, nachdem ich es in verschiedenen Stadtteilen und auch zu unterschiedlichen Uhrzeiten habe auf mich wirken lassen, möchte ich nämlich die Behauptung wagen, dass der Vibe dieser Stadt sich etwas verschoben hat.
Warum auch immer. Vielleicht liegt es am Klimawandel, wir nähern uns Projektionen zufolge immerhin allmählich dem Klima von Köln an. Später auch Mailand, noch später Toulouse, da werde ich dann allerdings nicht mehr dabei sein.
Vielleicht liegt es auch an der sich ständig wandelnden Zusammensetzung der hier wohnenden Menschen. Vielleicht liegt es an anderen Faktoren, aber es ist hier jedenfalls etwas südlicher in der Anmutung geworden. So insgesamt.
Ein wenig nur, wir wollen nicht übertreiben, aber doch. Ein klein wenig offener ist es. Eine Winzigkeit smalltalkaffiner auch, wie man an Ampeln etc. mittlerweile leicht feststellen kann. Und überhaupt kommt es mir hier und da etwas lässiger und legerer vor.
Ich werde das weiter beobachten, versteht sich. Aber als Bilanz des Sommers 26 scheint es mir doch eine einigermaßen abgesicherte Feststellung zu sein.
Zwar sehe ich auf Seiten wie etwa Reddit nach wie vor die manchmal verzweifelt klingenden Posts von Zugezogenen, die sich und andere fragen, wie zum Teufel man in dieser Stadt denn bloß Menschen kennenlernen könne. Weil die Mechanismen, die sie aus anderen Städten kennen, hier einfach nicht zu greifen scheinen. Das ist also schon noch wie früher und wie gefühlt immer.
Aber wer weiß – hätte ich auch diese Meldungen seit einer Weile schon gezählt, ich könnte vielleicht jetzt belegen, dass es deutlich weniger geworden sind.
Ich würde das nun nicht mehr ausschließen.
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